Der Gartenkünstler
Ein Fürst-Pückler-Roman von Ralf Günther
Von Bernd-Ingo Friedrich
Wir wären gut,
anstatt so roh,
doch die Verhältnisse,
sie sind nicht so.
(Bertolt Brecht.)
Der Gartenkünstler. Ein Fürst-Pückler-Roman von Ralf Günther.
Berlin: List Hardcover Verlag 2010.
„Ein neuer Pückler ist wie ein neues Leben“ – so ist es. Ralf Günthers Gartenkünstler, ein verkappter Krimi – im folgenden kurz „Gärtner“ genannt – gehört zu jenen Werken, deren wichtigste Zutaten Ignoranz und große Schnauze sind; letztere wird in besseren Kreisen auch „Chuzpe“ genannt und heutzutage von der Werbung vertreten. Es gehört möglicherweise – was zu befürchten ist – auch zu jenen „Bestsellern“, die immer damit entschuldigt werden, sie würden dazu beitragen, daß „die Leute wenigstens überhaupt noch etwas läsen“ oder zur weiteren Beschäftigung mit irgend etwas – wie dem Besseren, das man sich ja eigentlich auch gleich kaufen könnte – anregten. Nichtsdestoweniger sind sie inhaltlich wie literarisch dürftig. Die Zeiten Lion Feuchtwangers und Heinrich Manns, die für einen Roman noch umfangreiche Spezialbibliotheken zusammentrugen, sind schlicht vorbei. Dafür gibt es zwar einige gute Gründe, doch um die wollen wir uns jetzt nicht kümmern.
Und so hat man denn auch beim „Gärtner“ binnen kurzem, der Paginierung nach auf Seite 21, das „Vorspiel mit Fürst“ abgerechnet nach 14 Seiten, das Vorspiel ohne Fürst (Titelblätter etc.) ebenfalls abgezogen bereits nach sieben Seiten, schon alles beisammen, um das Buch guten Gewissens aburteilen zu können: Sex & Crime + jede Menge Unsinn. Die Handlung ist, weil überaus dürftig, schnell umrissen: Der vom leibhaftigen Pückler-Geist inspirierte Autor findet zielstrebig-zufällig dessen Geheimdokumente und schreibt die Geschichte seiner Brautschau in England zum wahrhaftigen Thriller um. Mit Hilfe dieses platten Plots verläßt der Autor schleunigst das historisch determinierte Glatteis und begibt sich auf das weniger verfängliche Feld der freien Erfindung. Dort bedient er sich des fürstlichen „Gärtners“ nur noch als eines prominenten Vehikels und macht den kaum vorhandenen Handlungsstrang zum Aufhänger für eine ganze Folge abstruser Einfälle, die von seinem Namensvetter aus dem Comedy-Fach stammen könnten, wenn sie etwas pfiffiger daherkämen.
Der erste, folgenreiche Satz des „Gärtners“ lautet: „Seine [des Fürsten Pückler] Umgangsformen sind untadelig.“ Derart setzt der Autor Zeichen: Er erklärt sich kurzerhand selbst zur Hauptperson und gleichzeitig für hinreichend kompetent, einen historischen Roman zu verfassen und darin unter anderem fürstliche Manieren zu zensieren. Doch schon nach dem dritten Satz kann man ihm diese Kompetenz getrost wieder absprechen, denn bis dahin hat er den Fürsten grußlos sein Arbeitszimmer betreten und das Fehlen eines Koteisens bemängeln lassen. So etwas würde ein feiner Herr niemals tun.
Vermutlich geht es ihm aber auch nur darum, von Anfang an „Bescheidwissen“ zu suggerieren; denn wer kennt heutzutage schon noch ein „Koteisen“?! Koteisen waren – grob skizziert – mit der Schneide nach oben in das Pflaster neben den Hauseingängen eingelassene Wiegemesser, an denen man sich den sogenannten Straßenkot von den Stiefelsohlen schaben konnte. So etwas braucht man heute höchstens noch in Berlin, aber auch da findet man nur vereinzelt Überlebende aus – meinetwegen – Pücklers Zeiten.

Ansonsten erweist sich schnell, daß der Autor mit Fakten völlig überfordert ist: (Bad) Muskau, seit vielen Jahrhunderten unverrückbar in der nördlichen Oberlausitz gelegen, läßt er – mitten im Wikipediazeitalter! – in der Niederlausitz liegen.
Er behauptet: „Sein [Pücklers] Hauptwerk, mit dem er in weniger als drei Jahrzehnten sich und das Familienvermögen ruinierte.“ (Doch, doch; das ist – jedenfalls im „Gärtner“ – ein vollständiger Satz!) Dazu ist zu sagen: Der Fürst wurde bei bester Gesundheit 86 Jahre alt und starb geistig klar so, wie jeder von uns gern sterben würde. Des weiteren: Die Standesherrschaft Muskau, also das Familienvermögen, wurde im Jahre 1808 auf 500.000 Taler taxiert, dem standen - nach Arnim/Boelcke rund gerechnet - ebensoviel, nämlich 500.000 Taler, Schulden gegenüber. Pückler verkaufte den wertsteigernd verschönten Besitz 1845 für 1,2 Millionen Taler beim Schuldenstand von 600.000 – das heißt, er hat bei 0 Vermögen angefangen und mit einem Plus von 600.000 abgeschlossen, und dabei hatte der mehrfache Erbherr beispielsweise noch die Herrschaft Branitz sowie Tafelsilber in petto, das damals rund gerechnet 500 Kühe wert war. Pückler hat Muskau nicht verkauft, weil ihn die Schulden drückten, sondern weil ihm buchstäblich niemand mehr Geld geben wollte. Ja, und schlecht gelebt hatten er und die seinen von seinem „leistungslosen Einkommen“ (wie man heute sagen würde) bei alledem ja wohl auch nicht ...
Die „Menübücher“ (der Autor meint die „Tafelbücher“) des Fürsten Pückler sollen „die Speisefolgen und Gästelisten der Festmahle [!] nebst Rezeptvorschlägen von ihm selbst“ enthalten, was wiederum beweist: Der Autor weiß überhaupt nicht, wovon er da ständig redet, denn diese Aufzeichnungen wurden weder vom Fürsten selbst niedergeschrieben, noch enthalten sie ein einziges Rezept; ja, sie nennen nicht einmal die Garnituren der einzelnen Gänge! „Die Eistorte [!] sucht man hier allerdings vergeblich“, denn als diese kreiert wurde, fror ihr zu einer schleimigen Masse denaturierter Namenspatron bereits in seinem Tumulus.
Zu dieser faktischen Ahnungslosigkeit gesellt sich von Seite zu Seite schlechterer Stil. Auf Seite 12 macht sich unser Autor „Wie ein irre gewordener Totengräber“ im Branitzer Park zu schaffen und findet unter einer Linde tatsächlich – blank und bloß – die vom Pückler-Geist höchstpersönlich verheißenen Dokumente. Rechtzeitig genug, auf Seite 13, fällt ihm ein, daß man unter einem Baum vergrabene Papiere nach knapp 200 Jahren nicht so ohne weiteres gut lesbar wieder aus der Erde holen kann, und so fügt er schnell noch einen – nicht näher beschriebenen – Kasten hinzu. Schwein gehabt. „Frischen Naturgeruch“ und „Kledage“ – bei letzterer handelt es sich um reinsten Jargon, einem Fürsten in den Mund gelegt – erwähne ich nur spaßhalber.
Noch ein paar bizarre Beispiele für den Kriminalstil à la mode: Kaum in England angekommen, läßt der Fürst sich „auf das erstbeste Strohlager sinken, das sich für fremde Münze heuern [!] ließ“, ihn umgeben „Stiefeltrampeln, Türenschlagen, Weiberzetern, Bettenknarren, Klingelscheppern“, das Hinterteil einer rothaarigen Hure wippt ihm „weiß wie ein Hasenpanier“ entgegen und er „lernt den Geruch fauligen Strohs und das Lachen der Huren zu ignorieren“ – Nein, wir sind nicht etwa bei François Villon gelandet; wir beschäftigen uns tatsächlich mit dem Fürsten, den man (bisher) einen „Grandseigneur“ nannte! Dieser berichtet vom Morgen danach:
„Ich trat an die Hafenmauer, etliche Fuß von der Menge entfernt. [Aristokratisch!] Im nächsten Moment packte mich Entsetzen, ich unterdrückte einen Schrei. [Warum?] Bäuchlings auf [?] dem Wasser trieb ein Frauenzimmer. [Fremdenzimmer?] Angetan mit einem unscheinbaren Cape, einigen Lagen bunter Röcke, doch ohne Kopfbedeckung [und das im kalten Wasser!] schwamm sie im Brackwasser [Brack, sieh an], das Gesicht eingetaucht [kaum anders machbar, wenn man bäuchlings und tot im Wasser umhertreibt], als suche sie etwas auf dem Grund [des Hafenbeckens? Wassers? Abwassers?]. Ihre blutroten Haare lagen wie Strahlen einer dunklen Sonne auf dem Wasser. Ihre abgespreizten Finger waren blass wie der Mond.“ Blut, rot, Strahlen, Sonne, Wasser, blaß und Mond – mehr Stereotype kann man in zwei Sätze kaum hineinquetschen.
Angesichts dieser im Wasser treibenden Leiche läßt nun der Autor seinen Haupthelden an die bibliographischen Angaben seiner ENGLISCHFIBEL (!!!) denken: English Spelling (hier fehlt nur Book) by William Maver (richtig: Mavor), London 1814, „achtzehn Pence für das gebundene Exemplar“. Würde Ihnen so etwas einfallen, wenn Sie, von Entsetzen gepackt, vor der Leiche einer hübschen Hure stünden, deren Bekanntschaft sie kurz zuvor gemacht hätten?
So etwas kommt heraus, wenn ansonsten kerngesunden jungen Menschen nichts anderes mehr einfällt, als Bücher zu schreiben: Einerseits zu bequem, sich gründlich mit historischen Vorlagen zu beschäftigen („ziellos blätterte ich in den hinterlassenen Briefen“), mangelt es ihnen andererseits an Phantasie für Eigenes („fiel mir die Karte entgegen, die alles anstieß“); zur Gegenwart haben sie offenbar nichts zu sagen, oder es fehlt ihnen das Kreuz dafür, oder der Durchblick, also schreiben sie „historische Romane“, von denen man nur hoffen kann, daß sie es bald tatsächlich sein werden.
Nachdem ich die 35 Probeseiten des „Gärtners“ aus dem „Vorableser“ angemessen in den Papierkorb verabschiedet habe, bedaure ich sehr, über kein Eisen zum Abstreifen von geistigem Ballast verfügen zu können. Denn es ärgert einen schon, daß jemand solches Zeug gedruckt bekommt, während einem Manuskripte mit der Begründung „zu anspruchsvoll“ zurückgeschickt werden. (Und stellt man sie ins Internet, wird man sang- und danklos von Bestsellerautoren beklaut.)
Fazit: Das Buch taugt nichts. Die Fakten dafür sind oberflächlich recherchiert, grundlegende Aussagen sind falsch, Details sind fehlerhaft wiedergegeben, die Handlung ist banal, der Stil läßt viel zu wünschen übrig. Ich denke, man kann nicht ALLES mit künstlerischer Freiheit oder damit entschuldigen, daß es sich dabei ja "nur" um einen (historischen) Roman handelt. Würde ein Handwerker solche Arbeit leisten, würde sein Auftraggeber ihn verklagen. Sollte ich wider Erwarten tatsächlich einmal in die Fänge der Langeweile geraten, würde ich die Beipackzettel meiner Medikamente einer derart jämmerlichen Lektüre vorziehen. – Apropos Beipackzettel: Lesen Sie lieber Der Schnupfen von Stanislaw Lem. Das ist ein wirklich guter Kriminalroman!
(04.03.2010.)
P.S. Sechs Exemplare des soeben erschienenen Romans sind bereits gebraucht bei Amazon erhältlich ... (8. März 2010.) - Acht (9. März.)
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