4. Kapitel
Die Frauen des Fürsten Pückler
Es waren eigentlich nur zwei Personen in der Welt, die er mit Wärme liebte,
die eine war jedesmal sein größter Schmeichler, und die andere war er selbst.
Georg Christoph Lichtenberg.
Fassen wir erst einmal zusammen und ordnen gleichzeitig chronologisch nach dem ungefähren Zeitpunkt des Kennenlernens. Pücklers Ehefrau Lucie und ihre Tochter Helmine (1816), Sophie Gay (1818), Sarah Austin (1826f.), Henriette Sontag (1828), Bettina von Arnim (1832), Machbuba (1837), Ida Gräfin von Hahn-Hahn (1844), Ada von Treskow (1858), Sabine Heinefetter und Eugenie John (die „Marlitt“). Hinzu kommt – ein lehrreicher Fall – die Gräfin Rosamunde de la Rochefoucauld. Um Sabine Heinefetter und die Marlitt brauchen wir uns nicht zu kümmern.
Die Marlitt – unter diesem Pseudonym schrieb die Schriftstellerin Eugenie John für die Gartenlaube – können wir übergehen, weil sie mit Pückler lediglich einen – von Pückler begonnenen – Briefwechsel unterhielt; die beiden haben sich nie gesehen.

Sabine Heinefetter, geboren 1809 in Mainz, war die berühmteste von fünf singenden Schwestern, die ihre Karrieren am Mainzer Stadttheater begannen. Sie heiratete 1853 einen Marseiller Kaufmann und starb 1872 in Marseille. Pückler war ihr „Groupie“.
Die Briefpartnerin Ada von Treskow könnten wir auch gleich hier abtun, wollen sie jedoch abhandeln, weil uns ihre Vereinnahmung als „Geliebte“ exemplarisch erscheint.

Lucie von Pückler, geschiedene von Pappenheim, geborene von Hardenberg
„Aus all den weiblichen Bekannten und Freundinnen Pücklers ragt Lucie von Hardenberg besonders hervor.“ Ein bemerkenswerter Satz. Er ziert die Seite 18 der Parkomanie. Er verrät uns unbeabsichtigt-makaber einen Grund für die Sonderstellung der Ehefrau Pücklers, denn es ist bisher noch niemandem eingefallen, sie zu den Geliebten Pücklers zu zählen, obgleich er sie auf seine bizarre Weise durchaus geliebt haben mag. Sie hatte lange, wenn auch mit untauglichen Mitteln, gegen einen rücksichtslos-egoistischen „Gegner“ gekämpft und endlich – das folgende, vom Grafen Oppeln-Bronikowski mitgeteilte Gedicht Lucies spricht diesbezüglich eine klare Sprache – doch resigniert.
Tragt mich zu Grab, tragt mich zu Grab,
In tiefer Nacht senkt mich, senkt mich hinab
Daß meine Spur auf Erden ganz vergehe,
Kein Angedenken mehr an mich bestehe.
Es war zu schwer, was ich gelitten,
Zu hart der Kampf, den ich gestritten,
Drum tragt mich fort, zu Grab, zu Grab;
In tiefer Nacht senkt mich hinab, hinab.
So sah das Fazit einer Ehe aus, in der der ohnehin – gesetzlich – begünstigte Ehemann von vornherein klare Zeichen gesetzt hatte:
„... [ich] sagte es ihr unumwunden, daß ich unsere Verbindung nur als Konvenienzheirath ansähe und mir jede Freiheit vorbehielte“, und:
„Das [Vermögen] mußt Du nun freilich hergeben, dafür werde ich für Dich sorgen, wenn wir verheirathet sind ...“
Die Beschäftigung mit Lucies Schicksal ist wenig erfreulich, denn es fällt oft schwer, Mitleid oder gar Sympathie zu empfinden für eine dem Schicksal derart ergebene Frau. Verständlich wird ihr Dulden, Hoffen und Lamentieren nur, wenn man sich die damalige gesellschaftliche Situation der (adligen) Frauen allgemein vergegenwärtigt. Daß uns ihre Briefe nicht erhalten blieben, ist mehr als bedauerlich.*
Helmine, die Adoptivtochter Lucies
Die Legende zu nähren, Pückler hätte bereits bei der Wahl Lucies auf ihre beiden Töchter geschielt, gehört zum festen Repertoire (fast) aller Pückler-Biographen. Dabei sehen sie geflissentlich darüber hinweg, daß es Pückler beim Heiraten in erster Linie ums Geld ging, und da hätte er von den Töchtern Lucies wenig und von Helmine am allerwenigsten gehabt. Daß insbesondere Helmine im weiteren für Pückler zu einer „idée fixe“ wurde, steht auf einem anderen Blatt. Nichtsdestoweniger waren die beiden (weiblichen) Stiefkinder für den sensationslüsternen Grafen ein Glücksfall, denn er kam durch die Affäre wieder einmal ins erwünschte Gerede. Helmine wurde von Lucie vorübergehend in ein Internat gesteckt (nach Ohff mit 16, aber das weiß man gar nicht so genau, weil Helmines Geburtstag nicht bekannt ist), daheim eifersüchtig bewacht und so schnell wie möglich verheiratet. Eine zweideutige Episode, die Pückler mitteilt, stellt lediglich seine Sicht auf sein Verhältnis zu ihr dar. Einen Satz Pücklers, der den wahren Sachverhalt reflektieren dürfte, hat Ludmilla Assing mehr nebenbei zitiert, und ihre Nachfolger haben ihn stets gewissenhaft ignoriert: „Ich glaube, die arme Kleine fürchtet mich wie eine Vogelscheuche.“ Ludmilla Assing überliefert uns im Band 2 der ausgewählten Briefe und Tagebücher eine Äußerung der Schwester Helmines, die ebenfalls einiges relativiert. „Helmine war kalt, sie schien mit den Huldigungen nur zu spielen und fesselte sie [die Männer] dadurch nur desto mehr.“ Der Fall ist dubios wie all die anderen Geschichten, die sich um das Schicksal der kühlen Schönheit ranken. Wir halten dafür, daß es Lucie gelang, „das Schlimmste“ zu verhüten.
Sophie Gay, ihre Töchter Delphine und Isaure; Sophie Gail
Pückler begegnete Sophie Gay (1775-1852) 1818 in Aachen. Sie gehörte zu den wenigen Bekanntschaften, denen Pückler lange Zeit die Treue hielt. Als Pückler sie kennenlernte, hatte sie bereits sechs Kinder, je drei aus zwei Ehen. Ihre Freundin Sophie Gail wurde ebenfalls 1775 geboren, starb aber schon 1819.
Die Briefe von und an Sophie Gay sind französisch geschrieben. Weil der ausschließliche Gebrauch von Sekundärliteratur zu riskant ist, lassen wir – als des Französischen Unkundige – lieber die Finger von der Affäre und sehen nur einmal nach, was Ohff dazu zu sagen hat: „Mit gleich vier hübschen Pariserinnen aus zwei Generationen entspinnt sich sogar eine Art Liebesroman.“ Ohff nennt das Verhältnis zwar nur „eine Art“ Liebesroman und schränkt im weiteren auch ein „Isaure ist noch zu klein“, aber erst einmal setzt er gewissenhaft seinen Haken: „Liebesroman“! Zu Viert. Auch Delphine, 1804 geboren, also gerade erst 14 Jahre alt, zählt für ihn zu dem Damen-Quartett. Wir haben Grund zu der Annahme, daß es sich tatsächlich nur um eine Art Liebesroman handelte, wenn auch eine besondere.

Sarah Austin
Sarah Taylor, seit 1820 verheiratet mit dem Rechtsgelehrten John Austin (1790–1859), lebte von 1793 bis 1867 (nicht zu verwechseln mit Jane Austen, 1775–1817). Sie übersetzte Geschichtswerke von Niebuhr, Raumer und Ranke, gab eine Anthologie deutscher Prosa heraus und veröffentlichte 1832 The travels of a German prince, eine, wie man meinte, kongeniale Übersetzung der Briefe eines Verstorbenen.
Pückler machte die Bekanntschaft der Schriftstellerin während seiner Englandreise 1826–1829. „Sarah Austin, eine begabte Schriftstellerin und Übersetzerin, die lange auf Malta, aber auch in Frankreich und Deutschland gelebt hat, macht ihm mit tränenreichen hysterischen Ausbrüchen das Leben schwer. Die Freundin der Brüder Grimm, Rankes, Alexander von Humboldts und Heinrich Heines schreibt ihm ferner unerträgliche [!] Liebesbriefe, was sie erst aufgibt, als Pückler – wenig galant – droht, diese zu veröffentlichen.“ (Ohff) – Nun ja. „Unerträgliche Liebesbriefe“ und erzwungene Distanz – eine merkwürdige Sache.

Henriette Sontag
Der tabellarische Eintrag Ohffs dazu lautet „Romanze“. Henriette Sontag wurde nur 48 Jahre alt. Sie starb 1854 in Mexiko an der Cholera, beigesetzt wurde sie im Kloster Marienthal bei Zittau, wo ihre Schwester Nonne war. Pückler war der beispiellos gefeierten Sängerin schon in Deutschland hinterhergereist, aber erst in London 1828 wagte er sie anzusprechen. Sie traf sich einige Male mit ihm und fing wohl auch ein wenig Feuer. „Dann aber erinnerte sie sich, daß sie durch frühere Bande schon gefesselt sei, denen treu zu bleiben sie für ihre Pflicht ansah“, schrieb Ludmilla Assing. „Wir müssen von diesem Augenblick an vergessen, was geschehen ist. Das waren ihre Worte und noch vieles mehr“, schrieb Pückler an Lucie. Was sich zwischen den beiden ereignete, besser: ereignet haben könnte, läßt sich auch aus Pücklers Andeutungen (andere haben wir nicht) kaum erahnen, denn die sind dunkel bis kohlrübenschwarz wie (fast) immer.

Bettina von Arnim
Bettina von Arnim hätten wir auch von vornherein abtun können. Die Geschichte ist so gut belegt und rekonstruierbar, daß man sich schon wundern würde, wie die Arnim jemals unter die Geliebten Pücklers geraten konnte, wäre da nicht – aber lassen wir das.
Pückler trifft 1832 im Salon der Rahel Varnhagen von Ense auf die „Orlanda furiosa“ und entdeckt in ihr eine Seelenverwandte. Er findet sie aber zu intelligent und – zu anstrengend. Bettina ist ihm nämlich zu ähnlich. Wie Pückler nach verehrungswürdigen Frauen ist auch die notorisch skurrile Künstlerin ständig auf der Suche nach bedeutenden Männern zum Anschmachten. Auf Gegenseitigkeit funktioniert so etwas natürlich nicht.
Nach „Goethe, Schinkel, Schleiermacher und Rumohr“ hatte Bettina sich in Pückler, den neuen Stern am Schriftstellerhimmel, verguckt. Doch während sie die Sache beherzt angeht, fürchtet Pückler sich vor ihr. „Von der Arnim, der tollen [!], habe ich wieder einen langen Brief, wo sie mir droht, nach Muskau zu kommen. Das fehlte mir noch. Ich bitte Dich um Gotteswillen, dies zu verhüten.“ fleht er Lucie an. „Trotzdem lädt er, ganz Kavalier, die ‚Verehrte Unbekannte’ in einem scherzhaften Billet ... zu sich aufs Schloß, was sich alsbald als schwerer Fehler herausstellt.“ (Ohff; ein schöner Satz!)
Als Bettina sich 1833 völlig unerwartet in Muskau einquartiert und als verschleierte Dame seine Aufmerksamkeit zu erregen versucht, stellt er sich vorsichtshalber erst einmal tot. Bettina meldet sich selber an. Pückler engagiert zu seiner Sicherheit zwei „Oelgözzen“ (Bettina) und empfängt die Verehrerin notgedrungen. (Einer der Ölgötzen ist Pücklers Jugendfreund Leopold Schefer, der andere ist nicht bekannt. Bei dem Aufschneider Ohff ist es Varnhagen von Ense, doch das ist vollkommen unmöglich, denn ihn hätte die Arnim, und nicht nur sie, ganz sicher ebenfalls namentlich erwähnt. Schließlich ging sie im Berliner Salon der Varnhagens seit Jahren ein und aus.) Bettina nimmt sogleich das Zepter in die Hand und schaltet und waltet auf Schloß Muskau wie die leibhaftige Hausherrin, so daß sich Lucie schließlich zum Intervenieren genötigt sieht. Pückler bleibt nichts anderes übrig, als seine Verehrerin dezent vor die Tür zu setzen.
Der Rest – wir ahnen es – ist Briefwechsel. Pücklers Andeutungen über Landschaftsgärtnerei profitieren davon erheblich, er selbst bereitet sich auf seine große Reise vor. Bettina widmet ihm 1835 Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde. Sie wendet sich mehr und mehr sozialen Fragen zu, geht in die Arbeiterviertel und Elendsquartiere vor den Toren Berlins und versucht, den Ärmsten der Armen mit ihren Schriften, aber auch praktisch zu helfen. Pückler werkelt beständig an seinen Refugien und lebt wie gewohnt aus dem Vollen.
Warum Ohff das Ganze trotzdem eine „Liebschaft“ nennt? Nun – weil er Ohff ist!

Die Gräfin Ida von Hahn-Hahn
Der Fall liegt leider nicht (mehr!) so klar, denn die Autoren des „Lebenspanoramas“ des Fürsten Pückler in der Parkomanie haben diesbezüglich aufs neue Verwirrung gestiftet. In dem kurzen Abriß begegnen wir einer ganzen Reihe wohl versehentlicher Entstellungen, nur einmal wird offenbar bewußt gegen fundierte Aussagen eines anderen Autors angeschrieben. In der Totale enthält der Rundblick auf knapp 19 bebilderten Seiten elf sachliche Fehler: Der Dichter und Komponist Leopold Schefer wird zum Musiker gemacht, die bibliographischen Angaben zu Pücklers Werken sind so kurios, als kämen sie direkt aus der Wikipedia, und zu guter Letzt wird Pückler statt des fürstlichen „Durchlaucht“ das königliche „Hoheit“ angehängt – eine eindeutig „Ohffsche Fehlleistung“.
Pückler machte sich mit der Gräfin Ida von Hahn-Hahn bekannt, indem er ihr im September 1844 – genau – einen Brief schrieb. Daraufhin entspann sich – richtig – ein lebhafter Briefwechsel. Laut Parkomanie „... besucht[e] er die Schriftstellerin Gräfin Ida Hahn-Hahn in Dresden“. Das soll Ende März 1845 geschehen sein. Die Autoren glauben das aus dem Briefwechsel Pücklers mit der Gräfin schlußfolgern zu dürfen. Der letzte Brief Pücklers an die Gräfin drückt jedoch lediglich die (vermutlich längst begrabene) Hoffnung auf eine Begegnung aus, dann bricht die Korrespondenz ab.
In Ludmilla Assings Biographie finden wir denn auch nichts dergleichen; lediglich ein zufälliges Zusammentreffen Pücklers mit seiner Mutter, die zufällig in dem selben Hotel logierte, ist darin beschrieben. Eine eindeutige Erklärung dafür liefert ein weiteres Mal die Allgemeine Deutsche Biographie. Richard M. Meyers Artikel über Ida Gräfin von Hahn-Hahn enthält Informationen aus erster Hand, denn er kannte die Gräfin persönlich.
„Fürst Pückler, der den deutschen Byron spielte, hat in beiderlei Hinsicht [Reisen und Schreiben] auf sie eingewirkt, obwohl sie (‚Jenseits der Berge’ 2,107) fand, er mache aus seinen ‚Briefen’ eine Schule der Impertinenz. Persönlich lernten sie sich nie kennen, da affektierte Bedingungen des Fürsten sie abschreckten, seinen Besuch anzunehmen, als Beide in Dresden in demselben Hotel wohnten.“
Zu den „affektierten Bedingungen“ nur zwei Sätze aus den letzten Mitteilungen Pücklers an Ida von Hahn-Hahn vom 31. März 1845: „... da mir aber, aufrichtig gesagt, wenig daran liegt Ihre Statisten, Freunde oder Bekannte, kennen zu lernen ...“ (abends geschrieben) „... so empfangen Sie mich [...] also allein und Abends, mit heruntergeschraubter Lampe, oder mit geschlossenen Augen auf Ihrem Sopha liegend, am liebsten im Dunkeln, denn ich bin sehr befangen Ihnen gegenüber, schüchterner als ein schlecht erzogenes Kind“ (zuvor mitgeteilt).
Schon vor dieser versuchten Annäherung hatte die Gräfin, die zu jener Zeit bereits mit dem Gedanken an ein Klosterleben spielte, 1850 zum Katholizismus übertrat und alles andere als leichtsinnig war, ihn wissen lassen: „... Freunde, weder halbe noch ganze, können wir schwerlich je werden, denn Sie sind einer von den Männern, mit dem eine Frau ewig Komödie spielen muß, um Freund mit ihm zu bleiben.“ „O Kind! Kind, das Sie sind! das in der ganzen Welt nichts anderes sieht als Gegenstände, die ihm zu Amüsementsmaschinen dienen sollen!“
Prompt suchte und fand Pückler Anschluß bei einer Anderen, diesmal einer jungen Naiven.
Gräfin Rosamunde de la Rochefoucauld
(bei Pückler Rosa oder Rose)
Mit Pücklers Verhältnis zur Gräfin de la Rochefoucauld, von Pückler Rosa oder Rose genannt, befaßt sich Friedrich von Oppeln-Bronikowski ausführlich in den Liebesgeschichten am Preußischen Hofe. Pückler lernte die kapriziöse Gräfin im Sommer 1845 in Reinhardsbrunn kennen. In der Parkomanie wird sie betreffend der bedeutungsschwangere Satz Pücklers zitiert: „Heute gab sie mir einen kühnen Beweis ihrer Liebe.“ Ohff notiert unter 1845 in seiner Zeittafel: „30. Oktober: 60. Geburtstag. Nacht bei Rosa“. Wir lassen wiederum Indizien (dagegen) sprechen, und zwar Zitate aus Briefen der Gräfin an Pückler.
7. März (1846), Rosa an Pückler: „Glaube aber nicht, daß, wie Du schreibst, die sinnliche Periode auch ihre Zeit haben wird! Das ist unmöglich! ...“
Darauf und auf das Geständnis einer „Untreue“ ihrerseits reagiert Pückler verschnupft; „der einzige Brief von ihm, der zwischen den ihren enthalten ist“ (Oppeln-Bronikowski) gehört wohl ebenfalls in den „Abgrund der dunklen Entsetzlichkeiten“.
„R., den 12. März 1846.
Ich vergaß Dir zu sagen, liebe Rose, daß Du sehr recht hast, nicht an Deinen Liebhaber zu schreiben. Schreibe nie an einen Verehrer, so kannst Du nie bloßgestellt werden; denn was die Leute sagen, ist nichts, und der Wind verweht es. Man glaubt es und man glaubt es nicht, aber littera scripta manent (Geschriebenes bleibt und überführt.) Meine Lieblings..., gleich Dir meine Busenfreundin, war sehr galant und hatte das Temperament eines Negerweibes. Trotzdem ist ihr Ruf stets makellos geblieben, weil sie grundsätzlich nie an ihre Liebhaber schrieb. In dieser Hinsicht war sie sehr komisch, denn gewöhnlich hatte sie drei zugleich, einen für das Gefühl, dem gegenüber sie die Tugendhafte spielte, einen aus Eitelkeit, um die Macht ihrer Reize zu bekunden, und einen obskureren, der stets bei der Hand war, zum Sinnengenuß. Außerdem hatte sie flüchtige Liebschaften, denn sie war so sinnlich (ein großer Reiz), daß ich sie bisweilen in einer Nacht über zehnmal vorgehabt habe, ohne ihre Glut stillen zu können. Das war freilich etwas zu viel, und so ist die Ärmste denn auch in der Blüte der Jahre gestorben. [Hermann, der Lust-Mörder ...]
Somit, Rose, geliebte Freundin [wir kennen die Stelle bereits], schreibe an niemanden außer an mich, aber an mich rücksichtslos, denn meiner bist Du sicher. Ich bin so vorsichtig mit Deinen Briefen und habe alle Vorsichtsmaßregeln selbst für den Todesfall getroffen, daß Du darüber völlig beruhigt sein kannst. Sei nur ebenso vorsichtig mit meinen Briefen, nicht meinetwegen, sondern nur Deiner selbst willen!“
11. Mai 1846, Rosa an Pückler „Der Übergang von der Liebe zur Freundschaft ist so ein unangenehmes Gefühl; man ärgert sich über sich selbst, und siehst Du, Du verlangtest von mir etwas, was ich Dir nicht gewähren konnte.“
Ludmilla Assing hat diesen Briefwechsel nicht in ihre Auswahl aufgenommen. Was Werner Deetjen zum Umgang Pücklers mit den Briefen Ada von Treskows anmerkte, werden wir gleich lesen. Es trifft auch auf Rosas Briefe zu.

Ada von Treskow
Ada von Treskow wurde in dem Jahr geboren, in dem Pückler seinen 55. Geburtstag feierte, 1840. Die Entwicklung des Verhältnisses von Ada von Treskow zu Pückler – sie gedachte von dem erfahrenen Weltmann und Schriftsteller viel zu lernen – läßt sich recht gut aus ihren Briefen erschließen. Sie war noch Konfirmandin, als sie den Fürsten in Berlin zum erstenmal sah. Sein literarisches Werk und gelegentliche Begegnungen (Weimar 1858 wird im ersten Brief Adas genannt) hatten die schwärmerische Teenagerin nachhaltig beeindruckt. Mit zwanzig wagte sie einen ersten „Liebesbrief“ an den 75-jährigen Pückler. 1864 lernte sie den Sizilianer Guiseppe Pinelli-Rizzuto kennen und heiratete ihn 1866. Der 1860 von ihr begonnene Briefwechsel mit Pückler wurde mit wechselnder Intensität bis 1870 geführt; persönliche Begegnungen gab es keine mehr.
Pückler wurde für sie zu einer Enttäuschung. Werner Deetjen, der Herausgeber der Liebesbriefe, teilt im Nachwort mit: „Die Lektüre des von Ludmilla Assing herausgegebenen Briefwechsels des Fürsten hat Frau Pinelli tief erbittert. Erfuhr sie doch aus einigen Briefen Pücklers (IV, S. 102 und 106) an die Assing, daß er diese in seine Korrespondenz mit ihr eingeweiht hatte.“ Sie erkannte, daß sie für Hermann von Pückler lediglich einen amüsanten Zeitvertreib, ein „Studienobjekt“ abgegeben hatte.
„Besonders schmerzlich war es ihr zu wissen, daß der Fürst mit seinem ganzen Nachlaß auch ihre Briefe der ‚indiskreten’ Assing zur etwaigen Veröffentlichung testamentarisch vermacht hatte und diese sie nun lesen konnte. In einem Aufsatz ‚Bettinas Ekstasen’ (siehe B. z. Vossischen Ztg. v. 28. April 1912) betont sie das Unrecht, das Pückler auf dieselbe Weise Bettina von Arnim angetan hat, und findet harte Worte für den einst so Verehrten, den sie nur noch ‚anscheinend ritterlich’ nennt.“
Auch diese Korrespondenz wurde von Ludmilla Assing nicht in die Briefwechsel und Tagebücher aufgenommen.
Noch einmal Ohff
Heinz Ohff – er kann’s nicht lassen – orakelt buchstäblich bis zum letzten Atemzug (des Fürsten) herum: Marie von Pachelbl-Gehag, geborene Seydewitz, soll ihn „in den letzten Wochen verdächtig oft besucht haben“, läßt er uns spitzbübisch wissen. Beim Durchblättern der Tafelbücher des Fürsten Pückler stellt sich heraus: Ida und Josephine von Seydewitz, die Schwestern der Marie von Pachelbl-Gehag; Madame und Mademoiselle Krüger aus Muskau, Ludmilla Assing und einige andere Frauen waren wesentlich öfter bei dem alten Fürsten zu Gast. (Die Tafelbücher wurden von 1854 bis 1870 von Pücklers Sekretären Billy Masser und Albert Bidault geführt. Sie verzeichneten für jeden einzelnen Tag die Speisenfolge des Diners sowie die Tafelgäste und eventuelle Besonderheiten.)
Zum x-ten Mal: Der Fall Machbuba
Wilhelm Hocker
Am Grabe Machbuba’s, der Abyssinierin
Dritte Strophe:
Er ließ die Blume nicht, wo er sie fand,
Im Orient, dem stillen, wunderbaren;
Er schleppte prahlend Dich von Land zu Land,
Gleich seinen Zebras, seinen Dromedaren.

„Laubes Gastfreund Fürst Pückler hatte sich zu einer Art Ersatz für Lord Byron gemacht, der erste und auch der einzige Dandy in unserer Literatur, ein schöner, hochgewachsener Mann mit aristokratisch bequemen Formen, der wie im Handumdrehen zwischen Don Juan und Mephisto wechselte; er spielte den Orientalen, glaubte an den Koran so gut wie an den Talmud und an David Friedrich Strauß [...] hatte von seinen orientalischen Reisen vierzehn arabische Pferde und eine abessinische Sklavin mitgebracht; also mußte der vornehme Dilettant in der Literatur einen Erfolg haben, den auch Laube bei allen Sympathien unverdient fand.“
Wir stoßen mit diesem Zitat aus Arthur Eloessers Deutscher Literatur nicht zum ersten Mal auf George Gordon Noel Byron, 6. Baron Byron of Rochdale, genannt Lord Byron (1788–1824). Er war Pücklers großes Idol. Folgerichtig gibt es Parallelen in beider Leben: Lord Byron hatte sich mit seiner Satire English Bards and Scotch Reviewers Feinde gemacht, weil er nie bedachte, was er tat. Er versuchte es mit der Ehe, war aber zu ruhelos und hatte nicht solches Glück wie Pückler mit seiner Lucie. Byrons Menagerie, mit der er einer Geliebten von Venedig nach Ravenna folgte, bestand aus zehn Pferden, acht Hunden, drei Affen, fünf Katzen, einem Adler, einer Krähe, einem Falken, fünf Pfauen, zwei Perlhühnern und einem ägyptischen Kranich. Und: Auch Lord Byron war mit einem Handicap belastet. Der Ästhet hatte einen Klumpfuß zu kompensieren.
Eine uns interessierende, überaus interessante Parallele fanden wir im Nachwort einer kleinen Anthologie aus Gedichten Juliusz Słowackis (1809–1849). Nach dem „Pierer“ reiste Słowacki 1836 nach Italien, von da aus in den Vorderen Orient und blieb dort bis 1839.
„Am 3. Oktober 1837 berichtet Słowacki seiner Mutter vom ‚einzigen Verlangen’, das ihn auf seiner Orientreise heimgesucht habe – nämlich die Handlung von Byrons Verserzählung Lara nachzuspielen: ‚Ich bedauerte ein wenig, daß ich nicht mit Gold gespickt war, denn mir kam ein romantischer Gedanke – ich wollte auf dem Markt in Kairo eine hübsche Abessinierin kaufen, sie als Pagen verkleiden und ein neuer Lara mit einer neuen Gulnara sein ... Mich dünkte sogar, ich hätte dieses unglückliche Mädchen, das niemand außer mir auf dieser Welt hätte, wahnsinnig lieben können.’“
Die Namen sind dem Epos Lord Byrons (Lara) und einer Geschichte aus Tausendundeiner Nacht (Gulnara) entlehnt, denn bei Lord Byron heißt der Page, der schließlich als Mädchen in Männerkleidern entdeckt wird, Kaled.
Pückler, dessen Orientreise von November 1835 bis September 1840 dauerte, kaufte seine Sklavin Machbuba im Februar 1837! Schlüsse aus einem Vergleich der beiden verblüffend zeitnahen Episoden zu ziehen, überlassen wir dem Leser.
Aber die Literatur liefert uns sogar ein noch früheres Exempel für eine „Multikulti-Liaison à la Pückler“. August Heinrich Julius Lafontaine schildert in seinem Roman Leben und Thaten des Freiherrn Quinctius Heymeran von Flaming (Erstausgabe 1795-1796), wie ein deutscher Adliger – nämlich Flaming – eine Sklavin namens Iglou aus Äthiopien heiratet. Daß Pückler den Roman kannte, ist sehr wahrscheinlich, denn Lafontaine war der Konsalik des Biedermeiers und für Pückler, der auf dem Muskauer Liebhabertheater vorzugsweise Stücke August von Kotzebues spielen ließ, ein attraktiver Autor. Lafontaines Romane waren z.B. auch die Lieblingslektüre Friedrich Wilhelms des Dritten und seiner Gemahlin. In Pücklers Bibliothek wird man sie allerdings kaum noch nachweisen können; auf die Probleme bei der Erschließung des ehemaligen Buchbestandes haben wir weiter oben hingewiesen. Unter den vorhandenen Büchern befinden sich keine von Lafontaine. Auch Kotzebues Bücher fehlen, von ihrem Vorhandensein weiß man aber immerhin noch aus Pücklers Briefen. Lafontaines Flaming ist für uns aus mehreren Gründen interessant.
(Noch immer passend: „Unsere Zeiten sind, bis auf einige Kleinigkeiten, sehr hübsch. Eine dieser Kleinigkeiten ist ein unerträglicher Egoismus, dessen Mutter Unwissenheit, und dessen Glanz ein paar Dutzend Worte sind, bei denen die Meisten, die sie am häufigsten im Munde führen, am wenigsten denken.“ Oder: „Jedes Fest, das ein Reicher feiert, ist die schreiendste Ungerechtigkeit.“ Gut, letzteres ist Ansichtssache.)
Wir wollen die Handlung, soweit das für unsere Belange nötig ist, kurz zusammenfassen. Der Freiherr von Flaming, ein wohlhabender Büchergelehrter, will die Welt kennenlernen und unternimmt zu diesem Zweck eine Reise. An der Poststation von (Bad) Berka, vor Eisenach, liest er eine Mohrin auf. Sie stammt aus Habesch (Abyssinien), ihr Vater und ihre Brüder sind tot, sie wurde auf dem Sklavenmarkt von Skanderi (Alexandrien) von der Schwester getrennt, an einen Adligen aus Wien verkauft und von diesem an einen „Unbarmherzigen“ verschenkt. Flaming nimmt sie aus Mitleid zu sich und betrachtet sie zunächst als Studienobjekt. „... sie ist eine Negerin; und so hat sie durchaus nicht eben die Ansprüche auf Mitleiden und Schonung wie wir. Sie gehört zu einer ganz anderen Menschen-Race, gegen die man notwendig hart seyn muß.“ Und: „Da die Begleitung einer jungen, edelgestaltigen Mohrin jedermann auffiel, ließ der Baron ihr Mannskleider machen.“ Bald fühlt er eine unerklärliche Begierde nach der nicht ganz unansehnlichen „Negerin“ erwachen, doch sie paßt nicht in sein System. Flaming beurteilt die Menschen nämlich nach einer selbst erdachten Rassenlehre, wonach eine „Schlangenlinie“ die „Celten“ von den „Slaven“ scheidet. Flaming, der – nebenbei – natürlich eine Celtin sucht, rettet sich eine zeitlang vor der Gefahr, indem er nachts eine Kerze brennen läßt, damit er die „häßlichen Negerlippen“ seiner slavischen Reisegefährtin immer noch rechtzeitig sehen kann. Ihr verordnet er gegen die Wollust den Generalbaß und Latein. (Von der Keuschheit einer celtischen Geliebten ist er fest überzeugt, weil sie den Generalbaß kennt). Das ständige Beisammensein befördert das Kennenlernen, die Wilde erweist sich als außerordentlich edel, sie ist feinfühlig, intelligent und wird (ihm) dabei immer schöner. Das Ende vom Lied: Nach vielen Irrungen und Wirrungen führt Flaming seine krude Philosophie selbst ad absurdum, indem er die Schwarze heiratet.
Weitere Sätze, die unwillkürlich an Pückler denken lassen:
„....ich freue mich auf Ihre Briefe. Sie sind ein so seltsamer Mensch, daß Ihnen bei jedem Schritte eine sonderbare Begebenheit vorkommen muß.“
„In den späteren Jahren zog ihn die Luftschifferei sehr an.“
Und wenn anfangs des öfteren das Hobby des Vaters Flamings beschrieben wird, das darin bestand, mit Hilfe von Spangenbergs Adelsspiegel, Rüxners Turnierbuch und einer Römischen Geschichte einen möglichst imposanten Familienstammbaum zu verfertigen, so erinnert das durchaus an die Vorgehensweise Pücklers, mit der er sich an einen Ahnen unter den Nibelungen heranpirschte.
Kommen wir zu der Abessinierin des Fürsten Pückler. An originalen Quellen stehen uns Pücklers Briefe sowie einige kurze schriftliche Mitteilungen Machbubas zur Verfügung; an Literatur haben wir Pücklers Mehemed Ali und Ludmilla Assings Pückler-Muskau. Eigentlich genug, sollte man meinen, doch weit gefehlt. Die Konfusion ist hier besonders groß.
Pückler berichtet einmal an eine Freundin von Machbuba und zwei weiteren Mädchen; einmal an Lucie von einer Sklavin und zwei Sklaven, wenig später von zwei Sklavinnen (eine davon zehn Jahre alt) und zwei Sklaven; dann wieder von einem Harem von vier „Seelen“ und spricht dabei von Mätressen und Konkubinen; die nächste Nachricht enthält, daß er die Zehnjährige verschenken will; einmal ist von einer Ajiamé, ein andermal von Machbuba die Rede. Pücklers Bedienstete halten sich ebenfalls ein paar Mädchen, sein Sekretär Ackermann schwängert eins davon, verkauft es, will es wiederhaben, bleibt schließlich im Orient – man fühlt sich unangenehm an Sextourismus erinnert.
Ebenso widersprüchlich sind die Angaben, wenn es um das Alter der Machbuba geht: In Ludmilla Assings Biographie, Seite 111, steht: „Wie Pückler sie kaufte, im Anfang des Jahres 1837, zählte sie ungefähr zehn oder dreizehn Jahre.“ Eine Seite weiter zitiert sie einen Brief Pücklers: „Sie war, als ich sie kaufte, zehn Jahre alt ...“ Im Muskauer Kirchenbuch steht: Mit elf Jahren gekauft (am 21.2.1837), mit 16 gestorben (am 27.10.1840!) – hier geht nicht einmal mehr die Rechnung selbst auf. NB: Pücklers Mutter war auch für adlige Begriffe noch ein Kind, als sie mit 14 verheiratet und mit 15 Mutter wurde.
Jedenfalls – es ist Kraut und bleibt Rübe, was Pückler uns diesbezüglich absichtsvoll hinterlassen hat. Auch eine aufwendige Studie zur Herkunft der Namen Ajiamé und Machbuba im Schmetterling konnte daran nichts ändern. Am zuverlässigsten scheinen die Deutungen der Vorgänge von Gottfried M. Hamernik in der edition branitz und Peter Milan Jahn in den Kairoer Germanistischen Studien zu sein.
Zunächst handhabt Pückler es wie der Freiherr von Flaming. Er studiert das Mädchen und dressiert es. Dabei verfährt er nur wenig rücksichtsvoller als mit seinen Pferden:
„Er ritt einst im neu errichteten Bade eine enge Treppe hinauf, die zum Spielzimmer führte. Eine Wette, die er deshalb angeboten, ward nicht angenommen, und er riskierte das halsbrechende Wagnis daher zu seinem Privatvergnügen. Glücklich langte er oben im Spielzimmer an, rief va banque! gewann, drehte sein Pferd um, und ritt wieder hinunter. Das war aber nicht so leicht; das Pferd sträubte sich, und ein Bekannter wagte es, Vorstellungen zu machen und abzumahnen. Dadurch ward der tollkühne Reiter nur in seinem Vorhaben bestärkt: er drückte die Sporen mit Macht in die Weichen des sträubenden Tieres, und mit gewaltigem Satz sprang dieses auf den ersten Absatz der Treppe, mit dem Kopf gegen die Wand rennend und mit den Füßen zusammenbrechend. Der Reiter blieb im Sattel, riß das Pferd auf und trieb es zum letzten gewagten Satze an. Dem kundigen, exaltierten Reiter gehorchend, sprang das betäubte Tier auf die gepflasterte Hausflur schlug Kopf und Vorderfüße auf und stürzte wieder zusammen, der Reiter jedoch hielt sich wieder fest im Sattel und bestätigte, wenn auch mit Aufspielsetzung seines Lebens und dessen seines Pferdes, seine Fertigkeit im Reiten und in gefährlichen Wagnissen.“
Bei der Darstellung des Verhältnisses Pücklers zu Machbuba in Form einer Liebesgeschichte gilt es daher, einige Klippen zu meistern. Die meisten Romanciers schaffen das natürlich problemlos. In Carlheinz Walters Machbuba zum Beispiel, einer grausig schwülstigen Idylle, wird die folgende Episode gänzlich ausgeblendet; in Ich, Machbuba vornehm abgemildert: „Als es ihm dann reichte, sperrte er mich ins Badezimmer unseres Bootes ein.“ An anderer Stelle ist das Badezimmer beschrieben: „... ein kleines, mit Blei ausgeschlagenes Badekabinett auf seinem Boot. Wie in einem Hotel. Klein und fein und sauber.“
Bei Pückler klingt das so: „... ein kleines mit Blei ausgeschlagenes Badekabinett (also eine wahre venetianische Bleikammer bei dem hiesigen Klima), worin sie zugleich ihre Effekten aufhob und ihre Toilette zu machen pflegte ...“. Da hinein also schloß er die Widerspenstige „... und ließ sie andere vierundzwanzig Stunden in diesem Gefängnis verbleiben, während man ihr die nötige Nahrung zum Fenster hineinreichte ...“ In Giacomo Casanovas Geschichte meines Lebens, Band 4, Kapitel 12-16 (siehe Literaturverzeichnis) kann man nachlesen, was eine venezianische Bleikammer ist ...
Was Pückler an seiner Sklavin zunächst am meisten gefällt, ist ihre völlige Abhängigkeit von ihm. Ludmilla Assing läßt ihn berichten: „... hier kann man seine Sklaven eben so ungestraft tödten als seinen Hund. Dieses arme Mädchen also liebt mich nicht par amour, aber sie betrachtet ihre ganze Existenz als zu mir gehörig ...“
Er verstärkt ihre Abhängigkeit noch dadurch, daß er sie eine Sprache lehrt, in der sie sich zwar mit ihm, ansonsten jedoch im Orient wie in Europa nur mit Wenigen verständigen kann. Auch bei Lord Byron verständigen sich Lara und Kaled in einer den Außenstehenden unverständlichen Sprache. Bei Lafontaine bringt Flaming seiner Iglou Latein bei, die Sprache der Römer, also der Italiener schlechthin. Bei Pückler ist es ebenfalls eine Art Italienisch. „Vielleicht hat er eine tiefere Absicht, daß ich hier was lern’. Italienisch zum Beispiel, um mit ihm viel besser noch zu sprechen“ (Ich, Machbuba) ist ein neckischer Euphemismus dafür.
Kurzum: Das Ganze beginnt ihm und ihr zu gefallen, und was als Abenteuer begann, entwickelt sich zu einem Drama, bei dem Pückler mehr und mehr zwischen die Fronten gerät. Er schleppt das zu diesem Zeitpunkt schon todkranke Mädchen nach Europa und läßt seine Frau Lucie wissen: „Schnucke, Du bist meine Mama, mußt mir aber meine Konkubine nicht stören, wenn ich nach Muskau komme“ – ein Abgrund. Entsetzlich!
Ohff, der Lucie generell den schwarzen Peter zuschiebt, nennt ihre Briefe, in denen sie sich gegen die Zumutung einer gleich wie gearteten Geliebten im eigenen Hause wehrt, „quälend penetrante Klagebriefe“ und – als sowohl sie als auch Machbuba schwer erkranken – ihre Forderung, Pückler möge sich zuerst um sie, seine Frau, und dann um die Geliebte kümmern „nicht sehr edel“. So weit kann man sich verirren! Andererseits bringt es der so „leidenschaftlich liebende“ Fürst angesichts der finalen Katastrophe aber auch nicht fertig, sich seiner Verantwortung zu stellen und dem verzweifelten Mädchen die letzten Stunden zu erleichtern. Er hält sich lieber an den vergötterten Goethe, der sich um Lästiges – nicht nur Begräbnisse – ebenso konsequent herumzudrücken pflegte. Das vorhersehbare Ende vom Lied ist der armselige Tod Machbubas und der irreparable emotionale Bruch mit Lucie.
Daß die Begebenheit einfache Menschen im 19. Jahrhundert außerordentlich faszinierte, ist verständlich. Warum man darüber immer noch sentimentales Zeug zusammenschreibt, ohne die eklatanten Widersprüche zur Kenntnis zu nehmen, überhaupt zur Kenntnis nehmen zu wollen, ist uns selbst vor dem Hintergrund von Marketingzwängen und Schriftstellernöten schleierhaft. Es wird zwar von Anfang an schöngefärbt, was das Zeug hält, doch man mag die Dinge drehen und wenden wie man will: Es wird, bei Lichte besehen, trotz aller Tricks und doppelten Böden einfach keine Liebesgeschichte daraus.
Daß es Pückler nicht nur um Gefühle ging, belegt auch eine weitere „paradiesische“ Perle: „Diese Wesen aus der Wüste können nun einmal unser Klima nicht vertragen, sie gehen ein wie Blumen, ohne krank zu sein. Ich verlor auf diese Weise auch meinen Mohren und ein prächtiges Dromedar. Das war ein treffliches Tier, an Hunger und Durst gewöhnt.“ Dennoch „[...] bestellte er Mädchen wie Machbuba als Katalogware, oder bestellte sie eben ab. So schrieb er an den Ägyptologen Heinrich Brugsch Pascha in Berlin, der ihm eine abessinische Frau ‚besorgen’ sollte: ‚Nach reiflicher Überlegung bestelle ich die Abessinierin doch ab. Es ist am Ende zu unsicher, sich auf den alleinigen Geschmack des Arabers zu verlassen.“

Noch einmal Wilhelm Hocker.
Fünfte Strophe.
Du welktest, für den Norden viel zu zart;
Dein sehnend Herz – wer möcht’s im Weh ermessen –
Man hat’s in Alkohol nun aufbewahrt,
Dasselbe, das Fürst Pückler nie besessen.
(1840)
„Andere Frauen“
So heißt zufällig auch ein Kapitel in den Englandsouvenirs. Tendenziös wie schon die Parkomanie, enthält dieses sehr schöne Buch aber auch etliche Zitate aus bis dahin unveröffentlichten Briefen aus der Englandkorrespondenz Pücklers im Fürst-Pückler-Archiv Branitz.

„[...] Während sich seine ‚Eingeweide [...] b[e]y dem bloßen Gedanken an den Marsch auf Freyersfüßen’ umdrehen, sucht er jede Gelegenheit mit Frauen aller Gesellschaftsschichten zu flirten. So ist ihm etwa das Zusammensein mit der 14-jährigen Fanny Hughes in Kimmel Park oder das Flirten mit der 17-jährigen Harriet bei seinem Aufenthalt in Titness Park eine willkommene Erfrischung. In der Hoffnung auf eine Mitgift von 50.000 Pfund interessiert sich Pückler sogar ernsthaft für Harriet. Gleichzeitig verliebte [verliebt] er sich in deren verheiratete ältere Schwester Lady Rosabel Garvagh und begibt sich damit in eine köstliche Herzensbredouille. Denn mit ihr muß er dann auch die Verhandlungen um die jüngere Schwester führen. In Brighton amüsiert er sich mit der jungen Miss Freemantle, die eine ‚zweite Helmine in höchster Blüte’ sei. Die kurze Affäre mit der bekannten Sängerin Henriette Sontag endet für Pückler in tiefster Verzweiflung.
Am häufigsten berichtet er Lucie von Liebeleien mit Mädchen niederer Gesellschaftsschichten. In London etwa spinnt er ‚eine förmliche Intrigue mit einer kleinen 16-jährigen Französin, die als Putzmacherin b[e]y der marchande de modes, wo ich wohne arbeitet u. dort sehr unter strenger Zucht steht’. Als seine Hauswirtin ihm deshalb die Wohnung kündigt, verdreht er dieser so sehr den Kopf, dass „sie wahrscheinlich nichts dagegen gehabt haben würde ihre Tugend ebenfalls aufzuopfern’ und ‚als sie mich mit einem Kuß, u. ich sie mit einem zärtlichen Griff verließ, war wenigstens vom Ausziehen weniger die Rede als vom Einziehen. In einem Gasthaus in Wales macht er ein hübsches Zimmermädchen eifersüchtig, dem er gestand [gesteht; Anm. A.], daß er den Schöpsenbraten zarter finde als sie. Dies sei dem Mädchen so zu Herzen gegangen, dass Pückler sich ‚einige Freiheiten mehr als gewöhnlich’ hätte herausnehmen dürfen.
Seinen Besuch in einem Freudenhaus begründet er damit, dass ‚ein Fremder um mit Nutzen zu reisen Alles sehen muß’. Fasziniert beschreibt er die Bequemlichkeit und Reinlichkeit des Etablissements und erläutert ausführlich die mit einem 17-jährigen Mädchen verbrachte Nacht. Er schwärmt von seinem Liebesabenteuer: ‚Sie war vollkommen schön in jedem detail, dab[e]y aber auch vollkommen unwissend, denn sie konnte weder lesen noch schreiben, u. dabey so vollkommen dumm. Dies war mir aber gerade recht, denn sie that aus diesem Grunde alles blindlings was ich verlangte, u. so ließ ich sie in einem sehr behaglichen warmen Boudoir ganz nackt ausziehen, u. alle Stellungen annehmen die ich mich von berühmten Statuen und Gemälden erinnerte. Besonders gelang die Darstellung der Venus von Titian, die wollüstig auf einem Ruhebett liegt u. mit der rechten Hand einem süßen Traum nachhelfen zu wollen scheint.’ Nachher preist er zur Beruhigung Lucies die englischen Kondome, die dünn wie Gaze und eng anliegend wie Haut seien.
Fünf Briefseiten lang schildert er die Begegnung mit ‚Lou’, einem anderen Londoner Freudenmädchen, das den gleichen Spitznamen wie er hatte. Mit ihr vertrug er sich so vortrefflich, daß er sie nach einer abwechslungsreichen Nacht auch noch am Tag bei sich behielt. ‚Sie war so gentle (artig) u. unterhaltend daß es mir außerordentlich leid that als ich sie endlich fortschicken mußte, und in der That war die Frische b[e]y einem Freudenmädchen merkwürdig, mit der sie nach dem bivouac einer Nacht u. ohne andere Hülfe als der einiges frischen Wassers immer gleich appetitlich u. angenehm blieb ohne irgendwo im mindesten den vulgairen aber in diesen Dingen zu wichtigen Geruchssinn zu beleidigen. Der Himmel gebe daß b[e]y alledem nicht der hinkende Bote nachkömmt [...].’ Nicht selten aber hielt Pückler die Angst vor Geschlechtskrankheiten von näherer Bekanntschaft mit Mädchen ab. In Leeds hatte er als Zugabe zu seinem Zimmer ‚ein außerordentlich hübsches Stubenmädchen der ich die cour mache, u. wenn ich nicht so eine entsetzliche Angst vor dem Krankwerden hätte, so glaubte ich d[a]ß ich verführen und verführt sein würde, es ist ein allerliebstes Mädchen, frisch wie eine Rose u. nur 18 Jahre alt [...].“

Bordellszenen, Minderjährige, Kinderkram; im Ernstfall unglaubwürdige Zeuginnen – der Leser bilde sich sein Urteil bitte selbst. Daß die Brautschau, so betrachtet, zum Fiasko und Pückler zum Gespött der Engländer wurde, ist nachvollziehbar, und die Autoren bemerken sicherlich zu Recht, daß sie „ganz offensichtlich nur vorgeschobener Grund für die aufwendige Reise“ gewesen sein dürfte.
Im übrigen gehörte ein Bordellbesuch im London des 18./19. Jahrhunderts quasi zum touristischen Standard. Carl Friedrich Bahrdt, der 1741 im sächsischen Bischofswerda als Sohn eines evangelischen Pfarrers geborene Theologe der Aufklärung, auch als ihr „enfant terrible“ bezeichnet, zeigte sich anläßlich eines sechsmonatigen Aufenthalts in London 1777 ebenfalls sehr angetan von den Londoner Dirnen, oder „Mädchen“. Besonders erstaunte ihn „die Sittsamkeit und das feine Benehmen solcher Kreaturen, die mit der Frechheit der deutschen Dirnen so seltsam kontrastierte“. Er kommentierte seine eigenen Erfahrungen mit „Freudenmädchen“ verschiedener Preisklassen mit den Worten:
„Ich glaube auch, daß es keinen Ort in der Welt gibt, wo die Wollust so öffentlich verhandelt wird. In London ist gar keine Polizei, welche über diese Menschenart wacht. Da kann jeder und jede ohne alle Verantwortlichkeit tun, was ihnen beliebt, solange nicht öffentliche Ruhe und Sicherheit gestört und anderer Menschen Rechte gekränkt werden. Da gehen die Freudenmädchen frei und frank und laden jeden ein. Da stehen an allen Ecken der Straßen Kerls mit gedruckten Zetteln, welche medizinische Mittel ausbieten, bald, sich zur Wollust zu stärken, bald, sich für Ansteckung zu verwahren, bald, sich von Wollust-Krankheiten zu kurieren, auch wohl, Leibesfrucht abzutreiben. Kurz ,da ist nichts so unsittlich und unkeusch, was in London nicht öffentlich besprochen und verhandelt werden könnte.
Die englischen Pfarrherren, die Pfründen von 600 bis 1000 Pfund haben und ihre Vikare sich halten, welche sie mit 30 Guinees abspeisen und fast verhungern lassen, liegen Jahr aus Jahr ein in der Stadt und finden sich unter den Freudenmädchen mehr ein als unter ihren Büchern, und niemand spricht darüber.“
Daß die Theologen ihren Kollegen Dr. Bahrdt lieber von hinten als von vorn sahen, ist angesichts solcher Äußerungen und anderer pikanter Details, die er seinen Lesern mitteilte, vollkommen verständlich. Seine Berichte sind tatsächlich interessant. Daß Pückler seinem Publikum solche Pikanterien vorenthielt, hatte also einen guten Grund. Dennoch traute man ihm in Adelskreisen nicht, weil er zu viel schwatzte.
Zum nächsten Kapitel: „Ein wenig Sexualmedizin.“
Anmerkung
* Vgl. Anhang 3: „Eine Pressemeldung 2009“.
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