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Nachtrag zum ersten Kapitel


Suchet, so werdet ihr finden.
Matthäus 7,7.

Genasführt von einer Koryphäe, die behauptete, allen Spuren aus Pücklers „Jugendzeit“ gewissenhaft nachgegangen zu sein, haben wir natürlich auch darauf verzichtet (siehe ganz oben), uns nach den Unterlagen umzusehen, die Pücklers Militärzeit 1803 bis (nominell) 1806 betreffen. Ermuntert durch einen Freund, haben wir uns ausnahmsweise noch einmal um Primärquellen bemüht und sind – wen wundert’s? – fündig geworden.

Im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden fanden sich gleich mehrere einschlägige Akten, darunter der „Personennachlaß Karl Alexander Edelmann (1814-1888)“.1 Er enthält unter anderem die „Aufzeichnungen eines Ungenannten/ über das/ Leben in Muskau, Beziehungen zur/ gräfl. Pücklerschen Familie, von 1802-1806/ ferner über des Schreibers Sohn (Taugenichts, Officier, etc.) 1801-1809.“

Das etwas konfus bezeichnete Dokument besteht aus zwei Teilen. Zum einen sind das 22 eng beschriebene Seiten mit tagebuchartigen Notizen über das Leben am Muskauer Hof (siehe unten); zum anderen ist es ein sechs ein halb Seiten langer, nur bis zur Verleihung des Fürstentitels 1822 (!) reichender, handschriftlicher Auszug aus einem Artikel über den Fürsten Pückler aus der Feder eines „K.W.“ in der Familienzeitschrift, Zitat: „Daheim. XXII. Jahrgang. 1886 No. 47, S. 740 Fürst v. Pückler Muskau“.

Wir zitieren einen Absatz jenes Artikels nach der stellenweise gekürzten Abschrift, weil sich deren anonymer, mit den Muskauer Verhältnissen vertrauter Verfasser merkwürdigerweise auch genau auf das uns Interessierende konzentriert hat. Er bereichert den mysteriösen Zeitabschnitt um ein weiteres interessantes Detail: „Der Vater [...] gestattete dagegen den Eintritt als Offizier in die sächsischen Gardes du Corps in Dresden, wo das tolle Leben Hermanns erst recht in Blüte trat. Die Geldvergeudung führte zum Bruche zwischen Vater u. Sohn, der 1804 den Abschied nehmen mußte u. zunächst ganz hilflos war. Endlich vermittelte ihm der sehr ergebene Sekretär seines Vaters, Wolff, eine Aussöhnung, wodurch ihm jährlich 4000 Tlr. zugesichert wurden, um fern v. Muskau auf einer Reise über sein Schicksal nachzudenken. Im Sommer 1806 reiste Gr. Pückler langsam über Prag nach Wien [...]“

Der „arme“ Pückler reist durch Europa – wir (die Esoteriker) erinnern uns: Die jährliche Apanage, die Hermann von Pücklers Mutter für die Abtretung der Standesherrschaft Muskau an ihren geschiedenen Ehemann erhielt, betrug 6.000 Taler. (Das nur am Rande.)

Auffällig aber auch hier wieder der unvermittelte Sprung aus dem Jahre 1804 in das Jahr 1806. Interessanter noch als jenes Exzerpt aber sind die handschriftlichen Aufzeichnungen aus den Jahren 1801 bis 1809. Angefertigt wurden sie – die Notizen geben es leider nicht eindeutig preis – von der Mutter oder dem Vater eines „Taugenichts“, welcher August hieß und sich anfangs in Begleitung eines Erwachsenen und später allein in Stettin, Görlitz, Dresden, Leipzig, Stuttgart, Sagan (wo er sogar einen Polizei-Inspektor verprügelte) und anderswo mehr schlecht als recht durchs Leben schlug, und das im wahren Sinne des Wortes: Händel, Streit, Schlägereien, Duelle, Verhältnisse mit Dienstmädchen, Entlassungen, Geldbußen und Schulden – den armen Eltern (einiges spricht für die Mutter, eine Witwe) blieb nichts erspart. Die Mehrzahl der Notizen sind denn auch Stoßseufzer wie „Ein Undankbarer, Heuchler, Lügner u. Verschwender. Ach Gott, das thut weh“, „Seit 7 Jahren enthalten alle seine Briefe im glücklichsten Falle nichts, mehrentheils Hiobsposten. 1806 aus Graudenz, Werbelin, 1807 aus Görlitz, Dresden täglich, 1808 aus Spandau, Berlin, Dresden, 1809 keine aus Stuttgard da es ihm wohl ging, nun die Schreckensposten u. Requisitionen aus Leipzig u. Dresden.“ oder „Am Geburtstage: Sollten nicht in des Allmächtigen und Allweisen Händen sich Mittel finden, daß gerade die bisherigen Verirrungen meines Sohnes zu s. Besten dienen u. meine Ängste befriedigen könnten“, „Gott laße nach 6 angstvollen Jahren mich einmal Freude an meinem Sohn erleben.“

Die übrigen Kinder der Familie, namentlich werden die zwei Töchter Caroline und Christel genannt, schienen besser geraten zu sein. Mit dem Kürzel „Fr.“ könnte sowohl „Frau“ wie auch „Friedrich“ oder ein anderer mit „Fr.“ beginnender Name gemeint sein, vermutlich jedoch eins der Elternteile, von denen ansonsten aber seltsamerweise nie die Rede ist. Ein Bruder, der in den Strudel der Kriegsereignisse geriet und verarmte, kam gelegentlich zu Besuch; über den Vater der oder des Ungenannten ist zu erfahren: „25ten Septbr. [1808.] M. Vater bekam die Nachricht, daß er die hies. Einnehmerstelle erhält.“ Die Angaben zur eigenen Person sind so spärlich, daß – zumindest uns – selbst ein mit der Post eingetroffenes „Paar Ohrringel“ nichts über ihr Geschlecht und damit ihre Position innerhalb des Manuskripts (also Vater oder Mutter des Augusts) verrät. „Jetzt ist er [der Sohn] Adj. des Prinzen und hat 7 schöne Pferde“ lautet übrigens der letzte Eintrag!2

Die Blätter enthalten zwar keine Details, auf deren Grundlage wir unser Thema mit einem eindeutigen Befund abschließen könnten, jedoch eine relativ kompakte – natürlich aus dem Erleben der/ des Ungenannten heraus selektive – Chronik der am Muskauer Hofe gewöhnlichen Tagesereignisse, wie Aufführungen von „Comödien“, Geburtstagsfeiern, Gesellschaften und „Gevatterschaften“, Bälle, Soupers, Diners, „Feten“, Vogelschießen, Schützenfeste und dergleichen, sowie besondere Vorkommnisse wie den für Leopold Schefer so bedeutsamen Tod Alexander Röhdes in Rußland. Vor allem werden all jene „Großereignisse“ aufgelistet, an denen oft auch die ungenannte Familie oder einzelne ihrer Mitglieder teilnahmen. Hauptsächlich waren das die Fêten in Form der Geburtstagsfeiern der gräflichen Familie: Des Grafen, der (alten und jungen) Frau Gräfin und der Comtessen Clementine und Agnes, soweit sie in Muskau anwesend waren; der Name Biankas, Pücklers zweitältester Schwester, fehlt beispielsweise bis zu ihrem 16. Geburtstag im Jahre 1808. Verschiedentlich wird auch der Familienname genannt, den das Nachlaßkonvolut trägt, in welchem sich die bemerkenswerten Aufzeichnungen befinden: „19. April. [1805.] Die Gräfin zelebrirte ihrer Schwester Geburtstag bei Edelmann. Ihr Wille, eine große Gesellschaft zu bewirthen, war gut, aber die Witterung nachmal nicht“, an anderer Stelle: Am „23 Mai. Sonnabend Waren wir von der alten Gräfin in Edelmanns Garten gebeten, weil Weißen sein Geburtstag war.“ Mit Edelmann ist nachweislich der Direktor des Muskauer Hofgerichts Heinrich Edelmann gemeint, dem Biographischen Lexikon der Oberlausitz nach des Nachlassers Vater, dessen Rede zur „Vereydung“ Pücklers 1811 Wolff in seinen „Merckwürdigen Begebenheiten“ mitteilt. Wie die Aufzeichnungen in seinen und nachher in des Sohnes Besitz gelangten, ist aufgrund der weiter oben beschriebenen Ausgangslage nicht nachvollziehbar. An bekannten Personen kommen weiterhin vor: Der Vorgänger Edelmanns, Hofgerichtsdirektor Hempel, der Hofrat Röhde, dessen Sohn Georg, der Superintendent Vogel, die Hofprediger Brescius und Petrick, der Faktor Flach aus Keula, ein Herr von Kracht, der Rektor Seidel, Leopold Schefer und viele andere mehr. Von letzterem wird berichtet: „14. Juni. [1806.] Schießen. Röhde, Flach, Schefer u. alle jungen Herrn. v. Musk. waren da. Abends gesungen, zum Spinet“, am „15. Febr. [1807.] Gingen mit in d. Kirche. Vogel u. Schefer spielten Orgel“, und am 26. Mai 1806 hielt der/die Schreiber/-in fest: „Radauh. Röhde u. Schefer gingen klettern. (auf die Stange)“.

Es fällt auf, daß wiederum der Graf Hermann von Pückler in den Jahren 1804 und 1805 (auch 1801 bis ’03) gar nicht und im Jahr 1806 erst im Juli auftaucht. In den „Aufzeichnungen eines Ungenannten“ wiederholt sich also ein weiteres Mal die biographische Lücke, das sogenannte „verlorene Jahr“ im Lebenslauf Hermann von Pücklers; ein undurchdringliches „schwarzes Loch“, angesichts dessen sich nun endgültig der Eindruck einer gründlichen biographischen Retusche aufdrängt: Daß er sich in Muskau über anderthalb Jahre lang vor seinen Gläubigern versteckt haben könnte, ohne sich gelegentlich in einer Weise bemerkbar gemacht zu haben, die eine Erwähnung in diesen detailreichen „Aufzeichnungen“ wert gewesen wäre, ist bei seinem auf Skandal fixierten Naturell vollkommen unwahrscheinlich. Die beiden einzigen, aufeinander folgenden Einträge aus dem Jahre 1806, die Hermann von Pückler erwähnen, sind zudem sehr rätselhaft:

„4. Juli. Bleiche. Ich war den ganzen Tag [furchtbar besch.].
Nach 7 Uhr kam Graf Hermann heraus geritten u. blieb eine wenige Zeit da stehen u. indem ging Röhde vorbei.
11. Juli. Wir hatten auch d. Unglück, mit Hermann gehen zu müßen.“

Wer mußte hier mit Hermann wohin gehen? Und warum? Und warum war das ein Unglück?


sex35 aufzeichnungen unbekannt 1806
Foto © Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden

Ein weitere, wesentlich bedeutsamere Entdeckung im Sächsischen Hauptstaatsarchiv lieferte endlich einen ersten konkreten Hinweis auf eine ernsthafte Erkrankung Pücklers, denn wir fanden dort tatsächlich die Unterlagen der Garde du Corps, in der Pückler diente, und die es angeblich nicht mehr gibt. Dokumente wie die Musterungs- und Verpflegungslisten der Eliteeinheit, hervorgegangen aus der 1620 erstmals erwähnten „Hoffahne“, sind von 1681 bis 1868 nahezu vollständig und bis zur Auflösung des nunmehrigen Garde-Reiter-Regiments 1919 fragmentarisch vorhanden; gut lesbar, fein sortiert, sauber gebunden, seit Jahrzehnten uneingeschränkt verfügbar.

Im Konvolut „Garde du Corps 1803“ ist Pückler noch nicht erfaßt, weil er erst im August in das Regiment eintrat, die Revisionen aber jeweils im April stattfanden. Dabei wurden die Listen des Vorjahres übertragen und mit dem Ist-Zustand der Truppe abgeglichen. (Zu „Garde du Corps 1804“ siehe weiter unten.) Im Konvolut 1805 wird Pückler („1 Jahr 8 Monate dem Churhauße Sachßen“ gedient) noch als Souslieutenant in der Kompanie des Rittmeisters Ernst Ludewig von Bose geführt. 1806 bis 1809 fanden keine Revisionen statt, weil das Regiment mit den napoleonischen Truppen an Kampfhandlungen teilnahm. Pückler, der nachweisbar im Juli 1806 Muskau verlassen hatte, um Europa zu bereisen, Ende 1810 wieder nach Muskau zurückkehrte und sich die folgenden drei Kriegsjahre mehr oder weniger ziellos dahintreiben ließ, nahm erst ab 1814 unter anderen Fahnen am Krieg gegen Napoleon teil. Die Stamm und Rang Liste der Chur-Sächsischen Armee./ Auf das Jahr 1806./ Mit Churfürstlich Sächs: Privilegio gedruckt in Dresden verzeichnet auf Seite 69 jedoch seine Beförderung zum Premierlieuntenant mit Patent vom 28. September 1805. Als solcher wird er pro forma in den Ranglisten weitergeführt bis 1807, wo es dann heißt: „Entlassen wurden die [...] Prltns. Graf v. Pückler [...] mit Rittmstrs.Character“.

Die Bezeichnung der Revisionsliste des Konvoluts 1804 zitieren wir ausführlich: „Garde du Corps 1804. Sächsisches Hauptstaatsarchiv 11241, Musterungslisten Nr. 2918. Revisionsliste/ Von der, bei der Churfürstl.-Sächs. Garde du Corps, dem Herrn Obristen und Commandanten August Heinrich Dam von Pflugk gnädigst anvertrauten Compagnie/ Wie solche ultim Aprilis 1804 effective bestehet.“ (Darin auch: „Specification/ Derer bei der Compagnie sich befinden [!] Weiber und Kinder.“ In Pücklers Kompanie waren es 17 Weiber, 17 Söhne und 18 Töchter.) Die darin enthaltene Liste der Offiziere meldet – neben Herkunft, Familienstand, Konfession usw. – den Eintritt Pücklers als Souslieutenant am 26. August 1803 und vermerkt unter seinem Namen nachträglich mit roter Tinte „Krank“ !!!

Und damit sind wir am Beginn der ominösen biographischen Lücke von 1804 zu 1806 ...


sex 36 musterung dresden 1803
Foto © Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden

Zum nächsten Kapitel: „Einige abschließende Worte.“


Anmerkungen
1 Karl Alexander Edelmann (Bautzen 1814–1888 Dresden), nach Jurastudium in Leipzig Gerichtshalter und Stadtschreiber in Bautzen; 1842 Sekretär der Kreisdirektion in Bautzen, 1880 Direktor der Brandversicherungskammer in Dresden, Regierungsrat; publizierte zur Geschichte, insbesondere Rechtsgeschichte der Oberlausitz; Ehrenmitglied der OLGdW.
2 Die genannten Fakten in Verbindung mit einem undeutlich geschriebenen, mit etwas gutem Willen als „Jocksdorf“ lesbaren Ortsnamen, würden auf ein Mitglied der Familie von Kracht passen. Wir sind dem nicht weiter nachgegangen, weil es für unsere Sache selbst von untergeordneter Bedeutung ist.

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