Ein Kind meiner Zeit, ein ächtes, bin ich
1.112 Worte zur Pücklerforschung
Kritik in eigener Sache
Von Bernd-Ingo Friedrich
Ein jeder ist ein Kind der Zeit. Was um ihn
Im Werden ist, das saugt er ein, und wird er.
(Leopold Schefer, Laienbrevier, 25. April.)
„... ein Kind meiner Zeit, ein ächtes, bin ich ...“ Stand und Perspektiven der Forschung zu Fürst Pückler. Herausgegeben von Christian Friedrich und Ulf Jakob im Auftrag Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloß Branitz. Dokumentation einer interdisziplinären Tagung der Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloß Branitz, Cottbus/ Branitz, Gutsökonomie, 6./ 7. November 2009. Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2010. (edition branitz 6.)

Bettina: Prof. Dr. Bettina Clausen, Hamburg; Dreyer: Dr. Ernst-Jürgen Dreyer, Neuss.
Intro
Ob Rechts, Links oder Mitte: Ein „ächtes“ Kind seiner Zeit zu sein, durfte und darf jeder von sich sagen. Was Pückler damit meinte, ist demzufolge nicht so leicht auszumachen, letzten Endes aber auch vollkommen Wurst. Unterschiedlich verortete Rezipienten mit, nicht selten gravierend, voneinander verschiedenen Wahrnehmungsbereichen haben zahlreiche, nicht selten gravierend voneinander verschiedene Pücklerbilder hervorgebracht, so daß auch irgend eine Interpretation immer paßt. Wissenschaft, Literatur, Kunst und Theater oder das Marketing, beispielsweise, müssen, können und wollen auch gar nicht denselben Pückler haben. Der Fastfood-Fürst für die zahlenden Republikaner taugt nicht für die „Gundlinge“, und beide sind sie nichts für die „Kresniki“, oder die „Günthers“.
Finster ist’s im tiefen Tale,
Um die pflegeleichten Einfaltspinsel, Frauen und Kinder kümmern sich, unterstützt von Bild- und Schrottpressen, Buchstabensteller und Animateure, Selbstverliebte und altruistische Vereine. Sie wären kaum der Rede wert, weinte der Himmel nicht täglich bittere Tränen um seine Brüder, die Bäume, die in dubiose Bücher, Broschüren und Faltblätter verhext wurden; und weint der Himmel einmal nicht, hat ihn das Entsetzen über den Triumphmarsch des „biografischen Bestsellers“ von Heinz Ohff gelähmt.
heller ist’s in einem Saale.
Um die gebildeteren – nein: Um die Gebildeteren hat sich Johann Kresnik rührend gekümmert. Er hat mit seinem „Schmuddelfürsten“ kraftvoll-genial vollendet, was Stiftungen, Vereine und Andere verdruckst und verklemmt vor über 20 Jahren schon begonnen haben, nämlich eine Vermarktung, bei der es auf das historische Vorbild nicht mehr ankommt, sondern einzig und allein auf das, was man daraus macht. Einerlei, ob Keksrolle, Kalender, Dosenbier oder Jux und Tolle(Pückler)rei mit viel Fleisch und einem Pickelhering in der Hauptrolle – alle bekommen, wovon sie geträumt haben: Mehr oder weniger volle Kassen. Was allerdings nicht wenige fuchst, ist die Tatsache, daß Kresnik nun die vollsten hat und daß er den Mumm hatte, ihnen zu zeigen, wie man richtig zulangt. Folgerichtig wurde das Stück vom Geschäftsführer einer „Pückler-Verwurstungsgesellschaft“, wie sich die GmbH scherzhaft selber nennt, am lautesten niedergepfiffen.
Bald verklungen ist Applaus,
Um die richtig Gebildeten, aber mehr noch um sich selbst, sorgt sich die „Wissenschaft“. Ihren ständigen Vertretern winken zwar keine Spitzenhonorare, doch Ruhm und Ehre inter pares und wenn sie Glück haben, der Gelehrtentraum: ein auskömmliches Gehalt. Kraft mal Weg, womöglich noch geteilt durch Zeit – nein, nicht mit ihnen. Der Weg ist alles: „Der soziologisch inspirierte und kulturell kontextbewußte Interpretationsansatz geht von der Prämisse aus ...“ – um nach dreizehnseitigen Wortspiralen auf den Punkt zu bringen, was der durchschnittlich informierte Lausitzer kurz und knapp aus seiner Zeitung weiß, so aber noch nie gehört hat: Aus dem Pückler läßt sich viel machen, weil schon so viel da ist. Leitstern Ohff hat’s vorgemacht.
für Bleibendes sieht’s besser aus.
Eine zweibändige Biographie, eine neunbändige Briefauswahl und 29 Bände der Werke des Fürsten; 80.000 Einzeldokumente der Varnhagen-Sammlung und vier Erinnerungsalben braucht man schon, um beispielsweise herauszufinden, daß Pückler gern auf seine Erdpyramide kroch, um da oben „ganz profan einen Humpen Bier zu trinken“. – So. Das lassen wir jetzt erst einmal wirken ...
Hinzu kommen:
4.200 Bände Callenberg-Pückler-Bibliothek (von ehemals und irgendwann einmal vielleicht wieder 10.000),
die Oberlausitzer Archivlandschaft in Bautzen und Görlitz (in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften war übrigens außer dem Ehepaar Clausen und mir meines Wissens bislang kein einziger Pückler-Forscher!),
das Brandenburgische Landeshauptarchiv Potsdam,
das Geheime Preußische Staatsarchiv Berlin-Dahlem,
die Familienarchive der Pücklers und Arnims,
das Fürstlich Castellsche Archiv in Castell und
„privat gehütete Quellpunkte der Überlieferung“ wie das unlängst in Dänemark aufgefundene Konvolut von über 1.000 Briefen und anderen Dokumenten.
All das wartet auf die Wissenschaft und ihre -schaftler, auf Erschließung und – Veröffentlichung!
Ein weites Feld
(reimt sich auf „Geld“)
291 Veröffentlichungen (wenn ich richtig gezählt habe) sind im Anhang bereits aufgeführt. Davon wären die schon genannte zweibändige Biographie und die neunbändige Auswahl von Ludmilla Assing sowie die 29 Bände des Fürsten abzuziehen; ach was – „die Quellen sprudeln ohne Unterlaß“ – ich rechne kurzerhand mit runden 300 zum Teil mehrbändigen Titeln, macht runde 500 Bände, jeder mäßig mit 200 runden Seiten veranschlagt, macht 100.000 runde Seiten; runde 2.000 Pückler-Titel sind inzwischen bibliographiert, das heißt, es kämen vielleicht noch eine Million Seiten Pflichtlektüre dazu; plus 50 Bände Heinrich Laube, plus 64 Bände und so weiter. So. Das wäre erst einmal das, was schon da ist. Über der Arbeit daran entsteht, ganz wie bei der Zellteilung, aus primärer weitere sekundäre und daraus wieder tertiäre und immer so weiter -äre Literatur; der fleißigste Gegenwartsautor der Publikationsliste – rein zufällig einer der Herausgeber – darf sich bereits neun Publikationen auflisten; nur Pückler selber schafft (knapp!) mehr Punkte. Kurzum – das Material reicht für Generationen, und wenn es die Kinder und Kindeskinder der Gelehrten so pfiffig anstellen wie ihre Väter und Großväter, über Äonen.

Roland Renner als Fürst Pückler mit Sigrun Fischer als Lucie (an- oder abgeschnitten im Hintergrund)
am Donnerstag, dem 28.10.2010 während der Fotoprobe von „Fürst Pücklers Utopia“ im Staatstheater in Cottbus.
Das Stück kam in der Regie von Johann Kresnik am Samstag, dem 30.10.2010 zur Uraufführung.
Detail der Aufnahme. Original-Foto: Bernd Settnik (dpa-Zentralbild).
Wie lange noch?
oder: Wer schreibt,
Mit dem Wissen, daß die neuere Pücklerforschung Bettina und Lars Clausens Leopold-Schefer-Soziobiographie Zu allem fähig 25 Jahre (!) nach ihrer Veröffentlichung als „paradigmatischen Geheimtip“ und „Steilvorlage von durchschlagender Innovationskraft“ entdeckt hat (ich arbeite seit 1986 damit), kann man sich – in etwa – ausrechnen, wie lange es noch dauert, bis die „Pückler-Gemeinde“ zu einem einigermaßen stimmigen Pückler-Bild gelangt; zumal sie dabei ja nicht nur die Hürde des bereits aufgetürmten Mistes abzutragen hat, sondern auch schon wieder dabei ist, neuere „Steilvorlagen“ zu ignorieren, beispielsweise mein Hat er? Oder hat er nicht? oder meine Internetseiten, die man zwar nirgends erwähnt, durch die man sich aber – gewisse Formulierungen in Publikationen und Pressemitteilungen verraten es – kräftig hindurchklaut. Statt dessen wird ein wiederholt angekündigtes Online-Projekt vorgestellt, das seit 2009 Quellentexte aus deutschen, polnischen, tschechischen und privaten Archiven und Bibliotheken verspricht, aus dem aber bis heute (dem 03.01.2011) außer einem „Muster ohne Wert“ kein einziges Dokument an die Öffentlichkeit gelangt ist.
der bleibt,
oder: Alles beim Alten
Vielleicht kann ein Beispiel aus dem 16. Jahrhundert als Orientierungshilfe dienen: 1563, rund vierzig Jahre vor Anton Praetorius’ Kampfschrift Von Zauberey vnd Zauberern und sieben Jahrzehnte vor Erscheinen der Cautio Criminalis von Friedrich Spee, also vor ungefähr 450 Jahren, veröffentlichte der Düsseldorfer Hofarzt Johann Weyer bereits eine erste Schrift gegen Hexenverfolgung und Folter. – Die letzte überlieferte Hinrichtung einer Hexe in Mitteleuropa fand 1793 im aufgeklärten Preußen statt, aber noch 1836 wurde auf der Halbinsel Hela eine Frau der Wasserprobe unterworfen und, weil sie nicht untersinken wollte, gewaltsam ertränkt. Gefoltert wird raffinierter denn je ...
(27.12.2010 – 03.01.2011)
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