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1. Kapitel

Hat er? Oder hat er nicht?

Von Bernd-Ingo Friedrich


Aus Fehlern lernt man. Aber es gibt noch andere Quellen der Erkenntnis.
Jewgeni Tarassow.

Künstlerschicksale sind selten erfreulich: 1873 schoß Paul Verlaine aus Eifersucht auf seinen Geliebten Arthur Rimbaud, zwei Jahre später schlug Rimbaud Verlaine zusammen; Hans Fallada rauchte täglich bis zu 200 Zigaretten, nahm Morphium und Kokain und brachte, weil sie ihn nervte, beinahe seine (frisch geschiedene) Frau um. Hermann Hesse wandelte auf äußerst schmalem Grat durchs Leben; Rainer Maria Rilke ließ sich von seinen Frauen aushalten; Bertolt Brecht und Heiner Müller haben ihre Frauen intellektuell hemmungslos ausgebeutet; für viele Selbstmorde von Frauen sind Künstler direkt verantwortlich. Ihrem Erfolg und ihren Biographien hat das wenig geschadet, weil ihre Biographen es handhabten wie die Maler, die ihre Bilder romantisieren, indem sie Verkehrsschilder weglassen. „Kunst ist Neurose.“ Ein tiefsitzendes Unbehagen an sich und der Welt, verbunden mit Selbstzweifeln und Depressionen, die Unmöglichkeit, mit sich selbst allein zu sein und zahllose Brüche in der Biographie sind einige Symptome zu dieser Kunsthistoriker-Binsenweisheit.

Und so kommt es, daß wir in allen Künsten edlen Gefühlen, hehrem Gedankengut und beeindruckenden Taten begegnen, aber nur selten einem integren und vor allem sympathischen Künstler. Auch Pücklers Lebenswandel ist über weite Strecken durchaus abstoßend. Als Gartengestalter war er unbestritten groß; als Schriftsteller ist er heute vor allem für den Kulturhistoriker interessant, der wissen muß, ob ein Landadliger seine Taschentücher einmal oder mehrere Male benutzte; als Ehemann und Liebhaber war er aus heutiger Sicht – mit Verlaub – ein Drecksack, ein Schlawiner; als Mensch war er zwiegespalten wie wir alle. Friedrich von Oppeln-Bronikowski schrieb über den Fürsten:

„In der Tat eine komplizierte Natur mit bestechenden Eigenschaften und vielseitigen Gaben, ein Mann von hoher europäischer Kultur und künstlerischem Geschmack, aber auch mit höchst unsympathischen Zügen behaftet, von unausgeglichenem, widerspruchsvollem Wesen, das nur durch das Band der Eitelkeit zusammengehalten wurde, bei aller Weichlichkeit ein Draufgänger und Duellant, als Jüngling von tollkühnem Schneid und noch in reiferen Jahren den Abenteuern und Gefahren einer langen Orientreise trotzend, ein Mann, der den Mut zur Originalität hatte und die Philister dreist herausforderte, aber zugleich kriecherisch vor allen Größen, den politischen wie den geistigen, den reaktionären wie den liberalen, ebenso erpicht auf Titel und Ordenssterne wie auf gute Rezensionen, dem jedes Mittel recht war, aalglatt und skrupellos, Don Juan und Mephisto in einer Person“; „eine Figur aus einem italienischen Intrigenstück.“

Die bislang unbekannte Seite der Medaille: Im dritten Kapitel seines Buches Du mußt dein Leben ändern, betitelt „Nur Krüppel werden überleben/ Unthans Lektion“, formuliert Peter Sloterdijk für den Zwang zur Bewährung des Nonkonformen in einer konformistischen Gesellschaft: „Aus Behinderungen ergeben sich nicht selten Sensibilisierungen und aus diesen zuweilen erhöhte Anstrengungen; die wiederum münden unter günstigen Umständen in gesteigerte Lebensleistungen.“1


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Die Hypothese

Als Bettina und Lars Clausen, den Spuren Arno Schmidts folgend, in den 60-er Jahren damit begannen, Leopold Schefers Lebensumstände zu erforschen, taten sie das mit dem unverstellten Blick derer, die Neuland betreten und begierig jedes scheinbar noch so unbedeutende Detail aufsaugen. So bemerkten sie Dinge, die den einheimischen und anderen „Betriebsblinden“ schlicht entgangen waren oder nicht mehr bemerkenswert erschienen. Das betraf auch eine biographische Lücke im Lebenslauf Hermann von Pücklers. Zusammen mit einigen adäquaten Beobachtungen bewog diese sie zur vorsichtigen Formulierung einer These, die von noch niemandem ernsthaft aufgegriffen wurde. Das ist um so verwunderlicher, als sie schlüssig erscheint und in ihren Folgerungen überaus interessant ist. Sie würde das wenig stimmige Bild, das bisher von schwärmerischen Verehrern des Fürsten und vor allem der Tourismusbranche geprägt wurde, bedeutend verändern, und zwar – nicht unbedingt zum Nachteil des Betroffenen – vom Chaoten zum Getriebenen; oder – um eine andere Metapher aufzunehmen – sein „Lebenspanorama“, wandelte sich von der Burleske zu einer Tragödie und der Held des Boulevards avancierte zu einem veritablen tragischen Helden. Die Hypo-These des Professoren-Ehepaars Bettina und Lars Clausen in Zu allem fähig. Versuch einer Sozio-Biographie zum Verständnis des Dichters Leopold Schefer aus dem Jahre 1985 im Wortlaut:

„Dieser Absatz stützt sich auf eine äußerst schwerwiegende und daher nur vorsichtig formulierte Hypothese: Hermann Pückler war impotent.

Sie steht hier für nicht mehr als nur für einen vorläufigen Verdacht. Erst ein weiteres Quellenstudium sowie sorgfältigste Textanalysen könnten ihn erhärten – oder den Verdacht ausräumen. Im ersteren Falle freilich wären alle bisher vorliegenden Pückler-Bilder so ziemlich für den Ofen, und seine geschmäcklerisch-glitzernde Biographie stiege zum Rang einer komprimierten historischen Chiffre auf: Er hätte den absterbenden Feudaladel dann selbst bis in den feinsten Nerv hinein verkörpert.

Die Hypothese ist derart verführerisch, und all seine Aussagen (inclusive seiner ‚Parkomanie’, der ‚leidenschaftlichen Liebe für die sogenannte todte Natur, deren geheimnisvolle, unsichtbare Kräfte ich nach Willkür für mich beleben [...] kann.’ [Assing-Grimelli 1874:VI,287]) gewinnen für einen Leser mit solcher Brille derart zwingende Transparenz, daß man hier auf einen besonders widerständisch-exakten Forscher hoffen möchte. Wir geben anstatt etwelcher persönlicher Interpretationen nur drei Stützpunkte unserer Hypothese aus den Quellen: (1) Zum Erben der Standesherrschaft; (2) zu einer Lücke in Pücklers Lebenslauf; und (3) zu zwei womöglich direkten Vermerken Pücklers respektive Schefers:

(1) Daß Pückler nicht auf einen selbstgezeugten Erben rechnet ( - durch seinen Eheschluß mit einer Frau in den Wechseljahren, die bekanntermaßen keine Bindung aus Leidenschaft war, hatte er sich selber aus der Partie gestoßen, gleichwohl aber auch nie, wie von Vater und Großvater bekannt, ein Kind zur linken Hand gezeugt), geht aus einem mißmutigen Brief an Lucie (geb. von Hardenberg, seine Frau) hervor, die wohl gern noch ein angenommenes Kind in Muskau gehabt hätte. Pückler schreibt am 15.1.1823: ‚Deinen kleinen Lou [Louis Pückler, Agnes’ Sohn] kann ich, da ich in Frankfurt verweilen muß, unmöglich überall mitschleppen, auch wünschte ihn Agnes noch bis zu ihrer Abreise zu behalten, und im April selbst nach Muskau zu bringen [...] Ich gestehe aufrichtig, daß mir angst und bange dafür ist, einen solchen ungezogenen Jungen im Hause zu haben, der gar nicht zu meiner Lebensart und zu meinen Neigungen paßt. Den kummervollen Besitz von Muskau soll er nach unserm Tode haben [...] aber im Leben will ich mir keine Ruthe aufbinden’ (Assing-Grimelli 1874:V,390)2 . Am Ende tut er’s im übertragenen Sinne doch, was Louis Pückler angeht: ‚Dein Vater kommt heute her; ich zeige ihm aber diesen Brief ebensowenig wie den Deinen, und es war die Hauptbedingung, unter der ich die künftige Sorge für Dich unternahm, daß kein Dritter, er sei, wer er wolle, sich darein mischen dürfe [...] Du hast also in allen Dingen nur mich als Deinen Vater’ (Assing-Grimelli 1875:VII,450). Aktenkundig war die neue muskauer Erbfolge an Hermanns Geburtstag 1822 geworden, da wurde nach preußischem Recht ein Majorat eingerichtet, das erlaubte, Clementine II. praktisch zu enterben (sie hätte nach Hermanns kinderlosem Tod direkt hinter ihrer Mutter Clementine I. gestanden) und die Linie Agnes Pücklers an die erste Stelle zu rücken (für den Fall deren Aussterbens folgte ihr die Linie Max Seydewitz’, darauf Bianca, geb. Pückler, und dann erst die Linie von Clementine Kospoth. (Alles nach Wolff o.J.:112.) [Zur Erbteilung mit Halb-Onkel Sylvius vgl. Houwald 1978:43, der diesen freilich irrtümlich zum ‚Stiefsohn’ macht.]

(2) Niemals sonderlich vermerkt, uns jedoch auffällig – vgl. S. 310, Note 44, ergibt sich in Pücklers sonst gut dokumentiertem Lebenslauf eine empfindliche Lücke von anderthalb Jahren, vom Dezember ’4 bis zum Juni ’6. hier wäre zu untersuchen, ob er in Zurückgezogenheit womöglich die Folgen einer Krankheit oder sonst einer Beschädigung ausheilte. Daß Pückler und auch sonst jedermann hier Schweigen bewahrte, ist hier kein Gegenargument.

(3) Pückler, der stets Redselige, was sein Naturell anbetrifft, schweigt also. Tausend Briefe vermerken nichts. Wir können lediglich auf ein Tagebuch-(nicht Brief-)Detail aufmerksam machen, das er sich als 63jähriger notiert: ‚Ja, ich habe in einem schon langen Leben viel gesündigt, doch nie innere Zufriedenheit dabei gefühlt. Den tiefen Grund kenne ich freilich, das schwere Kreuz, was mir der Schöpfer hier auferlegt’ (Assing-Grimelli 1876: IX,248). Lesen können wir all diese Angaben nicht ohne einen Brief Schefers aus dem Jahre 1827, als er selbst aufgefordert war, eine reiche muskaurettende Braut für den geschiedenen Freund pflichtgemäß anzulocken. Schefers Loyalität war stets eisern-distanziert, in diesem Fall nur mußte er Flagge zeigen, und er tat es: ‚Nur mit Kindern möchte es hapern (entre nous)’ gesteht er als werbungsflankierender Helfer – um anderer Unglück zu verhüten. (Es handelt sich um eine mögliche Verbindung mit der Witwe Iturbide, der Schefer schonend diese Information beizugeben sich genötigt fühlt, in einem Brief an Theodor Hell, Karl Gottfried Theodor Winkler also, vom 27. Februar 1827 [Bayerische Staatsbibliothek, München]). Dieser Satz Schefers war für uns der erste Schlüssel.
[Nach Pücklers kinderlosem Tod 1871 wird der kleine Spätkömmling Sylvius Pückler († 13.3.1859) die auf Branitz fortblühende Linie der Pücklers stiften, denn er wird der Vater des dann erbenden Grafen Heinrich (*14.4.1835) sein.]“

So. Den schwierigsten Teil haben wir hinter uns. Ein klein wenig schwierig wird es – aus juristischen Gründen – noch einmal, wenn es um die biographische Lücke geht.

Die von zwei kompetenten Wissenschaftlern aufgestellte Hypothese wird seit nunmehr 24 Jahren von allen übrigen Sachverständigen geflissentlich ignoriert – falls sie denn überhaupt Kenntnis davon erlangt haben. Es ist nämlich eine Eigenheit vieler „Spezialisten“ (ein sehr schönes umgangssprachliches Synonym dafür ist „Fachidiot“), daß sie gern vereinnahmen, was in ihr Konzept paßt, und beiseite legen, was darin stört. Ein anerkannter Fürst-Pückler-(Aus-)Kenner hat es gar fertiggebracht, die zwei 1985 erschienenen und seit vielen Jahren seine Bücherregale zierenden Leopold-Schefer-Bände erst Anfang der 2000er Jahre auch inhaltlich wahrzunehmen und sich daraufhin um Schefers Aufsatz „Der Park von Muskau“ in der Illustrirten Zeitung von 1849 zu kümmern!

Der Vollständigkeit halber zitieren wir eine weitere Stelle aus Zu allem fähig: „Wenn überhaupt je, dann bekommt diese Eheschließung [Agnes’] für den Außenstehenden erst Sinn mit einem Briefe Hermann Pücklers: Anfang der 20er Jahre erfährt man, daß er entgegen der normalen Erbfolge, Agnes zur Erbin der Herrschaft erklärt hat und nach ihr den ersten Sohn dann. Einen ‚Pückler’. Der weltberühmte ‚Kavalier’ zeugt selber nie ein Kind (es ist lediglich die Frage, seit wann er sich dessen sicher ist)“.


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Zu (1) Das Nachfolgerproblem

Pückler muß sich dessen beizeiten sicher gewesen sein. Wir bewegen uns mit Clausens um die Jahre 1822/23 herum. Eine weitere Briefstelle, aus der hervorgeht, daß Pückler seinen kinderlosen Tod annimmt, enthält der Brief an Lucie vom 19. Januar 1826: „Endlich folgt ein neuer Erbvertrag, indem Du bei meinem kinderlosen Tode alles erhältst, und auch die Majoritätsfolge bestimmt [...] Alles Uebrige wird zurückgenommen.“ Damit revidiert Pückler zum Teil die Bestimmungen des Majorats, das Bettina und Lars Clausen oben erläutert haben – aber das führte jetzt zu weit. Bleiben wir lieber beim Thema.

Das Problem der Nachfolge war akut geworden anläßlich der zweiten Englandreise, die Pückler im September 1826 antrat. Wer nicht mußte, reiste damals nicht, und wer reiste, ordnete so gut es ging seine Verhältnisse und hinterließ den bangenden (oder hoffenden) Angehörigen ein Testament. Der Erbvertrag bot sicher eine günstige Gelegenheit, den 1816 geborenen Sohn seiner Schwester Agnes zu „inthronisieren“. Vor dem Hintergrund einer seit längerem angenommenen Kinderlosigkeit wird auch die Eile erklärbar, mit der Hermann von Pückler im Dezember 1812, kaum Standesherr geworden, die gerade erst 18 Jahre zählende Agnes standesgemäß verheiratete, der er doch kurz zuvor noch seinen Jugendfreund Schefer ins Schlafzimmer geschoben hatte:

Abend war sie so heiter. Sonntag schrieb ich ihr, und bat sie mir zu sagen, wo ich sie allein finden könnte? Sie hatte sich nicht verbergen können. Jhre tiefste Seele hatte sich verrathen, der Bruder hatte es ihr endlich, es gesagt: er gehe zu mir. Gott Hermann, was thust du: Das war um zwey Uhr (März). Ich mußte mit ihm in dem entsezlichsten Wetter fort. Er entdekkte mirs. Er beneide mich. Er billige es. Sie sei nicht nach Reichthum und Stand, sondern nach einem Herzen nach einer Liebe wie meiner. Was sie umfasse das werde sie ewig halten. er rathe mir Vorsicht, und Mässigung [unleserliches Wort], Beherrschung der sinnlichen Begierden – und so möchten wir glükklich seyn. Jch hatte keine Worte, ganz spät führte er mich zu ihr. +++ welche Nacht bey ihr, o bewahre das Geheimnis ewig meine Seele. Wie soll ich ihm alles vergelten. sprach sie zu mir.“

Diese aufschlußreiche biographische Notiz Schefers, undatiert, aber wohl 1817 entstanden, befindet sich auf der Rückseite einer „Per Uso di Sakontala. dei miei“ bezeichneten Themen- Tabelle zur Oper Sakontala. Als Szene zu der Novelle Donna Laura getarnt, verrät sie Pückler als den Kuppler seiner Schwester. (In dem Artikel „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ auf www.kulturpixel.de ist der Vorgang ausführlicher beschrieben.)

Beeinflußte Pückler, wissend um seine Impotenz, möglicherweise von Anfang an die Affäre Schefers mit Agnes? Hatte er Schefer absichtsvoll mit ihr verkuppelt? Denkbar wäre es: Ein Wunschkind (Schefers) mit einem standesgemäßen Vater (dem späteren Angetrauten, dem – besitzsichernd – verwandten Grafen Friedrich von Pückler aus der schlesischen Linie) als designierter Erbe – es gab in anderen Familien wesentlich ausgefallenere Konstrukte, wenn es um Güter und Geld ging. Auf die Schnelle fällt uns dazu der prominente Kaspar Hauser ein, aber da hat ja nun ein Gentest – na, wer weiß ...

Dubiose Briefstellen in Pücklers hinterlassenen Briefen und Tagebüchern bekommen damit eine bestimmte Farbe. In dem in mehrerer Hinsicht aufschlußreichen Brief an Lucie vom 26. Juni 1817 beklagte er beispielsweise sein „gegenwärtiges Schicksal“, ohne sich jedoch näher zu erklären, mit der dubiosen Äußerung: „Ich bin verdorben, zur thierischen Natur herabgezwungen, zum niedrigsten Egoismus herabgewürdigt, seit ich des guten Engels Nähe höhnend von mir wies ...“ Am 9. Januar 1823 schrieb er an Lucie: „Zum zweiten Male raubte mir eine selbstverschuldete Krankheit hier den Hauptgewinn...“; oder er hielt nach dem Tod seiner Schwester Clementine 1847 in einem Tagebucheintrag fest: „Nun bin ich allein noch übrig, und werde vielleicht meine Vorhersagung bald wahr machen müssen.“ Leider ohne Jahresangabe haben wir eine Briefstelle aus dem Pückler-Nachlaß: „Bekannt sey, daß ich in Folge einer Krankheit keine Kinder mehr zeugen könne ...“


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Zu (2) Die biographische Lücke

Mit der Jahreszahl 1812 (der standesgemäßen Verheiratung der Schwester Agnes) haben wir uns bereits recht nahe – von hinten – an die biographische Lücke 1804/06 herangeschrieben. Aus diesem Zeitraum sind keine datierten Briefe überliefert. Ein Versuch, Licht in das dunkle Kapitel zu (re)konstruieren, ist gründlich mißlungen, nachzulesen in entre chien et loup, Teil 1, beginnend auf Seite 111.

Der Umgang des Autors mit Datierungen erweist sich darin als recht generös. Ereignisse wie eine mißglückte Schuldenregulierung durch den Kommissionsrat Hempel, die August Jäger und andere in das Jahr 1804 einordnen, verlegt er mit verändertem Datum in das Jahr 1805. Woher er seine möglicherweise neuen Erkenntnisse hat, verschweigt er leider. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit für eine Neuheit im Falle der o.g. Schuldenregulierung gering, denn warum sollte Pückler inkognito mit falschen Papieren von Muskau nach Dresden reisen, um dort den ebenfalls aus Muskau anreisenden Hempel zu treffen, und dann in aller Öffentlichkeit ein groß angekündigtes Spektakel veranstalten?

Über den ohne Ortsangabe und Datum von Ludmilla Assing zitierten Brief Pücklers an seine Mutter setzt der Autor mit der Einschränkung „vermutlich“ den „November 1805“; die Ortsangabe „Muskau“ gibt es gratis dazu. Aus der Ortsangabe „Leipzig“ über dem Brief an Hempel wird kurzerhand „aus einem unbekannten Ort, jedenfalls nicht aus Muskau“, und der Brief bekommt aufgrund fragwürdiger Indizien in Anmerkung 138 das Datum „November 1805“ verordnet. Merkwürdig ist der Satz „Daß sich Pückler dann im Frühjahr 1806 in Muskau aufgehalten hat, scheint [!] aus seiner Bemerkung vom Dezember 1807 (München) hervorzugehen, wonach sein Vater ihm bei seinem ‚letzten Aufenthalt in Muskau’ die Benutzung der Schloßbibliothek verboten hatte“. Doch die in der zugehörigen Anmerkung 140 angegebene Biographie nennt weder ein Datum, noch verwendet sie die Formulierung „letzten Aufenthalt in Muskau“. Damit ist die ganze Konstruktion natürlich fragwürdig. Weitere Briefe gibt es bis Juli 1806 nicht. Daß Pückler sich im Juni in Muskau aufhielt, geht aus Leopold Schefers Aufzeichnungen hervor.

Eine weitere Ungereimtheit: Auf Seite 107 entre chien etc. wurde Pückler mit dem 30.Oktober 1804, seinem 19. Geburtstag, mündig. Daß aber am 27. November 1804 der Schloßsekretär Wolff als Vormund Pücklers bestätigt wurde, verschweigt der Autor. In den Aufzeichnungen Wolffs heißt es auf Seite (60): „27. Novbr. [1804] Ward ich zum Vormund des jungen Grafen Hermann bestätigt, um mit Ihm Quittung auf 250 rtl. des 4ten Theils der Garderobentaxe vom verst. Grafen v. Callenberg zu erstreiten.“ Nach Arnim/Boelcke, Muskau, Seite 142, hätte diese Maßnahme bereits im Zusammenhang mit der Absicht des Vaters (Ludwig von Pückler) gestanden haben können, den Sohn (Hermann von Pückler) als Verschwender des standesherrschaftlichen Vermögens praktisch zu enterben; Bettina und Lars Clausen deuten sie im Sinne einer „Prokura“ für Wolff ...

Interessant ist in entre et cetera allerdings die auf Seite 98 zu findende Aussage, daß für die Garde du Corps in Dresden, wo Pückler am 26. August 1803 vom Sächsischen Kurfürsten das Patent als „Souslieutenant“ erhielt, keine Personalunterlagen mehr existieren sollen.3 Möglicherweise enthielten diese nämlich ärztliche Atteste oder dergleichen. Des weiteren interessant ist das ebenda auf Seite 100 beschriebene „Liebesbriefe-Spiel“ ...

Hochinteressant aber ist folgendes: Nahezu deckungsgleich mit der Lücke in Pücklers Lebenslauf könnte es eine Lücke in Wolffs Tagebuch gegeben haben! Die Aufzeichnungen des Jahres 1804 enden mit dem 27. November, dem Tag, an dem Wolff zu Pücklers Vormund bestellt wurde. Der nächste und einzige auf die im gesamten Tagebuch durchgängig übliche Weise datierte Eintrag des „verhängnisreichen Jahres“ 1805 – so hat Wolff es überschrieben – ist vom 29. April 1805. Er wirkt jedoch – am Original erkennbar – wie ein rückdatierter Nachtrag, denn er resümiert fortlaufend Vorgänge wie verschiedene Arbeiten am Schloß, Maßnahmen zur Linderung der Folgen des Hochwassers 1804 sowie Kriegsereignisse bis zum 27. Oktober 1805. Erst am 16. Dezember 1806 setzte Wolff seine Aufzeichnungen in der gewohnten Detailtreue fort, und zwar auf dem gleichen Blatt; es kann also dazwischen auch nichts fehlen. Auch lassen sich in den Aufzeichnungen (und darüber hinaus) durchaus „verhängnisreichere“ Jahre als 1805 finden, die nicht als solche ausgewiesen sind.

Einige Worte zu Wolff. Traugott Ludwig Heinrich Wolff tat 57 Jahre lang Dienst auf Schloß Muskau, zuerst als Schloßsekretär und schließlich – vom frischgebackenen Standesherrn Hermann von Pückler 1811 dazu ernannt – als Schloßintendant. Seine Aufzeichnungen sind für die Geschichte der Standesherrschaft Muskau eine einzigartige („unverzichtbare“) Quelle; Hermann von Arnim hat seiner Tätigkeit in Muskau denn auch einige merkwürdige Seiten gewidmet. Gegenüber seiner Herrschaft verhielt Wolff sich äußerst loyal und bekam in der Zeit der Truppendurchmärsche 1812-1814 des öfteren Streit mit dem „Vice-Graf“ Schefer, der die herrschaftlichen Vorratskammern zur Entlastung der Bevölkerung weit öffnete, wo er sie am liebsten wohl zugemauert hätte. Er hatte größtes Verständnis für den jungen Pückler, hielt Verbindung mit ihm während seiner „Jugend-Wanderungen“ (Pückler trat sie mit 21 an!) und verhinderte dessen endgültigen Bruch mit der Familie. So lange sein Vater mit ihm haderte, wandte sich Pückler mit seinen Geld- und anderen Sorgen hauptsächlich an ihn. Angesichts der – vorläufig noch behaupteten – Tragödie bekommt die verschwörerische Beziehung der beiden einen neuen Sinn.


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Zu (3) Das große Schweigen

Es ist kein Geheimnis, daß Pückler seine Biographie direkt und über seine Biographin indirekt kräftig manipuliert hat. Von ihm stammte die Vor- bzw. Verzeichnung, von Ludmilla Assing die Untermalung für das Bild, das nachfolgende Generationen in seinem Sinne ausarbeiteten und dabei leider auch schlimm verpfuschten. Lesefehler, Flüchtigkeiten und die fortwährende kritiklose, fehlerpotenzierende Abschreiberei des einen Gelehrten vom anderen erzeugten zum Beispiel Chimären wie jenes Prachtstück der modernen Pückler-Saga, der große Johann Wolfgang von Goethe höchsteigen hätte ihn 1810 bereits zur Beschäftigung mit der Natur ermuntert. Aber schon im Vorwort zu den von Ludmilla Assing herausgegebenen ausgewählten Briefen und Tagebüchern Pücklers fängt der Schwindel an: „... und er ordnete das Ganze [‚merkwürdige Material’; den schriftlichen Nachlaß] mit einem so ausgezeichneten Organisationstalent ...“ – Es war aber nachweisbar sein Sekretär Billy Masser, der das tat. (Siehe auch „Wie man aus Mücken Elefanten macht“.) Des weiteren schreibt sie darin, „... daß er meist von seinen eigenen Briefen Abschriften behielt ...“, und Pückler selbst schrieb der Freundin, er habe mit den Papieren „zu tun“ und er „sichte“ sie. Mit dem Ergebnis war er offenbar sehr zufrieden, denn am 2. Juli 1867 schrieb er an Ludmilla Assing:

„Hinsichtlich des schmeichelhaften Bildes, daß Sie von mir entwerfen, ein prachtvolles goldenes Futteral über einem morschen, alten Stück Holz, das höchstens nur als Reliquie von einem Altgläubigen verehrt werden kann, der es bona fide für das heilige Überbleibsel eines Märtyrers hält. Sie sind ein liebes Schmeichelkätzchen ...“ Mit Lob und Tadel lenkte und leitete er seine Verehrerin geschickt hin zu dem von ihm gewünschten Bild. (Zuvor hatte er der Schriftstellerin, die wegen ihrer unkritischen Veröffentlichung der Briefe Humboldts an ihren Onkel Varnhagen von Ense in ernsthafte Schwierigkeiten geraten war, angeboten, ihr beim Frisieren der Aufzeichnungen Varnhagens behilflich zu sein.)

(Eingefügt am 12.05.2011: Vergl. Volkmar Herold/ Christian Friedrich: Neue Branitzer Briefe (XXII): „Gute Ludmilla Love“. In: Der Märkische Bote. www.cga-verlag.de/2011/110430branitzerbriefe.pdf: „Mit dem erwähnten Besuch in Branitz [‚Noch kurz vor seinem Tod’!] begann die Korrespondenz zwischen Pückler und seiner Biografin. Gleich wollte der Fürst sie als Autorin seines Nachruhms gewinnen, denn der war ihm – ganz ähnlich wie Goethe – überaus wichtig. Die Schriftstellerin sollte ihm helfen, ‚der Nachwelt in zehnfacher [!] Verherrlichung zu erscheinen’“.)

Die empfindlichste Lücke in Pücklers Hinterlassenschaft betrifft jedoch seine persönlichste Korrespondenz. Ludmilla Assing leitet Pücklers „Bräutigamsbriefe“ u.a. mit den Worten ein: „Die Briefe von Lucie aus jener Zeit sind nicht vorhanden, da ihrer Anordnung gemäß, ihre Briefe an Pückler aus den Jahren 1817 bis 1833 verbrannt wurden.“ Hier hat der Fürst seiner gutgläubigen Freundin Ludmilla ohne Frage einen dicken Bären aufgebunden, denn erstens waren die an ihn gerichteten Briefe ganz sicher in seinem Besitz, so daß es seine Sache gewesen wäre, sie zu vernichten (oder nicht), und zweitens wäre dieser Fall wohl der weit und breit einzige gewesen, in dem er Lucie („... ein Werkzeug in meiner Hand ...“) erlaubt hätte, eine (für ihn) so bedeutende Anordnung zu treffen. Einen Fingerzeig in die gleiche Richtung gibt uns Friedrich von Oppeln-Bronikowski, wenn er berichtet, daß er in Pücklers Briefwechsel mit der Gräfin Rosamunde de la Rochefoucauld einen einzigen Brief von dessen Hand gefunden habe. (Dieser eine Brief aber ersetzt ein ganzes Konvolut. Warum, verraten wir im Kapitel 3.) Das folgende Zitat ist jenem Brief entnommen:

„Somit, Rose, geliebte Freundin, schreibe an niemanden außer an mich, aber an mich rücksichtslos, denn meiner bist Du sicher. Ich bin so vorsichtig mit Deinen Briefen und habe alle Vorsichtsmaßregeln selbst für den Todesfall getroffen, daß Du darüber völlig beruhigt sein kannst. Sei nur ebenso vorsichtig mit meinen Briefen, nicht meinetwegen, sondern nur Deiner selbst willen!“ Warum er Rosas – und anderer Frauen – Briefe betreffend vorsätzlich lügt, verrät uns Werner Deetjen im Abschnitt „Ada von Treskow“.

Im bereits zitierten Brief an Lucie vom 26. Juni 1817 gesteht Pückler seiner Braut eine an sich selbst beobachtete Eigenschaft, die ihm „...selbst ein Rätsel ist, nämlich bei beispielloser Offenheit, die auf nichts Rücksicht nimmt, doch eine meisterhafte Verstellung. Diese Verstellung ist aber keineswegs studirt oder künstlich, sondern meine Natur, weshalb auch fast Jeder, der in näheren Beziehungen mit mir gestanden hat, mich anders, bald nachtheiliger, bald vortheilhafter beurtheilt.“ Seine „Offenheit“ erweist sich bei näherem Hinsehen jedoch als eine wirkungsvolle Verschleierungstaktik. Sein berühmter Satz „Bei mir heißt es nicht: Was werden die Leute davon sagen?, sondern: Werden auch die Leute etwas davon sagen?“ erscheint unter diesem Aspekt in einem neuen Licht und als ein Schlüssel zum Verständnis seiner oft unüberlegt scheinenden Handlungen. Seine Sensationen dienten der Ablenkung von dem ihm Wesentlichen, dem Verbergenswerten, nach dem Motto: „Haltet den Dieb!“ Pückler erscheint als ein vorzüglicher Blender, der sein Wirkungsfeld wechselte, bevor er entdeckt werden konnte. Seine Mittel boten ihm dazu alle Möglichkeiten.

Dazu gehörte auch das Spiel mit der Welt, das Schweben zwischen Traumwelt und Realität in seinen Schriften – siehe dazu die etwas ausufernde, aber sehr interessante Dissertation von Sebastian Böhmer mit dem bezeichnenden Titel Fingierte Authentizität. Und wenn Hermann Graf von Arnim und Willi A. Boelcke ihn als einen „Charakter, der bei aller Selbstanalyse keine Entwicklung durchmachte“ bezeichnen, trifft das den selben Kern: Pückler konnte, ja durfte keine Entwicklung durchmachen. Sein Weg war vorgezeichnet.

Erstaunlich mutet die bemerkenswert loyale Umgebung Pücklers an. Selbst Schefer (von seinen Zeitgenossen jedoch übereinstimmend als fundamental lauterer Charakter anerkannt), der die große Kränkung hinnehmen mußte, von Pückler erst mit der Schwester verkuppelt und sodann förmlich weggeschickt zu werden, dachte nie daran, ihm irgend etwas Übles nachzureden oder zu -schreiben. Die unglücklich verheiratete Agnes rächte sich zwar auf Frauenart, indem sie mit der Familie um höhere Apanagen intrigierte: „À la tête der feindlichen Phalanx steht meine älteste Schwester; meine Mutter, die sanfte Agnes (wer sollte es glauben!) und der junge Max folgen in geschlossener Reihe hinten nach.“ (Pückler am 6. Juli 1817 an Lucie); doch darüber hinaus ließ auch sie nichts Kompromittierendes über ihren Bruder verlauten. Bei ihr, wie überhaupt beim überwiegenden Teil der Familie, kann man allerdings auch davon ausgehen, daß sie gar nichts Kompromittierendes wußte. Mit der Zwangsverheiratung reproduzierte Pückler übrigens jene Lieblosigkeit einer Mutter – eben seiner Schwester – gegen ihren Sohn, wie sie seine Mutter aus dem gleichen Grunde schon ihm gegenüber empfunden hatte: „Die Mütter könnten erzogene Kinder gebären, wenn sie selber erzogen wären“, heißt es etwas verquast dazu in einem Klassiker.

Die Loyalität der Vertrauten Pücklers dürfte aus verschiedensten Motive zusammengesetzt gewesen sein, aus Abhängigkeit, Anhänglichkeit, Bewunderung, Verständnis; hinzu kommt, daß Pückler Andere für sich einzunehmen wußte, durchaus liebenswert und charmant sein konnte, wenn er wollte; oder mußte, um irgend etwas zu erreichen. Die Loyalität seiner heutigen Biographen hingegen wird aus anderen, handfesteren Quellen gespeist.

Zum nächsten Kapitel: „Wie man aus Mücken Elephanten macht.“

Anmerkungen
1 Der armlose Carl Hermann Unthan (1848-1929) verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Violinvirtuose.
2 Bei Clausen/Clausen irrtümlich Band VI.
3 Vgl. Nachtrag „Zu (2) Die biographische Lücke“, S. 33ff.

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