05
Zur Startseite

2. Kapitel

Wie man aus Mücken Elefanten macht

oder: Über den Umgang mit Größe


Historiker, der: Breitspur-Klatschmaul.
Ambrose Bierce.

Pückler hielt sich selbst nicht für genial. Im schon mehrmals zitierten Brief vom 26. Juni 1817 gesteht er ein „... daß ich mich zwar unglücklicherweise für originell ansehen muß, aber keineswegs für ausgezeichnet in irgend etwas ...“ Ein andermal läßt er Lucie wissen: „... als geborener König weiß ich die Leute vortrefflich zu beurtheilen und zu benutzen, und folglich mir ihre Arbeit zuzueignen, auch wohl Gegebenes noch zu verbessern, aber von Grund aus allein etwas zu schaffen, ist mir nicht verliehen worden.“

Pückler war ein Dilettant, der pokerte und seine Zufallsgewinne im Nachhinein als sorgfältig kalkulierte Schachzüge verkaufte. Es wäre wohl wert, mit einer eigenen Untersuchung zu belegen, wessen Arbeit er sich im einzelnen zueignete. Uns brächten solche Details allzu sehr vom Kurs ab; wir begnügen uns daher mit einigen Fingerzeigen.

Aus Leopold Schefers Tagebuch einer „Wanderung nach der Schneekuppe“ geht hervor, daß Scheferscher Mist erheblich zum Gedeihen der Parkidee beigetragen hat.
Im Staatsfilialarchiv Bautzen aufbewahrte Dokumente lassen den Schluß zu, daß die Glashütte Jämlitz auf eine Initiative Schefers zurückging.


sex09 max boehn mode les modes parisiennes 1844


Pücklers Hirschgespann war die Neuauflage einer Mode des 18. Jahrhunderts, wie u.a. ein anonymer Stich im Dresdener Kupferstichkabinett zeigt.
Pücklers modische Outfits stammten aus Journalen, was zum Beispiel ein Blick in Max von Boehns Mode im XIX Jahrhundert offenbart. Für eine Abbildung aus Les Modes parisiennes 1844 könnten der Fürst und Lucies Tochter Helmine Modell gestanden haben.
Die Anregung zur Anlage des Hermannsbades kam von dem Kreisphysikus Dr. Kleemann, die Ausführung übernahm, wie bekannt, Lucie.
Die Schriftstellerei wurde initiiert von Lucie und Schefer. (Letzterer wird überhaupt auffällig oft und bemerkenswert sorgfältig aus Allem herausgehalten. Daß Schefer nachweislich nur ein Mal in Branitz – bei der Fürstin – zu Besuch war, zeigt u.E. nicht nur die Entfremdung der einstigen Jugendfreunde an, sondern auch, daß der Fürst von Schefer – als personifiziertem Memento in mehrerlei Hinsicht – in seiner Image-Pflege nicht irritiert werden mochte.)
Daß Heinrich Laube seine „Festungshaft“ u.a. schreibend und jagend in Muskau genießen konnte, verdankte er Schefers; eigentlich sogar seiner, Laubes, eigenen Initiative.
Pücklers Pseudonym „Verstorbener“ geht vermutlich auf Meta Klopstocks Briefe von Verstorbnen an Lebendige zurück, die 1759 in den Hinterlaßnen Schriften von Margareta Klopstock bei Bohn in Hamburg erschienen waren.
Der Halbmüde („Semilasso“) erinnert an einen Abriß Der Evangelischen Ordnung zur Wiedergeburt etc. in der Kirchenbibliothek Horka, vorgelegt von Einem Ermüdeten Weltweisen, der auf die Wiedergeburt wartet aus dem Jahre MDCCXXXV.
Um mögliche Anleihen bei August Heinrich Julius Lafontaine und Lord Byron geht es noch einmal im Kapitel „Machbuba“.


sex10 leopold schefer murkau roemisches tagebuch


(Solche Adaptionen nachzuweisen ist natürlich immer schwierig. In unserem Falle ist der Nachweis zusätzlich durch den Umstand erschwert, daß nur noch etwa ein Viertel bis ein Drittel der ursprünglichen Callenberg-Pückler-Bibliothek existiert und auch keine Kataloge überliefert sind. Es ist aber anzunehmen – alle Pückler-Biographen sprechen ganz selbstverständlich davon – daß die Bibliothek unter jedem Besitzer zumindest die für die jeweilige Zeit repräsentativen Werke enthielt.)

Noch ein paar Stichworte:
Sein Schreibstil – Heinrich Heine und E.T.A. Hoffmann;
„Pückler-Murkau“: Geklaut von Schefer;
sein Gartenwerk – die Engländer, Bettina von Arnim, Rehder, Schinkel; Teile des Buches wurde sogar von anderen geschrieben;
die Belebung des Parkes durch Cottages – Bettina von Arnim; Leopold Schefers Musterdorf Köbeln hatte er aus ästhetischen Gründen abreißen lassen;
seine sozialreformerischen Schwärmereien – Saint-Simon und Bettina von Arnim,
wobei man aber hinzufügen muß: Ob Saint-Simon, Jungdeutsche, Lassalle oder die Sozialisten – Pückler war ein Taktierer, der sich nirgendwo festmachte, weil er überall etwas gelten wollte. Findet sich irgendwo eine Aussage pro, kann man problemlos woanders das Kontra dazu finden. Das ist auch ein Grund dafür, daß jeder mit ihm etwas anfangen, aber keiner ihn so recht gebrauchen konnte. Seine Überlegungen hinsichtlich einer gerechten Ordnung der Gesellschaft waren so viel wert wie die eines Löwen, zum Vegetarismus zu konvertieren. Sein Egoismus ließ ein Abgehen von seiner durch und durch aristokratischen Lebensweise überhaupt nicht zu. (Und wenn er einmal nebenbei und durchaus gerührt seiner „braven Sorben“ gedachte, so tat er das wie der Hasenzüchter: Da sitzen sie nun, mümmeln brav vor sich hin, tun keinem was, wollen nichts und geben vorzügliche Braten ab.)

Solche und andere Dinge tauchen in den Elogen der Marketingstrategen kaum auf, andere hingegen bekommt man über das Verfallsdatum hinaus serviert. Seit 1998 kann man in der edition branitz Nr. 3 zum Beispiel nachlesen, was von den zwei Pseudo-Anekdoten zu halten ist, die kein Pückler-Adept zu kolportieren sich entgehen läßt, mit welchem Kommentar auch immer. Die eine ist die „unausrottbare Baumfällaktion“ in Neuhardenberg; wir wiederholen sie nicht. Martin Sperlich meint dazu ganz richtig. „Die Vorstellung, eine alte Lindenallee 50 m vor der Gartenfront des Schlosses verlaufend, könnte während eines Diners, und hätte es auch acht Gänge, vom Schloßherrn und seinen Gästen unbemerkt, ohne daß die Weingläser und Dessertteller geklirrt hätten, gefällt werden, können nur Leute glauben, die noch nie bei der Fällung eines Baumes dabei waren.“

Zu dem „waghalsigen Rösselsprung von der Elbbrücke“ zitiert Sperlich einen beglaubigten Vermerk des Prinzen Carl von Preußen: „Dichtung! Das heißt auf deutsch: Er wurde wegen eines Rittes am Sonntage um die Neustadt-Promenade, von Damen der Gesellschaft stark besucht, auf einem den Pfürtzel hochtragenden Pferde, den er hatte abrasieren und mit Farbe zu einem Penis malen lassen, cassiert.“

Eine „halbe Lügengeschichte“ könnte man die Erfindung des Pücklereises durch den Fürsten Pückler persönlich nennen. Zwar wird meistens mehr oder weniger verneint, daß er das Eis selbst erfunden haben könnte, aber immer (siehe unten, das Muskauer „Casanova-Faltblatt“) mit diesem gewissen Augenzwinkern „wer weiß ...?“.


sex11 faltblatt olgdw goerlitz rangliste


Das Fatale an dieser Art Geschichtsfälschung ist nicht, daß ein Einzelner größer gemacht wird, als es ihm zukommt, sondern daß andere neben (nicht unter!) ihm verkleinert werden oder ganz und gar verschwinden. Doch der Fürst-Pückler-Marketing-Express rollt und rollt. Daß einen in der Lausitz von überall her (von Opern- und Operettenplakaten bis hin zu Bier-, Saft-, Sekt- und Soda-Flaschen) der Fürst Pückler anlacht, wundert einen schon nicht mehr. Nun ist er auch auf einem Faltblatt der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz an exponierter Stelle aufgetaucht. Pückler war zwar einige wenige Jahre Mitglied der OLGdW, aber eins ihrer unbedeutendsten. Pückler wurde 1862 ihr Mitglied, da war er bereits 77 Jahre alt und wohnhaft in Branitz, ein zahlendes Mitglied unter vielen. Mit mehr Berechtigung wäre ein Porträt Leopold Schefers, dessen gesamter literarischer Nachlaß sich in der Bibliothek befindet, oder Lucie von Pücklers als Präsidentin der Oberlausitzer Bienengesellschaft darauf plaziert gewesen; oder des Autors dieser Zeilen, der immerhin schon etliche Stunden im Lesesaal der Bibliothek verbracht hat. Das Ganze wird verständlich, wenn man weiß, von wem das Faltblatt gestaltet wurde ... Die Vermarktung – oder besser: die Verwurstung – des in dieser Hinsicht postum bedauernswerten Fürsten macht also auch vor den Wissenschaften und -schaftlern nicht Halt, siehe dazu auch weiter oben; das in der Einleitung erwähnte Hundert Anmerkungen.*

Seit neuestem ist sogar schon von einer „Pücklerexegese“ die Rede. Wir merken an: Die Exegese (griechisch: Auslegung, Erläuterung) ist die Wissenschaft von der Interpretation eines Textes, insbesondere der Bibel; ein Exeget ist Fachmann für Bibelauslegung. Man darf also gespannt sein, wann Hermann von Pückler heilig und Bad Muskau und Branitz zu Wallfahrtsorten werden werden, wo man dann psalmodierend geweihten Sankt-Pückler-Riesling zusammen mit schwarz-rot-goldenem Fürst-Pückler – sorry – Sankt-Pückler-Eis darreichen wird, das man dann natürlich nicht mehr zwischen zwei ordinäre Waffeln, sondern zwischen zwei Oblaten klemmen wird. Vorsorglich – man weiß ja nie, wohin der Zug der Zeit noch fährt – hat man in Branitz sogar schon eine Art Kaaba vor das Besucherzentrum gesetzt. Mit Einhörnern dekorierte Pückler-Pilger werden dann vielleicht von Deutschland über Polen, das Baltikum, Rußland, Zentralasien, die Türkei, Griechenland, den Balkan, Österreich, Schweiz, Italien, Ägypten, Tunesien, Algerien, Marokko, Gibraltar, Portugal, Spanien, Frankreich, die Beneluxstaaten, England, Irland und wieder England und Deutschland zum Schutzheiligen der Schlauchboote, Rikschas und motorisierten Heckenscheren in die Lausitz strömen, um dort – halleluja – gewaltige Opferstöcke mit Groß- und Kleingeld zum Bersten zu bringen. In theologischen Seminaren überall in der Welt werden Magister Theologiae die einzig wahre Pückleristik lehren; nicht nur an den philologischen Fakultäten der Universitäten Sachsens und Preußens respektive Brandenburgs wird es entsprechende Studiengänge mit Professoren, Doktoren und ergrauten Doktoranden geben; sie alle werden, unermüdlich die Sieben Bücher Callenberg, die zwölf Bücher Pückler und die Apokryphen kommentierend, viele Bibliotheken mit dicken Büchern füllen, und ihre Werke werden diese unsere verkorsteste aller Welten endlich, endlich – halleluja – läutern, denn „Kunst ist das Edelste“ und so weiter. Von wegen „jenes unwichtig=merkwürdige Seifenblasenwesen“! Im alten Ägypten hat man sogar Mistkäfern zu einer bis heute andauernden überregionalen Popularität verholfen. Es könnte sogar – doch halt, wir schweifen allzu sehr ab.


sex12 cassen schein muskau fuenf thaler

Foto © Geldscheinsammlung München


NB mag sich auch keiner der Biographen sonderlich darum kümmern, woher das viele Geld kam, das Pückler verlebte, verpflanzte und verbaute. Pückler, einer der reichsten Großgrundbesitzer Preußens, hat es sehr wohl gewußt. Die Ablösungsrezesse zu der von ihm so vehement beklagten nominellen Aufhebung der Leibeigenschaft 1815 wurden von ihm aus gutem Grund bis zum Verkauf Muskaus, also dreißig Jahre lang, verschleppt. Das wenige Geld, das er seinen 200, zeitweise 300 „ABM-Kräften“ für die normierte Schinderei zur Schaffung seiner Grünanlagen zahlte, war größtenteils besitzlosen Bauern abgenommen worden, die von Sonnenauf- bis -untergang für ein Existenzminimum schufteten. Wie das im Detail aussah, kann man in Bettina von Arnims Armenbuch nachlesen. Trotzdem war Pücklers Schuldenberg – vor der „Notbremse“ – in Form preußischer Silbertaler aufgestapelt 1,8 Kilometer hoch. (Die Schneekoppe hat 1.600 m.)

Zum nächsten Kapitel: „Eine literarische Bestandsaufnahme.“


sex13 fuerst pueckler kekse uhyst

* Die vorerst letzten Schreie auf diesem Sektor sind „Fürst-Pückler-Kekse“ aus Uhyst und „Fürst-Pückler-Adventskalender“ aus Bad Muskau.


Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen

Zur Startseite

Nach oben

made by hsulzer webagentur © 2007