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Einige abschließende Worte


Wer nichts weiß, muß alles glauben.
Marie von Ebner-Eschenbach.

Wir haben natürlich wenig vorgebracht, was dem Fürsten zugute käme. Das besorgten und besorgen Andere – wie wir gezeigt haben – auch ohne uns im Überfluß, während wir uns hier hauptsächlich um jene heiklen Briefstellen gekümmert haben, die uns angehen. An unserem Respekt für den Fürsten soll es bei passender Gelegenheit nicht fehlen, doch Gerechtigkeit lassen wir ihm auch mit dem Obigen durchaus widerfahren.

Wir wollen den geschätzten Leser nun natürlich nicht allein lassen mit den Trümmern seines Pücklermonuments. Der („bessere“) Mensch des 19. Jahrhunderts – der ersten Hälfte – war sexuell wesentlich freizügiger, als wir uns das heute vorstellen können. Der echte Romantiker gab nichts auf Konventionen; er trug langes Haar, verluderte Klamotten und kaputte Stiefel, fluchte und benahm sich dementsprechend – ein Hippie. Hippies mit Geld und gepflegterem Äußeren hießen damals Pückler (oder Dandys), gestern hießen sie (Playboy) Gunter Sachs, und heute gibt es eigentlich gar keine mehr. Sexualität spielte für die (Selbst-)Darstellung einer Person damals keine geringere Rolle als heute. Pückler nutzte auch dieses leicht und dabei effektvoll zu handhabende Instrument, um sich in den Augen seiner Mitmenschen eine Vorzugsstellung zu verschaffen, und bediente sich der Fama zu diesem Zweck ebenso souverän wie in den oben angedeuteten („Mücken zu Elefanten“) Fällen.

Pückler konnte Menschen verzaubern, betören, einwickeln, und vielleicht war gerade das aus innerer Not heraus geborene Mephistophelische seines Charakters sein wesentlichster Zug. Ein kluger Mann hat nämlich einmal gesagt, wer sich den Teufel häßlich und mit Klumpfuß vorstelle, sei auf dem Holzwege, denn ein solcher könne niemals verführen. Dazu sei nur einer imstande, der gutaussehend, klug und charmant sei.

Wo Licht ist, da ist viel Schatten, und wo Schatten ist, da ist auch Licht. Ein Gewinn, eine neue Erkenntnis aus unserer destruktiven Analyse könnte zum Beispiel in der Beantwortung der Frage bestehen, was am Menschen denn eigentlich „echt“ sei? Was er von Geburt an in sich trägt oder was er daraus macht; der Kern oder die Schale? Viele Früchte mit delikatem Kern haben eine ungenießbare Schale; umgekehrt kommen viele Früchtchen mit ungenießbarem Kern in einer properen Schale daher.


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Unerfüllte Sehnsucht gleitet ab ins Monströse – „Pücklers schier unersättliche Sinnlichkeit“, seine Maßlosigkeit in allen Dingen und zahlreiche Widersprüche werden mit diesem Axiom erklärbar: Unrast, exzessives Reisen, die überstürzten Aufbrüche, Zynismus, Großspurigkeit und Rücksichtslosigkeit im Umgang mit Personen, deren er sich sicher glaubte, erweisen sich tatsächlich als innere Notwehr. Wir haben bereits den Begriff „Groupie“ benutzt. „Borderline-Syndrom“ wäre eine weitere Kategorie, die auf den Fürsten Pückler paßte. Dem Leser, der die beiden Begriffe erläutert haben möchte, sei an dieser Stelle ausnahmsweise einmal die Wikipedia empfohlen. Willi A. Boelcke und Hermann Graf von Arnim haben bereits 1972 darauf hingewiesen, daß Pückler eine Goldgrube für einen Psychiater wäre. Wir schließen uns dem an und bedauern aufrichtig, nicht selber Psychiater zu sein.

Richtig ist in diesem Zusammenhang auch ihre in Muskau getroffene Feststellung: „Wäre Pückler den bescheidenen Verhältnissen der deutschen Bürgerlichkeit entsprossen, so hätte er, leicht möglich, die Zahl der problematischen Dichter, der zerrissenen Literaten um einen weiteren Fall vermehrt. Dem Grafensohn, dem Standesherrn mit eigener Gerichtsbarkeit, dem Fürsten und der späteren Durchlaucht verliehen soziale Verankerungen [wir fügen hinzu: und Geld] einen Halt.“

In Arnstadt und Bad Muskau kann man sehen, was man mit viel bzw. sehr viel Geld aus einer Neurose machen kann. (In Arnstadt sind die Reste der Puppenstadt „Mon Plaisier“ zu sehen, mit deren Anfertigung die Fürstin Augusta Dorothea von Schwarzburg-Arnstadt Anfang des 18. Jahrhunderts jahrelang den gesamten Hofstaat beschäftigte, um ihre Kinderlosigkeit zu kompensieren. „Mon Plaisier“ war der kulturhistorisch bedeutendste Teil ihrer Sammelleidenschaft, durch die sie sich hoch verschuldete.)

Das (Selbstver-)Marketing-Genie Pückler entpuppt sich mithin als ein Getriebener, der exzessiv gelebt hat, so gut es seinem Naturell möglich war, um einen Makel zu verbergen, der ihn in den Augen seiner mit unerbittlichen Maßstäben messenden, verständnislosen Mitwelt lächerlich gemacht haben würde.

Das Tüpfelchen auf das I einer geläuterten Fürst-Pückler-Biographie zu setzen, muß allerdings künftiger Forschung vorbehalten bleiben, denn was jetzt zu tun wäre, entspricht der berühmten Suche nach der Nadel (oder einer halben!) im Heuhaufen. Es wären nämlich trotz einer von Pücklers Seite her offensichtlich bereinigten Überlieferung hier und da noch entsprechende (Be-)Funde denkbar.

Zum Beispiel könnte einer der Feldschere, die in den Ranglisten der Einheiten genannt werden, in denen Pückler Dienst bzw. keinen tat, diesbezüglich etwas hinterlassen haben. In den Jahren 1804 und 1805 waren das der Oberfeldscher Johann Gottlob Fraenzel, der Stabsfeldscher Gottlieb Friedrich Reppe und die Feldschere Gotthelf Heinrich Draht und Johann Christoph Abraham Fehtzsch. Zu allen außer Draht gibt es, wie für die adligen Offiziere, in Dresden auch genealogische Aufzeichnungen. Ebensogut könnte aber auch jeder andere des in Frage kommenden runden halben Hunderts Regiments- und Kompanieführer Biographisches mit entsprechenden Fingerzeigen hinterlassen haben; irgend ein Dresdener Bürger, dessen Nachlaß noch unentdeckt in irgendeinem (Familien-)Archiv schlummert, oder irgendwer, an den im Moment noch gar nicht zu denken ist. Aber ein solches Riesenfeld ist für uns – siehe ganz oben – leider ein zu weites Feld.

Lassen wir nun Hermann Fürst von Pückler-Muskau das letzte Wort in dieser heiklen Sache: „Man muß nie zu genau den Motiven menschlicher Handlungen nachforschen, wenn nur ihre Resultate gemeinnützig sind. Im tiefsten Grunde wird man vielleicht bei allen den ersten Keim stets im Egoismus finden, der sich unter Millionen verschiedener Formen verbirgt.“

Damit ist alles gesagt und nichts getan. ■

Zum Anhang 1: „Der Schloß-Secretair berichtet.“

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