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3. Kapitel

Eine literarische Bestandsaufnahme


Die schönsten Blumen riechen nicht, die schönsten Vögel singen abscheulich.
Leopold Schefer.


sex14 leopold schefer portraet 1860


Was jedem, der sich in Pücklers Selbstzeugnisse vertieft, früher oder später auffallen muß, ist das gänzliche Fehlen von Preisungen des Frauenkörpers: Er bedichtet keine Brüste, Schenkel, festen Hinterteile; sanften Hügel, Lustgrotten und so weiter; seine Frauen sind jenseits aller Erotik. Diese Zurückhaltung der Diskretion des ansonsten so überaus geschwätzigen, kein pikantes Detail bis hin zur Zote (wie „War er drin?“ – „Ja.“– „Wer? – „Der Pinsel.“ – „Welcher?“) verschmähenden Fürsten zuzuschreiben, wird sicherlich niemandem einfallen, der seine Schriften auch nur oberflächlich kennt.

Und noch niemanden hat es bisher irritiert, daß sämtliche erotischen Bestandsaufnahmen allenfalls auf ein knappes Dutzend Geliebte kommen. Herzlich wenig für einen Don Juan, Casanova, Jupiter oder alle drei zusammen. Hier und da dämmert das schon jemandem, und das Bild des Fürsten Pückler beginnt sich zu verändern. Das Faltblatt zu der 2008 eröffneten Dauerausstellung im Muskauer Schloß vermeldet nur noch „Pücklers Frauenfreundschaften“! (Verfällt aber gleich darauf wieder in Doppeldeutigkeiten: „Als ‚Casanova aus Muskau’ gilt Pückler zu seinen Lebzeiten, sein Liebesleben als unstatthaft und empörend. Der Fürst nährt solche Gerüchte herzlich gern.“ Und die Muskauer tun es auch.)

Bevor wir nun wirklich und wahrhaftig in das Thema einsteigen, nehmen wir ebenfalls eine Bestandsaufnahme vor und beginnen mit einer kurzen Literaturübersicht.


Ludmilla Assing, Pücklers erste Biographin
Biographie und Briefwechsel und Tagebücher
(im folgenden auch BT)

Ludmilla Assings Kompendien sind unsere wichtigsten Quellen und dabei doch nur mit einer wesentlichen, weiter oben schon angedeuteten Einschränkung brauchbar. Die Altersfreundin des Fürsten hat stark subjektiv – natürlich zu Gunsten des von ihr verehrten Gönners – ausgewählt und ganze Korrespondenzen aus den Briefwechseln und Tagebüchern herausgelassen, aus Naivität (siehe oben), aus Eifersucht (wie Werner Detjen bei Ada von Treskow vermutet), aus Rücksicht (wie Friedrich von Oppeln-Bronikowski im Falle Rosa meint) oder vielleicht aus „Abscheu [vor] dem Abgrund der dunklen Entsetzlichkeiten, die er seinen Freundinnen in seinen Briefen auszusprechen wagte“.

Ein Beispiel für diese „Entsetzlichkeiten“ befindet sich ausgerechnet unter den von ihr ausgewählten Liebesbriefen. Pückler schrieb einer Lisette: „Gewiß wird sich nun die Zahl Ihrer Anbeter alle Tage so vermehren, daß Sie am Ende mit Recht werden von sich sagen können: Alle für mich, und ich für Alle; bis jetzt glaubte man vielleicht nur das letzte, aber dann wird man auch das erste nicht mehr bezweifeln.“

Das in Pücklers Nachlaß aufbewahrte Konvolut „Konzepte alter Liebesbriefe, bei Gelegenheit wieder zu benutzen“ kommentiert Ludmila Assing mit den Worten: „Viele der Konzepte sind so unleserlich durch die Fülle der Korrekturen, daß ganze Briefe sowohl als Bruchstücke hier nicht aufgenommen, sondern nur eine Auswahl getroffen werden konnte. Es ist eine Eigenthümlichkeit an Pückler, daß von allem, was er geschrieben, nichts so viel korrigiert ist, als seine Liebesbriefe.“ Das zeugt nicht eben von Leidenschaft, sondern eher davon, daß ihm die Liebesbriefe als „Jagdwaffen“ dienten, die er sorgfältig „in Schuß“ hielt.

Eine, die das offenbar sofort begriffen hatte und auch aussprach, war Sabine Heinefetter: „Mein verehrter Herr, Gern hätte ich hoher Herr gesagt, aber nachdem ich den Anfang Ihres Briefes gelesen – bereut’ ich es, Sie so genannt zu haben [...] Was soll ich aber von einer solchen Freundschaft und Zuneigung halten, deren einziges Bestreben ist, wie mir aus allem hervorgeht, nichts als Sinnlichkeit [...] Glauben Sie denn, Sie wären der Erste, der mir solche glänzende und freundschaftliche Anerbieten macht? – Wenn mein Herz auch thöricht genug war, zuweilen nicht gleichgültig für solche Männer zu sein, so machte mich doch immer noch zu guter Stunde die Vernunft aufmerksam zu welchem niedrigen Zweck die Liebe und Freundschaft dieser vornehmen, vom Glücke und der Welt verwöhnten Menschen führt.“

In diesem Falle lenkte Pückler beschwichtigend ein, ansonsten – siehe oben. Die Liebesbriefe, die Ludmilla Assing ausgewählt hat, offenbaren weder glühende Leidenschaft noch erfüllte Liebe, sondern unerfülltes Verlangen und grenzenlosen Seelenschmerz, wie es sich für einen romantisch Liebenden damals ziemte.

Mit welcher Brille im übrigen Briefe, insbesondere Liebesbriefe jener gefühlsseligen Zeit gelesen werden sollten, möge der folgende Briefauszug illustrieren: „Schon fünf Tage bist Du fort, Geliebter, und seitdem umschwebt mich Deine Gestalt in allen Stunden. Ich bin am frohesten, wenn ich an Dich denken, wenn ich von Dir reden, wenn ich mit unseren Freunden auf Dein Wohlsein anstoßen darf.“ – Diese „verliebten“ Zeilen schrieb Heinrich Voß (der Jüngere) am 12.10.1818 seinem Freund Christian von Truchseß ...


sex15 ludmilla assing fotografie um 1880


Das traurige Kapitel Ohff
Der grüne Fürst (8. Auflage 2002)
(im folgenden kurz „Ohff“)

Siehe dazu auch: "Er lebte lang und litt."
Heinz Ohffs mißglückte Kleist-Biographie.
Von Anton Philipp Knittel.
"... der Rezensent, der sich mit Grausen vorstellt, dass diese 'Biografie' Erstsemestern oder interessierten Laien in die Hände fällt ... Ein Unterfangen, das leider gänzlich missglückt ist ... Irrtümer, Verkürzungen, Mutmaßungen und fantasievolle Erfindungen und Ausschmückungen ... Teilweise umständlich, teilweise geschwätzig, lässt Ohff seine Zügel schießen ... wenn es mit Namen ebenso hapert wie mit Jahreszahlen ... ein Kleist-Bild, das mit den Konturen der eingangs genannten Werke [standardsetzenden Biographien] nur noch wenig gemein hat."
Literaturkritik.de, Nr. 5, Mai 2005.

Der Herr Ohff – ruhe sanft – hat unbestritten seine Verdienste, nur eben auf anderen Feldern als ausgerechnet dem der Fürst-Pückler-Biographie. Zur Entstehung Des grünen Fürsten sollte man nämlich wissen, daß Ohff, von Hause aus Feuilletonist (Ressortchef beim Tagesspiegel), nach einigen lässigen Recherchen und dito Kolumnen (im Tagesspiegel) vor der Wende, ein gutes Geschäft witternd sich nach der Wende des dankbaren Themas verstärkt annahm, ermuntert und unterstützt von ein paar Freunden über sein Material hermachte und in Windeseile – leider – einen Bestseller zusammendrosch, denn schreiben – das kann – konnte – er wirklich wie der Teufel. Sein Erfolgsrezept: Er macht aus allem ein Geheimnis. Selbst Banales oder einfach Nachzulesendes wird bei ihm zur Sensation; es ist ein bißchen wie in der Zeitung mit dem großen G: Man etikettiert Jeansstoff um zu Brokat. Hauptsächlich Ohffs Marktschreierei hat das Bild Pücklers geformt, das heute vor allem ältere Männer anschwärmen. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Dabei sind seine Schludereien unübersehbar. Wir beschränken uns auf ein paar locker zu skizzierende Beispiele:

Auf Seite 20 verpaßt er Muskau 3000 Einwohner (es waren knapp 700) und Deutschland 1700 Kleinstaaten (es waren an die 400 – eine schwache Leistung übrigens auch des Piper-Lektorats, denn wir haben die Zahlen aus der achten Auflage dieses kulturhistorischen Unglücksfalls! – Weil er die zum Markieren der zahlreichen Schnitzer nötigen Lesezeichen nicht mehr faßte, haben wir uns eigens zu diesem Zweck ein Zweitexemplar Des grünen Fürsten beschafft und mit Anstreichungen und Eselsohren versehen. Das Buch ist nun an der Stelle, wo die Eselsohren sitzen, fast doppelt so dick wie am Buckrücken ...). Vom gleichen Kaliber: Die Völkerschlacht bei Leipzig wird in das Jahr 1814 verlegt (Seite 72).

(Einschub 09.09.2010: Auf Seite 22 diagnostiziert Ohff dem fernab von jeglichem Weltgetriebe vor sich hin träumenden Bauerndorf Weißwasser für Pücklers Geburtsjahr 1795 einen kleinen „Industriebezirk [...] mit Glashütten“ und vielem anderen mehr: Die erste Glashütte im Dunstkreis der Standesherrschaft Muskau wurde erst 1815 unter Pückler in der Nähe des Gutes Jämlitz gegründet. In Weißwasser passierte diesbezüglich bis 1873 gar nichts!)

Auf Seite 122 weist das Eselsohr auf unser Beispiel vier hin: „Ein Mensch namens Weisflog, Journalist, preist – für 100 Taler und freie Wohnung – die Heilwirkung der [Muskauer] Quellen in der Berliner Abendzeitung [...]“. Ein Blick in die Allgemeine Deutsche Biographie (die er in seinem Literaturverzeichnis sogar angibt!), Clausens Zu allem fähig, irgend eine Literaturgeschichte oder gar Pücklers Briefwechsel und Tagebücher (die er ebenfalls studiert haben will) hätte ihn im Handumdrehen über den vornamenlosen „Menschen“ und „Journalisten“, den in Wahrheit namhaften Saganer Stadtrichter und Dichter, Freund Leopold Schefers und Rechtsberater Pücklers, Karl Weisflog aufgeklärt.

(Ergänzung vom 06.09.2011: Carl Weisflogs Novelle Die Bäder zu Muskau – eben jene "Preisung" – sollte ursprünglich den Titel Die Quellnymphe tragen. Unter diesem erschien sie 2010 in einer Bearbeitung von Bernd-Ingo Friedrich, herausgegeben vom Freundeskreis "Historica" Bad Muskau, im Verlag Quint-Muskau. Im Vorwort des Autors werden – unter anderem – die Umstände ihrer Entstehung rekonstruiert und Ohffs Geflunker gegenübergestellt.)

Unser fünftes Beispiel zeigt, daß er auch das Kleinvieh nicht verschmäht: Aus den zwei Dutzend Handschuhen, die Pückler über Lucie in Berlin für die Muskauer Damen bestellt, macht er im Hand(schuh)umdrehen 100 (zufällig auch auf Seite 100). Kleinvieh macht eben auch Mist, und zwar Mist von der Sorte, die nicht stinkt.

Unsere Lieblingsstelle – nicht unbedingt ein Fehler, aber ein Paradebeispiel für Ohffs panegyrische Hirnakrobatik – ist auf Seite 91 zu finden: „Die Neiße selbst .... hat der Graf in mühseliger Schaufelarbeit eines Heeres von Arbeitern umgeleitet ...“. Na, hallo!

Zum Thema nennt Ohff (wohl für den BILD-Leser) mehr Liebschaften als Don Juan und Casanova; bei Ludmilla Assing hießen sie noch Don Juan und Jupiter. Wir zitieren Ohff trotz seiner Hochstapelei, weil seine mitunter grotesken Übertreibungen eine gute Folie für unsere Betrachtungen abgeben. Bevor wir uns ernsthaft der „Frauenfrage“ zuwenden, widmen wir uns mit ihm auf die Schnelle ein paar Pücklerschen Jugendsünden.

Ohff läßt es sich natürlich nicht nehmen, eine Briefstelle mit deutlich erotischem Flair zu zitieren, die eingebettet ist in Erinnerungen Pücklers an seine Kindheitsjahre in Uhyst. Ohff zieht daraus den Schluß, daß die „prüde“ Herrnhuter Erziehung „den Keim zu Pücklers schier unersättlicher Sinnlichkeit zumindest mit angelegt haben könnte“ („zumindest“, „könnte“ – der Feuilletonist formuliert ...). „Halten wir uns weiter an das, was“ Pückler (77) selbst erzählt: „Den 18ten August 1863“ schrieb er an Ada von Treskow:

„Ich nun, der ich noch nicht ganz 10 Jahre zählte, verliebte mich sterblich in das fromme schöne Mädchen, und bald machten wir es möglich, uns an zum Teil wunderlichen Orten allein zu treffen und Mund auf Mund und Tränen in den Augen in Verzückung zu vergehen. Aber unschuldig wie Ihre Liebe blieb die unsre nicht. Ich war sehr früh gereift, und schon was man verführt nennt. Mein frommes Mädchen gleichfalls durch Gespielinnen, und auf solche Weise, wie zwei Mädchen, genossen wir, gewissermaßen in aller Unschuld, wenigstens ohne alle Gewissensskrupel und mit Enthusiasmus Liebe und Wollust unersättlich“ usw.

Bei dem frommen Mädchen handelte es sich um Pücklers Kusine, die spätere Gräfin von Kielmannsegge. Beide waren damals noch nicht einmal Teenager ...

In durchaus widersprüchlichen Aussagen suggeriert Pückler seiner Briefpartnerin also eine frühzeitige Verführung zur Sexualität. Sogar Ohff kann sich die Frage nicht verkneifen: „Wo? Auf Schloß Muskau?“ Wir fügen hinzu „Wann? Und durch wen? Mit fünf? Durch die Mutter?“ Dann allerdings – aber: „Halten wir uns an das“ usw. – so macht es ja auch unser pfiffiger Feuilletonist. Lassen wir das Ganze einfach so im Raum stehen.

Nur so viel: Pückler nahm es mit der Wahrheit um der Dichtung willen nie so ganz genau; er verklärte die Wahrheit zur Illusion und erklärte die Illusion zur Wahrheit; wir können ihm nie so recht glauben. Wir weisen auch bereits hier darauf hin, daß wir alles, was wir von Pücklers Intimleben wissen, nur von ihm und niemals von anderen „hören oder lesen“. Wer auch weiß, wie das Gemeinschaftsleben der Herrnhuter organisiert war, wird an verschwiegenen Zusammenkünften in einer winzigen Herrnhuter Filiale zweifeln müssen. Wenn wir den 24-jährigen Pückler noch als Jugendlichen durchgehen lassen wollen, käme hier noch eine Episode in Betracht, die Ohff verarbeitet wie folgt: „Da sich in seinem Tagebuch keine Zeile über diesen [Straßburger] Aufenthalt findet, dürfte es sich um eine erneute ‚Passion’ handeln, wahrscheinlich mit gleich drei verheirateten Frauen. Von ihnen ist die Rede in einem Brief an Julie von Gallenberg.“

Pückler an Julie Gräfin Gallenberg, Strasbourg, le 26. février 1810: „Je ne suis pas leur amant, mais je me flatte d’être leur ami ...“; deutsch: „Ich bin nicht ihr Liebhaber, schmeichle mir jedoch ihr Freund zu sein ...“ – Alles klar.

Das Geplänkel, das Pückler als Fünfzehnjähriger mit seiner eigenen Mutter hatte, erwähnen wir nur der Vollständigkeit halber. Den eruptiven Charme des ausgeflippten Halbwüchsigen so harmlos zu deuten, wie es gewöhnlich geschieht, will uns mit der einmal eingeschlagenen Richtung – siehe oben – zwar nicht mehr recht glücken, doch es fällt spätestens hier auf, daß mit Ausnahme der soeben angeführten aus Pücklers Sturm-und-Drangzeit überhaupt keine amourösen Abenteuer bekannt sind. Es ist, als hätte der sonst so stürmische junge Mann bis zu seinem 30. Lebensjahr keusch gelebt.


Nicole Berthy und Michael Brey
Ich bin ein Kind der Phantasie – beweglich wie der Schmetterling
(kurz Schmetterling)

Der literarisch-dokumentarische Meilenstein zu unserem Thema nennt sich im Untertitel Fürst Pückler und die Frauen. Das opulent aufgemachte, buchgestalterisch wie ökologisch desaströse Wort- und Bildwerk zweier Event-Manager, das wohl auch im Vertrauen auf die Unerschöpflichkeit des Holzvorrats der Muskauer Heide (vor dem Vattenfall) konzipiert wurde, orientiert sich an einer Übersicht, die sich „Wege der Frauen“ nennt. Die „Wege“ – das sind z.B. Seen, Inseln, Brücken, Bäume, Beete, Gräber und – auch – zwei Wege; wir wollen die „Events“ besser „Stationen“ nennen, auch wenn das ein wenig nach Bundesbahn klingt. „Es“ orientiert sich besser.

Von den 19 Stationen haben drei (die Jeanetteninsel, die Hertha-Eichen und der Fredablick) nur deshalb mit Pückler zu tun, weil sie sich in seinem Park befinden, also gar nichts mit seinen Frauen; eine (der Clementinengang) hat zwar mit Pückler, aber mit seinen Amouren nichts zu tun; eine (die Nummer 10, eine Eiche namens Iduna) soll der Frau Heinrich Laubes, könnte aber auch der nordischen Göttin der Jugend und Unsterblichkeit gewidmet sein; zwei (Carolinenhöhe und Cara’s Pfad) haben vielleicht mit Pückler zu tun; von den restlichen zwölf sind vier seiner Frau Lucie (zweimal als „Schnucke“) und eine den drei Schwestern Clementine, Bianka und Agnes gewidmet – bleiben sieben: Henriette Sontag, Machbuba, Bettina von Arnim, Sabine Heinefetter, Sophie Gay, Sarah Austin und Helmine.

Die zwölf Stationen, die mit Pücklers Liebesleben ganz bestimmt nichts zu tun haben, werden in Ohffscher Manier vereinnahmt, und die Einleitung eröffnet denn auch gleich mit einer Variation des uns bereits vertrauten Satzes: „Fürst Pückler habe mehr Liebesverhältnisse gehabt als ‚Don Juan und Jupiter zusammengenommen’ ...“ Dementsprechend wird das Thema abgehandelt. („Haben Sie schon gehört? Der soll – grummelgrummel – sein! Deshalb fährt der auch immer nach Berlin! Verstehen Sie?!“)


Ein liebenswertes Buch
Der tolle Pückler

Hans-Hermann Krönert, Der tolle Pückler, nennt ebenfalls Henriette Sonntag, Machbuba, Bettina von Arnim und Helmine; fügt der Liste die Namen Ada von Treskow, Ida Gräfin von Hahn-Hahn, Eugenie John (die „Marlitt“) hinzu, skizziert die Lebenswege der Frauen und – erwähnt die „Schnucke“, die Ehefrau und Gefährtin Pücklers über 37 lange Jahre, lediglich am Rande! Aber das soll wohl, wie man hört, auch dem genialischen Treiben in den Werkstätten des Regia-Verlags geschuldet sein.


Dort senke dich auf ein Paradies
(kurz Paradies; mit beeindruckenden Fotografien von Thomas Kläber)

Im Paradies entfaltet sich die Ohffsche Manier noch einmal zu voller Blüte. Wie schon im grünen Fürsten tut Pückler im Paradies buchstäblich Alles mit beispielloser Zielstrebigkeit in höchsteigener Person: Idee, Planung, Umsetzung – alles Pückler; Nietzsches Übermensch wird im Paradies Jahrzehnte vor Nietzsche geboren. Bekannt und für uns wichtig ist, daß der Autor über vorzügliche Quellen verfügen kann und offenbar auch weder Freizeit noch Kosten gescheut hat, aus seinem Pückler-Archiv Geeignetes für den Leser hervorzusuchen. Seine Bonmots, freilich etwas tapsig vorgetragen, klingen für einen Lohnabhängigen erstaunlich prononciert:

„Die Frauen sind seine perfekteste Inszenierung und ein großangelegtes Täuschungsmanöver, denn möglicherweise reichte seine Manneskraft lediglich für die Phantasie: ‚Die Gebilde der Phantasie gewähren eigentlich das wahre Glück.’ Ursache könnte eine geheimnisvolle Erkrankung in seiner Jugend sein: ‚Bekannt sey, daß ich in Folge einer Krankheit keine Kinder mehr zeugen könne, wenn auch der Beischlaf stattfände’, schreibt [schrieb?] er an Lucie, als eine Frau ihm ihr Kind andichten wollte [will?]. Wenn Beischlaf stattfände, heißt eben nicht, daß er stattgefunden hat. Immer wieder flieht er vor den Frauen, wenn nach den großen Worten und Gesten die Tat von ihm erwartet wird.“

Mit der gleichen Skepsis widmet der Autor sich en passant Lucie, Helmine, Machbuba und Henriette Sontag; vielleicht auch noch einigen anderen, aber diese Nennungen fallen kaum ins Gewicht. Doch das etwas verschämte Credo des Autors hinsichtlich des Pücklerschen Liebeslebens ist auch das unsere. Vielleicht es in diesem Zusammenhang angebracht, auch einmal darauf hinzuweisen, daß bereits Bettina und Lars Clausen Pücklers auffällige Unfähigkeit zu dauerhaften Freundschaften konstatierten.


Weitere Quellen und Sümpfe

Die Herausgeber Graf Friedrich von Oppeln-Bronikowski und Professor Dr. Werner Deetjen sind an unserer Untersuchung mit Liebesgeschichten am Preußischen Hofe bzw. Liebesbriefe eines alten Kavaliers beteiligt.

Die Stiftung Fürst-Pückler-Park Bad Muskau kommt mit Englandsouvenirs und Fürst Pückler zu Wort. Letztere Publikation (die Heinz Ohffs grünen Fürsten ernsthaft als Literatur empfiehlt!) wird zum besseren Verständnis mit dem Stichwort Parkomanie aus ihrem Untertitel angegeben.

In dem bereits genannten, akribisch recherchierten Werk Muskau - Standesherrschaft zwischen Spree und Neisse von Hermann Graf von Arnim und Willi A. Boelcke (die Reihenfolge der Autorennamen gehörte eigentlich umgekehrt; das Buch ist leider ebenfalls stark tendenziös, nur auf andere Sachverhalte bezogen), in dem Werk also wird dem Fürsten Pückler relativ gründlich auf den Zahn gefühlt. Aus eben diesem Grunde wird das Buch wohl von manchen nur ungern zitiert; Ohff zum Beispiel hat es laut seiner Bibliographie Seite 316 nicht verwendet. Es enthält – zum Zitieren leider zu umfangreich – exzellente Einblicke in die Psyche Pücklers, die mit dem korrespondieren, was wir hier entwickeln wollen.

Weitere, vereinzelt zitierte Titel werden im Text genannt; ausführlich bibliographiert erscheinen sie im Literaturverzeichnis.


Zum nächsten Kapitel: „Die Frauen des Fürsten Pückler.“

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