Zwei Mal Machbuba, aber warum?
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Von Bernd-Ingo Friedrich,
geschrieben vor Fukushima!
Jeder weiß, wie schwer es ist, ein angenehmer, oder gar guter, Mensch zu sein oder gar zu werden – eine Schinderei! Man nimmt sie auf sich, weil gute Gründe dafür sprechen. Doch für ein Weiterleben nach dem Tode ist sie völlig überflüssig, weil die Nachwelt sie für uns besorgen kann. Erst einmal geht es nur darum, bekannt, wenn möglich berühmt, oder, wenn es denn gar nicht anders gehen will, zum Herostraten zu werden. Erschlagen Sie Ihre Mutter, schänden Sie Ihren Bruder, betrügen Sie Ihre Tochter – einerlei was, nur tun Sie etwas, um bekannt zu werden und, wenn möglich, ins Fernsehen zu kommen.
Wie es nach Ihrem Tode unweigerlich weitergehen wird, erläutere ich weiter unten. Den möglichen Beginn einer Rehabilitierung können Sie einem Vergleich der beiden folgenden Gedichte entnehmen: Auf den ersten Blick identisch, unterscheiden sie sich auf den zweiten tendenziell infolge weniger veränderter Wörter.
Am Grabe Machbuba’s, der Abyssinierin.
So früh, Du glüh’ndes Kind des Morgenland’s,
Du Tochter Habesch’, muß Dein Tod uns grämen?
So früh des Lebens vollsten Blütenkranz
Der blasse Bote Dir vom Haupte nehmen? –
Ich weiß, wer, Aermste – Dich an’s Ziel gebracht,
Wer sonst, als Semilasso, Fürst von Pückler,
Er war, als er zur Sclavin Dich gemacht,
schon Deines Friedens, Deines Seyns Zerstückler.
Er ließ die Blume nicht, wo er sie fand,
Im Orient, dem stillen, wunderbaren;
Er schleppte prahlend Dich von Land zu Land,
Gleich seinen Zebra’s, seinen Dromedaren.
Du, die geschwelgt in würz’gem Lotusduft,
Da, wo des Urwald’s ros’ge Wipfel ragen,
Du solltest athmen diese rauhe Luft
In Moskau’s neugeback’nen Park-Anlagen!
Du welktest, für den Norden viel zu zart;
Dein sehnend Herz – wer mocht’s im Weh ermessen –
Man hat’s im Alkohol jetzt aufbewahrt,
Dasselbe, das Fürst Pückler nie besessen.
Es schwebt gewiß im süßen Grabestraum,
Fort über Preußens scharfbewachte Linien
Zum Negerknaben, unter’m Cocusbaum,
Von sand’ger Lausitz hin gen Abyssinien.
Machbuba – ja! – es weilt Dein sel’ger Geist
Jetzt schon im Hain von Palmen und Bananen;
Es wird, was hier geknechtet und verwais’t,
Dort Liebe, Licht und ew’gen Frühling ahnen.
Wilhelm Hocker
(Gefunden in: Poetische Schriften von Wilhelm Hocker. Mit dem Portrait des Verfassers. Kiel. Chr. Bünsow. 1843; S. 83f.)
Der Hamburger Weinhändler, Gastwirt und „Volksdichter“ Wilhelm Hocker (1812–1850) war einer der radikalsten politischen Lyriker seiner Zeit. Für seine Dichtungen mußte er sich mehrfach vor Gericht verantworten; so wurde er 1835 wegen des Gedichts „Der Maskenzug“ zu 14 Tagen Arrest verurteilt, und die erste Ausgabe seiner poetischen Schriften (1843 „Allen Denen geweiht, die ein großes Talent auch in seinen Verirrungen zu schätzen wissen“) war „in Hamburg bei 50 Thaler Strafe für jeden Contraventionsfall verboten.“ (Schröder)
Seine Dichtungen beziehen sich meist auf Hamburger Ereignisse oder Personen; er „besaß ohne Zweifel viele Talente und eine Art von Rechtsgefühl, aber dabei auch große Rücksichtslosigkeit, so daß seine Gedichte oft beißend, anzüglich und geradezu persönlich sind.“ (Schröder)
Zur Rolle Hockers im vormärzlichen Hamburg, zu seinen Prozessen und Gefängnisaufenthalten s. Der Freihafen 3 (1843), S. 92ff. – (Wer war eigentlich Schröder?)

Wilhelm Hockers Gedicht hat nun irgendwer halbherzig Hoffmann von Fallersleben (wer war schon Wilhelm Hocker!) unterzuschieben versucht. Von Hoffmann weiß man immerhin noch, daß er der Dichter des „Deutschland, Deutschland über alles“-, heute „Einigkeit und Recht und Freiheit“-Liedes war, zu singen nach Haydns Melodie der hierzulande beziehungsreichen Hymne „Gott erhalte Franz, den Kaiser“!
Wissen sollte man eigentlich auch, daß er als Professor für Germanistik an der Breslauer Universität wesentlich zur Etablierung des Fachs als wissenschaftlicher Disziplin beitrug, und daß er zahlreiche Texte für noch heute beliebte Kinderlieder schuf, darunter „Morgen kommt der Weihmachtsmann“, „Winter ade, scheiden tut weh“, „Alle Vögel sind schon da“, „Kuckuck, Kuckuck ruft’s aus dem Wald“, „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum“ und „Ein Männlein steht im Walde“.
Einige Görlitzer wissen vielleicht, daß Fallersleben im Hotel „Silesia“ nächtigte; nur einige wenige Görlitzer werden wissen, daß er korrespondierendes Mitglied der Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften war. – Es folgt das „Fallersleben-Gedicht“:
Elegie am Grab Machbubas
So früh, du glühend Kind des Morgenlands,
Der Tochter Habesch’, muß dein früher Tod uns grämen,
So früh des Lebens vollsten Blütenkranz
Der kalte Bote dir vom Haupte nehmen!
Ich weiß, wer – Ärmste – dich ans Ziel gebracht,
Wer anders als Semilasso, Fürst von Pückler!
Er war, als er zur Sklavin dich gemacht,
schon deines Wesens, deines Seins Zerstückler.
Er ließ die Blume nicht, wo er sie fand,
Im Orient, im stillen, wunderbaren.
Er schleppte prahlend dich von Land zu Land,
Gleich seinen Pferden, seinen Dromedaren.
Du, die geschwelgt im üpp’gen Blütenduft,
(Bestimmt, dereinst ein Diadem zu tragen),
Du solltest atmen diese rauhe Luft
In Muskaus neugebacknen (!) Parkanlagen!
Du welktest, für den Norden viel zu zart;
Dein sehnend Herz, wer möcht’s im Weh ermessen –
Es ist in Alkohol jetzt aufbewahrt ...
Dasjenige, was Pückler einst besessen.
Es schwebt vielleicht in süßen Grabesträumen
Fort über Preußens scharf geschnittne Linien
Zu Negerknaben unter Dattelbäumen,
Von sand’ger Lausitz hin nach Abessinien.
Machbuba, ja es weilt dein sel’ger Geist
Jetzt schon im Hain von Palmen und Platanen;
Dort wird, was hier geseufzet und verwaist,
Nur Liebe, Licht und ew’gen Frühling ahnen.
Der Verfasser soll sein: Hoffmann von Fallersleben (??)
(Gefunden in: Die Heimat. Beilage des „Neuen Görlitzer Anzeigers“ . Nr. 11. 1934/ 13. März; S. 40.)
Erstaunlich, nicht wahr? Nach nur einundneunzig Jahren fing der Wind schon an, sich zu drehen. Wie freundlich er jetzt weht, kann man mindestens einmal wöchentlich der Lausitzer Tagespresse entnehmen. Für solcherart Nachruhm gilt nämlich Pücklers Maxime: „Bei mir heißt es nicht: Was werden die Leute davon sagen?, sondern: Werden auch die Leute etwas davon sagen?“ Eine geschätzte Kollegin hat es à point formuliert: „Auch einen Skandal kann man für sich zu nutzen wissen“. Wichtig ist nur, nichts dem Selbstlauf zu überlassen, oder, wie meine Kollegin es ausgedrückt hat: „Das heißt in jedem Falle steuern, was die Leute denken sollen.“ (Jetzt und später!)
Glauben Sie mir: Wenn Sie richtig vorgearbeitet haben, fangen Sie irgendwann an zu „schillern“ und bald darauf auch an zu „strahlen“. (Hell! Als Held! – Nicht radioaktiv!) Mit Hermann von Pückler ist man in diesem Sinne bereits zu Potte gekommen; am – noch! – berüchtigten Grafen Brühl, Heinrich von, beispielsweise, wird man demnächst gut beobachten können, wie sogar die Verwandlung des habgierigen Premierministers eines absoluten Monarchen in einen – eigentlich doch – netten liberalen Demokraten vollbracht werden kann ...
(11.02.2011)
Lausitzer Rundschau, Donnerstag, 30. Juni 2011
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