5. Kapitel
Ein bißchen Sexualmedizin
Der einzige Mann, der wirklich nicht ohne Frauen leben kann, ist der Frauenarzt.
Arthur Schopenhauer.

Fassen wir noch einmal zusammen: Über Sophie, Henriette und Machbuba wollen wir uns nicht mit Bestimmtheit äußern, aber die übrigen sieben „Geliebten“ sind sexuell klipp und klare Nieten. Wir erinnern aber auch noch einmal daran, daß wir nur über doppelt gefilterte Informationen verfügen; wenn wir einbeziehen, daß Pückler schon bei der Niederschrift seiner Briefe einiges zurechtbog, sind sie dreifach geläutert. Bedienen wir uns der Sekundärliteratur, sind sie es sogar vier- bis Ohff-fach ...
Lucie, ohnehin in den Wechseljahren, lehnte er, wie wir gesehen haben, als Bettgenossin rigoros ab. Die übrigen sind verheiratete Frauen, selbstbewußte Künstlerinnen, gut behütete Halbwüchsige. Er kaprizierte sich also stets auf Frauen, von denen er annehmen konnte oder instinktiv ahnte, daß er sie nicht bekommen konnte. Ausführlich verbreitete er sich nur über namenlose Prostituierte und andere Anonyma, also nicht nachprüfbare Verhältnisse. Wir meinen, uns mit ihnen nicht abgeben zu müssen, denn wenn es um die Favoritinnen schon so dürftig bestellt ist, wird davon nur wenig zu erwarten sein.
Anderseits pflegte er „prekäre“ Verhältnisse zu beenden, indem er zu drastischen Mitteln griff (Sarah Austin), Zerwürfnisse provozierte (Ida Hahn-Hahn) oder sie einfach „ausschleichen“ ließ (Bettina von Arnim). Seine Prahlereien („über zehnmal vorgehabt“) und Schlüpfrigkeiten („Ist er drin?“) erhalten in diesem Kontext neue Bedeutung. Das „Schweinzen“ wird nicht nur zum Indiz für sexuelle Defizite, es belegt auch seine Strategie, Frauen gezielt zu beschämen und abzustoßen. Abgesehen von der ohnehin kaltgestellten Lucie, konnte ihm nur eine – Machbuba – nicht gefährlich werden (dafür hatte er mit seinem Fremdsprachenunterricht bestens gesorgt) und so ist denn auch dieses Verhältnis das einzige mit einem, von ihm außerordentlich schlecht verkrafteten, Ende wider seinen Willen.
Machen wir uns nach den Arabesken der zwei vorhergehenden Kapitel, die nötig waren, um das Bild zu runden, noch einmal unser Anliegen klar: Wir haben aus Äußerungen Pücklers, einer biographischen Lücke und verschiedenen Unstimmigkeiten in seiner Biographie die Vermutung abgeleitet, der Fürst könnte infolge einer Krankheit impotent gewesen sein und wollten das herausarbeiten. Ein wenig medizinhistorisches Fachwissen, populär aufbereitet, wird uns nun endlich auf die entscheidenden Sprünge helfen.
Wir kennen zwei Formen der Impotenz, die Impotentia generandi (die Zeugungsunfähigkeit) und die Impotentia coeundi (die Unfähigkeit, den Beischlaf zu vollziehen).
Zur Zeugungsunfähigkeit können kindlicher Mumps oder Hodenerkrankungen führen. Auch Geschlechtskrankheiten können diese Form der Impotenz zur Folge haben. Die „galanten Krankheiten“ waren allgemein verbreitet und gänzlich unheilbar, weil man ihre Ursachen nicht kannte; Arsenik und Quecksilberpräparate dämmten lediglich. Doch was wußte man damals überhaupt über die Zeugung? Es war nicht viel, und wenn Günter de Bruyn zum Beispiel das Gerücht von der „Zeugungsunfähigkeit“ August Wilhelm Schlegels erwähnt, bedient er sich einer Formulierung, die man damals zwar gebrauchte, die man jedoch nicht im heutigen Sinne auffaßte; nicht auffassen konnte.
Unternehmen wir einen kurzen Ausflug in die Urgründe der Genetik. Daß zur Vermehrung das Zusammenwirken männlicher und weiblicher Lebewesen gehört, stand spätestens seit der Antike außer Frage. Eine gegenseitige Befruchtung wurde aufgrund von Beobachtungen zwar angenommen, ihre Mechanismen indes lagen im Dunkeln. Zwei Theorien fanden letzten Endes über Umwege zueinander.
William Harvey (1578-1657) vermutete den Ursprung allen Lebens im Ei. Seine Theorie „ex ovo omnia“ ging davon aus, daß jedes Lebewesen von selbst aus einem Ei entstünde. Er scheiterte daran, daß er trotz zahlreicher sezierter Hirsche aus dem königlichen Wildgehege mit den seinerzeitigen Mitteln kein Ei in einem Säugetier finden konnte; einen indirekten Nachweis erbrachte erst 1672 der Niederländer Reinier De Graaf.
Als Antoni van Leeuwenhoek (1632-1723) unter dem von Christiaan Huygens verbesserten Mikroskop die Spermien entdeckte, vermutete man in diesen „ein präformiertes Lebewesen enthaltenden“ beweglichen Zellen den Ursprung aller Nachkommen.
Die Entdeckung der Eizelle gelang 1827 Karl Ernst von Baer (1792-1876), doch an den widerstreitenden, mitunter recht abenteuerlich-abstrusen Vermehrungstheorien änderte das vorerst nichts. Der Zusammenhang zwischen Sperma und Eizelle, obwohl bereits angenommen, war noch immer nicht hergestellt.
Erst 1875 gelang Oskar Hertwig (1849-1922) der Nachweis, daß die Befruchtung die Vereinigung eines Spermiums mit einer Eizelle ist.* Details über den weiblichen Fruchtbarkeitszyklus waren demzufolge unbekannt. Man praktizierte allgemein auch noch keine Aborte, und die an Frauen der ärmeren Bevölkerungsschichten vorgenommenen verliefen meist mörderisch.
Friedrich Ludwig Meissners enzyklopädische, mit ihrer konsequenten Systematik sehr modern anmutende Abhandlung Ueber die Unfruchtbarkeit des männlichen und weiblichen Geschlechts, ihre Ursachen, Erkenntniß und Heilart: Nebst einem Anhange über Jörgs Perforatorium (Leipzig, Hartmann 1820) faßt zusammen, was man damals über die Unfruchtbarkeit beider Geschlechter wußte bzw. glaubte. Sie war eine der ersten Schriften dieser Art, worauf Meissner in seiner Vorrede ausdrücklich hinweist: „Ich beginne fast zuerst dieses noch unbebaute Feld urbar zu machen, und muß daher auch schon völlig befriediget seyn, wenn nur Einiges Einigen gefällt.“
Die Sexualmedizin um 1820 (es ist die Zeit, aus der Pücklers erste Äußerungen stammen, die auf Beischlafunfähigkeit schließen lassen) hatte sich von antiken Vorbildern offenbar noch nicht weit entfernt. Herodot, Hippokrates, Aristoteles, Galen, Plinius, Avicenna, Boerhaave und Haller werden zitiert, und sogar abergläubische Vorstellungen aus der Volksmedizin mußten noch eingehend kontrovers diskutiert werden.
Im „Practischen Theil. Heilung./ Ursachen der Unfruchtbarkeit des Weibes“ (§§.262ff.), in dem Meissner jedoch des öfteren nicht zwischen männlicher und weiblicher Unfruchtbarkeit differenziert, heißt es p.e. im §.305 „Aeußere Einflüsse“:
„Wir haben gesehen, daß nicht in einem Lande die Fruchtbarkeit so groß als in dem andern ist, und daß Temperatur und Himmelsstrich auf sie nicht geringen Einfluß haben: ja es ist eine genug bekannte Sache, daß regnerische Luft und Abendwinde in dieser Hinsicht schädlich auf den Körper einwirken, daß sie Schlaffheit desselben hervorbringen, was besonders an den Küsten der Fall ist, wie schon ARISTOTELES bemerkte: und in diesen Fällen muß natürlich Veränderung des Wohnorts am heilsamsten seyn. Aber nicht allein das Wegziehen von solchen Orten, sondern überhaupt hat Veränderung des Wohnorts oft unfruchtbare Weiber fruchtbar gemacht [...]. – Hier kommt aber außer der Veränderung des Himmelsstriches und der Luft, die Reise selbst noch in Betracht, das Fahren, der Eindruck auf das Gemüth u.s.w., die wichtige Momente abgeben.“
In §.306f. „Von der Diät“ geht es um Heilmittel. Wie das obige Zitat im Zusammenhang mit Pücklers Reiselust, so enthält das folgende in Bezug auf Pücklers Vorliebe für den Rosmarin eine durchaus interessante (pikante) Note.
„Die ältern Aerzte verordneten eine bestimmte Diät für unfruchtbare Gatten und vorzüglich mehrere Speisen, welche dazu beytragen sollten, Zeugungsfähigkeit herbey zu führen. [...] Einen großen Ruhm hatte sich ferner der Rosmarin erworben, von welchem LINDANUS [...] sagt ‚si sterilitas est a nimia caliditate et siccitate sanguinis, haec usu lactis optime corrigitur, si vero a nimia frigiditate et humiditate, non melius quam per roremmarinum curari pottest.’ [...] und MARQUART [...] gab an, man sollte trockenes und wohlriechendes Holz in die Schlafstube legen, als z.B. das Holz des Wacholder- und Lorbeerstrauches, und Räucherungen von ladanum, storace sicca, thure u.s.w. machen.“
(Übersetzung aus dem Latein 1. Wenn die Unfruchtbarkeit von zu großer Hitze und Trockenheit des Blutes herrührt, wird sein Gebrauch zu optimaler Besserung führen, wenn jedoch zu große Gefühlskälte und Niedrigkeit zugrunde liegt, wird es nicht besser heilen als durch Rosmarin. 2. wohlriechendes Harz, trockene Blüten, Weihrauch.)
Die beiden angeführten Zitate lassen erkennen, daß die Sexualwissenschaft (die den übrigen Humanwissenschaften offenbar immer ein bißchen nachhinkt, wie zahlreiche sexuelle Revolutionen unter mehr oder weniger Grüner Führung im 20. Jahrhundert belegen) am Anfang des 19. Jahrhunderts weit mehr mit Okkultismus als mit Naturwissenschaft zu tun hatte und auf Fragen nach den Ursachen für die Unfruchtbarkeit des männlichen und weiblichen Geschlechts keine fundierten Antworten zu geben vermochte. Damit sind wir beim springenden Punkt: Man kann nach Durchsicht der Meissnerschen Schrift mit Bestimmtheit sagen, daß man zu Pücklers Zeit lediglich über die sichtbaren organischen Ursachen der Impotenz Bescheid wußte und darüber hinaus einiges vermutete. Das heißt: Wenn Pückler wußte, daß er keine Kinder zeugen konnte – und er wußte es ja, wie wir seinen gelegentlichen Andeutungen entnehmen konnten – dann nur, weil seiner Unfruchtbarkeit eine Impotentia coeundi zugrunde lag. Diese Annahme bekräftigend kommt hinzu, daß es keine Berichte von Partnerinnen Pücklers gibt, die sexuelle Beziehungen bestätigen würden.
Sexuelle Hemmung war durchaus nichts Ungewöhnliches. Bekannt ist die Impotenz Peters III. wegen einer nicht behandelten Phimose; von Schlegel dem Älteren sprachen wir schon, ob die Aversion Friedrichs des Großen gegen Frauen auf homoerotische Neigungen oder Impotenz zurück ging, weiß man angeblich nicht genau, aber es ließen sich leicht weitere Beispiele anführen. Damit sind wir wieder bei der „geheimnisvollen Krankheit“ und der biographischen Lücke; der geheimnisvollen Abwesenheit Pücklers und möglicherweise gleichzeitigen Wolffs über nahezu anderthalb Jahre zwischen 1804 und 1806. Der Verdacht einer Deformierung der Genitalien Pücklers liegt nahe. Ob sie vorhanden war und operativ beseitigt werden sollte, was mißlang; ob eine Mißbildung sich erst aus einer unglücklichen Operation ergeben hatte; ob eine Geschlechtskrankheit oder ein Unfall zu einer Verstümmelung der Genitalien führte, ist rein spekulativ, denn wir wissen ja überhaupt nichts über den Zeitraum 1804-06. Atteste oder dergleichen – wir beklagten weiter oben bereits das Fehlen von Unterlagen aus Pücklers Militärzeit – sind nicht bekannt. Pückler selbst und seine Umgebung schweigen sich aus. Wir haben unsere Bedenken und Argumente vorgebracht; mehr können wir nicht tun. – Hatten wir gedacht!

Zum nächsten Kapitel: „Nachtrag zum Kapitel 2.“
Angemerkt
* Für die Bewohner der Trobriand-Inseln im Südpazifik ist der Vater eines Kindes mit diesem nicht blutsverwandt. Sie glauben, daß ein Kind nicht durch Geschlechtsverkehr gezeugt wird, sondern durch einen Geist. Der Zeugungsakt findet während der regelmäßigen rituellen Bäder der Frauen in einem Quellfluß statt. Der während einer Schwangerschaft häufiger als sonst ausgeführte Geschlechtsverkehr ist ihrem Glauben nach nur dazu gut, den heranwachsenden Embryo mit ausreichend Sperma zu versorgen. Dieses dient ihm in der Weltsicht der Südsee-Insulaner lediglich als Nahrung. (GMX-Startseite, 31.07.2009.)
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