Fürst Pückler und das liebe Geld (1)
Die Endlosschleife
Ein Exkurs in zwei Teilen
von Bernd-Ingo Friedrich
Womit zahlte man in der Standesherrschaft Muskau (Oberlausitz) um 1800, zur Zeit der Callenbergs und Pücklers? Natürlich mit Münzen – wenn man welche hatte.
Diese Frage zu beantworten ist jedoch nicht so leicht, wie es aus heutiger Sicht zunächst erscheint. Die einheitliche Reichswährung mit der dezimalen Unterteilung der Mark in 100 Pfennige und die entsprechenden Stückelungen gab es erst seit 1871. Jahrhunderte lang kursierten in den fast 400 deutschen Kleinstaaten unzählige Münzen verschiedensten Materials und Alters in zahlreichen Landeswährungen. Was für den Bedarf im Lande geprägt wurde war nicht das, was sich in den Geldbörsen, -beuteln und -katzen der Leute befand. In ganz Europa wurden die verschiedensten und kuriosesten Münzen geprägt:
In Sachsen liefen winzige, echt silberne Pfennige um, die noch aus der Zeit Friedrich Augusts des Zweiten stammten, der sich als letzter König von Polen August № 3 nannte, und die bei zwölf Millimetern Durchmesser ganze 0,3 Gramm wogen. In Preußen zahlte der kleine Mann nach der staatlich verordneten Geldverschlechterung mit Billon (einer Legierung, die weniger als 50% Silber enthielt) in Form einer mit dem Spottnamen „Stiefelknecht“ bedachten Münze aus der Zeit Friedrichs II. Diese hießen so wegen des eigentümlichen königlichen Monogramms auf dem Revers. Auch diese Münze war so dünn, daß man sie zwischen zwei Fingern kaum spürte. Im Frankreich der Revolution druckte man Assignaten, Papiergeld, das nach sechs Jahren inflationären Umlaufs zu riesigen Scheiterhaufen geschichtet und verbrannt wurde, und prägte Gedenkmünzen auf die Enthauptung Ludwigs XVI. Von Österreich aus verbreitete sich der Mariatheresientaler, dessen Beliebtheit bis heute anhält. In Wien wird er noch immer geprägt und im Oman zahlt man gar noch damit. In England belud der debile Hannoveraner Georg III. seine Untertanen mit „cart-wheels“ (Wagenrädern) genannten Scheidemünzen, Two-Pence-Stücken aus Kupfer mit der Britannia avers und dem Konterfei des Königs auf der Rückseite, die fast 30 Gramm Gewicht auf die Waage brachten.

Dem Untertanen war egal, wie sein Geld aussah. Oft hatte er keins und hatte er welches, dann gewiß nicht lange, denn die Herrschaften kriegten es – wie zu allen Zeiten – früher oder später doch, irgendwie, und trotzdem nie genug – auch nicht anders als heute. Es gab Menschen, die gar nichts wußten vom Geld, denn sie bekamen ihr ganzes Leben lang nie welches zu sehen, geschweige denn in die Hand. „Sich regen bringt Segen“ (dieser Sinnspruch stand auf den 50-Pfennig-Stücken der Weimarer Republik bevor sie, inflationiert, erst zu 200- und dann zu 500-Pfennig-Stücken aus Aluminium wurden) traf auf sie nicht zu. Sie kamen arm zur Welt und verließen sie ebenso. „Wer nischt erheirath’ und nischt ererbt, der bleibt ä armes Luder, bis er stärbt.“
Verzeichnis des Nachlasses des Häuslers Georg Hermann
Spittel, Kreis Kamenz, im Jahre 1836:
1 Rock zu 18 Groschen,
1 Pelz zu einem Taler,
1 Paar Stiefel, 12 Groschen,
1 Paar lederne Hosen, 6 Groschen,
1 Brustlatz, 3 Groschen,
1 Pflug mit Scharen, 2 Taler,
1 Wagen mit Waage, 3 Taler,
1 Paar Eggen, 1 Taler,
1 Rohrhaken, 4 Groschen,
2 Grassensen, 8 Groschen,
1 Schubkarre und 2 Räder dazu, 12 Groschen,
1 Futterkasten mit Sense, 1 Taler;
22 Stück Bienenstöcke und Körbe à 5 = 110 Taler,
3 Stück mittlere Körbe à 3 = 9Taler,
4 Stück Körbe à 2 = 8 Taler,
1 Stück zu einem Taler;
1 Schaufel, wert 1 Groschen,
1 Harke 1,
1 Handhacke 8,
Instrumente zum Bienenbeschneiden (richtig!) 4,
4 Stück Bohrer 11,
3 Stück Meißel, 1 Schnittmesser, 1 Säge 5,
1 Handsäge, 1 Baumsäge, 1 Mistgabel 2,
1 Kuhgeschirr 4,
3 Stück Rechen 2,
3 Stück Siebe 6,
1 Schleifstein zu 1 Groschen;
2 Stück Kühe zu je 6 ½ Talern,
1 jähriges Kalb zu 5 Talern.
In Summe war die Hinterlassenschaft des Büdners also 158 Taler und 12 Groschen wert. (Nach Hartstock/ Kunze, Dokumente 1815-1847, Bautzen 1985; S. 44f.)
So sah es aus, wenn der arbeitende Untertan das Zeitliche segnete. Von dieser Hinterlassenschaft waren allerdings noch das Vieh und einiges Arbeitsgerät abzuziehen, denn die gehörten zur sogenannten Hofwehr, der Grundausstattung eines Bauernhofes durch die Eigentümer, also die Herrschaft. Der Häusler hinterließ so gut wie nichts. Die Lumpen, die er trug, wird man ihm mit in die bessere Welt gegeben haben, allenfalls um den schäbigen Pelz hätten sich die Erben streiten können.
Ein Graf erbt
Bei den Herrschaften sah eine Erbschaft deutlich besser aus. Der Graf von Pückler erbte – unter vielem anderen – 1811 von seinem Vater durchschnittlich 12lötiges Tafelsilber mit einem Gesamtgewicht von 295 Mark und 3 1/2 Lot, etwa 69 Kilo, bis zur letzten Schöpfkelle genau verzeichnet und geschieden in solches mit und jenes ohne Wappen. Er vererbte (1871) glatte 300 Mark Silber.

Aus der Mark Silber 750/1000 fein wurden in Preußen 14 Taler geprägt, mithin waren dort das herrschaftliche Geschirr und Eßbesteck aus Silberblech allein runde 4.200 Taler = 560 Kühe wert, in Sachsen waren es ein paar mehr. Dem Grafen bzw. Fürsten Pückler machte es nichts aus, beim Schach mit Billy, dem Whist mit Lucie oder dem Pokerspielen mit allem Möglichen unbedeutende oder schwindelerregende Summen zu verlieren. Andererseits war es auch möglich, bei einem Pferderennen (wie Leopold Schefer es 1816 in Wien für ihn tat) 4.000 Dukaten zu gewinnen; das waren umgerechnet 10-12.000 Reichstaler – eine für damalige Verhältnisse unvorstellbare Summe! (1966, nach Verdenhalven, etwa 150-180.000 D-Mark.)
Mit solchen Relationen und etwas Literatur versehen, kann man daran gehen, eine Übersicht über die finanziellen Verhältnisse der Callenberg-Pücklerzeit zu erarbeiten. Nützliche Bücher hierfür sind:
1. Grundlegendes
Methodisches Handbuch für Heimatforschung in Niedersachsen. Hrsg. Helmut Jäger. Hildesheim 1965.
Waschinski, Emil: Währung, Preisentwicklung und Kaufkraft des Geldes in Schleswig-Holstein von 1226-1864. Neumünster: Karl Wachholtz Verlag 1952.
Verdenhalven, Fritz: Alte Maße, Münzen und Gewichte aus dem deutschen Sprachgebiet. Neustadt a. d. Aisch: Verlag Degener & Co. 1968. (1. Aufl. mit Umrechnungstabelle.)
Ders. Alte Meß- und Währungssysteme aus dem deutschen Sprachgebiet. Ebd. 1998. (2. veränderte Aufl. ohne Umrechnungstabelle.)
Trapp, Wolfgang: Kleines Handbuch der Maße, Zahlen und Gewichte und der Zeitrechnung. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1999.
Ders.: Kleines Handbuch der Münzkunde und des Geldwesens in Deutschland. Stuttgart, Philipp Reclam jun. 1999.
2. Numismatik
Fengler, Heinz/ Gierow, Gerhard/ Unger, Willy: transpress Lexikon Numismatik. Berlin: transpress VEB Verlag für Verkehrswesen 1976.
Haupt, Walther: Kleine sächsische Münzkunde. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege. Beiheft 5. Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften 1968.
Lorenz, Rudolf: Die Münzen des Königreichs Sachsen 1806-71. Hrsg. Hobria. Berlin 1968.
Gehrcke, Dieter A.: Die Münzen des Königreichs Preußen 1797-1871. Hrsg. Hobria. Berlin 1967.
[Haupt, Walther]: „Oberlausitzer Wechselbücher. Umrechnungstabellen für Wertangaben des 17., 18. und 19. Jahrhunderts.“ Von Walther Haupt, Görlitz. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Hochschule Dresden. 6 (1956/57) Heft 1; S. (183)-189.
3. Kulturgeschichten
Geld und Gold in der Oberlausitz. Zur Geschichte der Kreissparkasse Bautzen. Ein Heimatbuch. Hrsg. Landesverein Sächsischer Heimatschutz. Regionalgruppe Bautzen/Oberlausitz e.V. Bautzen 2001. (Bautzener Land Heft 6. Schriftenreihe des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz. Regionalgruppe Bautzen/Oberlausitz e.V.)
Genie und Geld. Vom Auskommen deutscher Schriftsteller. Hrsg. Karl Corino. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1991.
Heilborn, Ernst: Zwischen zwei Revolutionen. Der Geist der Schinkelzeit (1789-1848) Volksverband der Bücherfreunde. Berlin: Wegweiser-Verlag 1927.
Boehn, Max von: Deutschland im 18. Jahrhundert. Das Heil. Röm. Reich Deutscher Nation. Berlin: Askanischer Verlag 1921.
Ders.: Deutschland im 18. Jahrhundert. Die Aufklärung. Ebd. 1922.
Ders.: Biedermeier. Deutschland von 1815-1847. Berlin: im Verlag Bruno Cassirer o.J. (1923).
Ders.: Miniaturen und Silhouetten. München: F. Bruckmann 1917.
Friedrich; Bernd-Ingo: Johann Andreas Tamm. 1767-1795. Ein Außenseiter der Aufklärung. Hofmeister des Grafen von Pückler. Lehrer des Dichters und Komponisten Leopold Schefer. Biographie und Dokumente. Cottbus: Regia Verlag 2007.
(24.02.2011)
(Der Artikel wird - irgend wann - vielleicht - fortgesetzt ...)
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