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Die Bäder zu Muskau oder: Die Quellnymphe

Ein Phantasiestück von Carl Weisflog

Wiederentdeckt und aufbereitet von Bernd-Ingo Friedrich
Mit Wörterbuch


Das Wörterbuch bitte HIERMIT aufschlagen.

Der Leser, der aus dem Artikel „Carl Weisflog“ kommt, weiß bereits, worum es jetzt geht. Für die „Quereinsteiger“: Es geht um die Erzählung, die der Stadtgerichtsdirektor und Schriftsteller Carl Weisflug aus Sagan als Reklame für Muskau, in der Erzählung „Grünau“ genannt, und das neue Muskauer Hermannsbad schrieb, um mit dem Honorar dafür die Einkommensausfälle zu kompensieren, die ihm aus dem Verlust der Gerichtspflege von Jemlitz, Merzdorf und Neudorff entstanden waren. Heute hätte er sie vielleicht mit dem Vertrieb von Gartenmöbelserien, italienischen Blumenkübeln oder attraktiven Außenleuchten egalisieren können, aber Derartiges gab es damals noch nicht. Deshalb nahm sich Carl Weisflog runde zweihundert Seiten Zeit, um (Bad) Muskau-Grünau ins verdiente Licht zu setzen, und geizte dabei nicht mit brillanten dramatischen Effekten und effektvollen literarischen Glanzlichtern. Die Rahmenerzählung selbst steckt ebenfalls voller Witz und entspricht damit dem, was die Leute damals gern lasen und heute noch als gängiges Muster taugt. Gut für die damalige Kurzweile, ist sie für diese Internetausgabe – gemessen an unserem Sitzfleisch – leider etwas zu lang. Deshalb wird sie hier durch kurze zusammenfassende Abschnitte ersetzt. Die Schilderung des Muskauer Badelebens jedoch gehört zum Liebenswertesten, was das Genre zu bieten hat. Vielleicht sollte man aber auch noch erwähnen, daß die Muskauer Bäder nicht das Werk des Fürsten, sondern seiner Frau Lucie von Pückler, geschiedenen von Pappenheim, geborenen von Hardenberg waren ... (Und wie es heute um die Bäder bestellt ist, steht HIER.)

Undine nicht, die Herzen nur und Leben
     in ihren stillen Abgrund zieht,
Undine nicht wird hier dem Quell entschweben,
     die trügend Eure Sehnsucht flieht;
ein bess’res Wesen, wie sie Hoffnung sieht,
     soll aus dem Segenbrunnen sich erheben,
und in der Bilder wechselndem Erscheinen,
     hier mit der Dichtung, Wahrheit sich vereinen.

Anstelle der Undine entschwebt dem Segenbrunnen natürlich die Quellnymphe – klar. Doch das entdeckt der Leser zusammen mit dem Haupthelden der Erzählung erst nach gehörigen Irrunge und Wirrungen, denn dieser findet die Nymphe – sehr sinnig – nach 150 Seiten in einer halb vermoderten alten Scharteke aus dem 16. Jahrhundert. Die daraus nacherzählte Sage ist der I-Punkt einer simplen Geschichte, deren Handlung dem „O-Bein-Muster“ folgt: Zwei sind zusammen, trennen sich und kommen wieder zueinander. Der Rest ist – wie Weisflog es dem Fürsten Pückler versprochen hatte – Reklame für „Die Bäder zu Muskau“.


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Baron Emil liebt Alphonsine, Alphonsine aber ist verheiratet. Ihr Gemahl ist zwar alt, doch mors certa, hora incerta – den Baron ereilen „Werther’s Leiden Nummer Zwei!“; des Barons Leiden nehmen überhand: „Der Tod stand fest und starr vor seiner Seele. Aber Kugel, Gift, Strick, Dolch – wie alltäglich, schaal und abgeschmackt für eine geniale Verzweiflung, die andere Mittel weiß, das Schiff des Lebens in den stygischen Sturm zu steuern! Das Faß süßen Weines, in dem der zum Tode verurtheilte Engländer sich ertränkte, führte auch dahin, und sich zu Tode leben ist der grimmigste Selbstmord [...] Darum mußte er fort, darum durch den Brennspiegel aller vereinigten Lebensflammen in den Tod, da ihm doch das mildere Licht des Lebens versagt war.“ Gedacht, getan: Der Baron befreit seine Untertanen „nun und ewig vom Hofdienste“ und verabschiedet sich. „Denkt an mich und lebet wohl!“ Er sumpft sich einige Jahre durch allerlei Herren Länder und hat sein Ziel fast erreicht, da ergreift ihn die Reue. Er kehrt heim. „Der blühende kräftige Mann war zum gebückt dahinschleichenden Schattenbild geworden, aber auch der Geist, der einst so herrlich in dieser Hülle gewaltet, war zerrüttet, ohne Liebe, ohne Hoffnung, ohne Vertrauen. Sein Elend hatte der Arme gefunden, aber nicht das, was er gesucht – den Tod, und nun fürchtete er den und bebte und zitterte auf seinem Felsenabhange vor dem Herabsturze in den Strom der Vernichtung.“ Die Seinen sind entsetzt, seine Geliebte, jetzt Witwe, auch, doch sie – sie liebt ihn immer noch – erkennt in dem reuigen Wüstling – auch seine Liebe ist nicht tot zu kriegen – immerhin noch etwas vom guten Kern und schmiedet zu seiner Rettung ein Komplott. Davon weiß der Baron natürlich nichts. „Die Eule singt ein häßliches Lied und kann es doch ewig und ewig nicht lassen.“

Erst einmal wird „die Eule“ zu einer Kur beredet, Töplitz wird in Aussicht genommen, doch verschiedene Umstände fügen es anders. Erheblich zur Änderung des Plans trägt ein kurioser Wunderheiler bei, der sich dem Baron vorstellt wie folgt:

„Mit hoher Erlaubniß, meine gnädige Herrschaft! – begann er und gestikulierte mit der gelenkigen Knochenhand, als schlüge er Seife zu Schaum in einem Bartbecken – Wenn es in Deroselben Reiseplane vielleicht liegt, berühmte oder merkwürdige Menschen kennen zu lernen, um ihr verdientes Andenken der Mit- und Nachwelt zu erhalten; so habe ich die Ehre, Hochdenenselben hiermit in mir selber einen solchen zu präsentiren, denn ich bin, ohne Ruhm zu melden, ein Genie, zwar nicht von hier, aber bekannt weit und breit. –
Der Hebe-, Wund-, Hund- und Mundarzt, - fiel ihm ein junger, naseweiser Bursche in die Rede – oder, mit Respekt zu sagen, der Bader und Gregorius aus –
Recht, mein Sohn! – unterbrach ihn der Hagere – Chirurgus, Geburthhelfer, Thier- und Zahn-Doctor, weshalb es denn auch mit dem Hund- und Mundarzt allerdings seine Richtigkeit hat, weiß, wo Bartel Most holt, und kann allerdings Respekt verlangen, da meine Kunst nicht beim Aderlassen und Schröpfen, Purgiren und Vomiren stehen geblieben, sondern – wie der Lateiner sagt – per aspera catastra gedrungen, auch kein Kirchhof fünf Meilen in der Runde ist, der nicht Denkmale meiner Kunst enthielte und die allererstaunlichsten Kuren, die Gräfe, Hufeland, Hugo Grotius, Hahnemann und Horaz nicht gewagt, von mir unternommen worden, ja, von mir – würdige Herrschaft! Denn so hab’ ich noch vor Kurzem einen Schneider kurirt, der, im dreißigjährigen Banne seines Werkstattlochs, in der Taille vom Halswirbel bis zum Osse sacro um wenigstens zwei Spannen zusammengeschrumpft, in Gefahr stand, binnen Kurzem den Liebwerthen im Nacken zu haben [...] Ars longa, vita brevis, sagt der Lateiner; zu deutsch: er muß länger werden, und wenn sich das Leben darüber verkürzen sollte! Und so nahm ich denn meinen Schneider und brachte ihn auf meine patentirte Reck- und Streckmaschine. Zwar starb der dumme Kerl, aber er war doch beträchtlich länger geworden. Und hätte denn der Leinweber da drüben im andern Dorf jemals die vierte Frau mit den sechzig Thalern erwischt, wenn ich ihm nicht die weiße Leber gefärbt, die ihn dreimal zum betrübten Wittwer und zu einer Art Blaubart gemacht?

„Kurz, Herr Bader, – murmelte der Baron verdrüßlich – was wollen Sie?
Was ich will? – vornehme, hochzuverehrende Person! – antwortete der Bartschaber: Hochdenenselben pro primo meine devoteste Freudigkeit eröffnen, über Dero überaus miserables Aussehen, welches wie ein anatomisches Präparat reichlichen Stoff zu allerlei medico-chirurgischen Reflexionen und zu erkennen giebt, daß Hochdieselben an einem morbo chronologico laboriren, welcher ein baldiges Absterben erwarten läßt [...] Pro secundo meine ärztliche Behandlung, absonderlich meine neu erfundene Schröpfkur mit glühenden Blechköpfen beßtens um ein Billiges recommandiren.“


weisflog quellnymphe3 glasfenster totentanz bern


Der Baron empfiehlt sich schleunigst, im Ohr jedoch die Empfehlung des enttäuschten Baders, anstatt nach Töplitz doch lieber nach Grünau zu reisen, in ein Nest „in das der Gott Aesculapius goldene Eier gelegt, sonst freilich nicht also, sondern ein feines Städtlein zu nennen. Dort über der Heide, zwei Stunden von hier, führt Deroselben Weg gerade hindurch. Da haben Se. Excellenz der Herr Graf in diesem Jahre ein Paar hundert Bauern daran spendirt, mit deren Fäusten, wie Moses in der Wüste, an den Fels geschlagen und allerlei Wasser ist hervorgesprungen, von dem die Lahmen sehend, die Blinden gehend und die Tauben – [...] Also eine neue Art Ernte vom Feld der Frohne! – grollte der Baron in sich hinein, als er wieder im Wagen saß und wieder die einsame Heide ihn empfing.“

„[...] durch den Kiefernbusch bis zu den Waldhäusern und von den Waldhäusern wieder durch den Kiefernbusch, und durch Tannendunkel, was jeden andern Reisenden mit seiner kühlen, rauschenden Einsamkeit erquickt haben würde, diesen aber nur in noch tiefere Nacht der Seele versenkte [...] Aber lichter wurde der Wald, und kühler und sanfter hauchte der Abend. Da öffnete sich plötzlich vor ihnen das romantische Thal, da tauchte rechts herauf ein fröhliches Grün in unabsehbaren Rasenteppichen, fruchtbaren Feldern und Laubholz. Da lag, längs dem Ufer des Flusses hin, der sich wie ein Silberfaden durch die blühenden Auen wand, im duftigen Hintergrunde das freundliche Grünau mit seiner Gassenreihe, da dampften links die Hütten des Bergwerks, da funkelte im scheidenden Strahle der untergehenden Sonne der stattliche Thurm des gräflichen Schlosses über den Wipfeln der Linden, und die Terrassen der Berge, an die sich das Städtchen lehnte, hoben sich wie ein reizendes Gemälde von Claude Lorrain mit ihren daran klebenden Häusern, Vorwerken und buschigen Baumgruppen.“

Der Anblick ist einen Augenblick lang imstande, den Baron aus seiner Lethargie zu reißen. Hatte er auf dem Wege noch sinniert: „Und was wird sein? – Sie umzäunen ein Flecklein, so groß, daß eine rüstige Schnecke es in einer Stunde dreimal umkriechen kann, bauen eine Schenkgelegenheit, wo der Wirth statt sauren Bieres saures Wasser, das Kunstpräparat eines pfiffigen Apothekers, um ein Billiges den Gästen reicht, oder weisen den Neugierigen in ein Waschhaus und nennen das Bäder“, so reißt es ihn nun hin auszurufen: „Liegen vor mir die Laubhügel des Tanus? Sind das Zephyre Italiens, die mir herüber wehen aus hesperischen Gärten? Ist das Grünau?“

Nun, es ist Grünau, oder Muskau, wie wir wissen. Dessen prächtiger Anblick kontrastiert derart mit dem Gefühlschaos des Barons, daß er elender denn je in dem Städtchen eintrifft. Der umgehend herbeigerufene Badearzt ist, im Gegensatz zu dem obigen Bader, ein wahrer Philantroph: „Wahrlich, Sie bedürfen der Hilfe, und was Natur, Kunst und treuer Eifer vermag, das soll Ihnen redlich werden. – Und nun erforschte er mit Schonung und Gründlichkeit den Zustand des Leidenden, und machte ihn, als er die Diagnose begründet, mit den Hoffnungen der erst in diesem Jahre wieder neu in’s Leben gerufenen Heilquellen des Ortes bekannt, mit allem Feuer der Darstellung für eine neue, gute Sache, aber auch mit aller Vorsicht gegen sanguinische Uebertreibung und Täuschung.“

Der Baron bleibt skeptisch, aber er bleibt. Die folgenden Tage und Wochen sind für ihn voller Überraschungen. Die größte sind fröhliche Erbuntertanen, die singend klingende Schubkarren mit Mutterboden hin und her schieben und dabei aus vollem Halse ihren Herrn preisen, wo er gelbes Elend erwartet hatte. Von nun an führt der Baron ein Tagebuch und schreibt lange Briefe an seinen Freund Bernhard, Alphonsines Bruder (der natürlich in das Komplott involviert ist), in denen er die Wiederauferstehung seiner Lebensgeister, aber auch (dem tieferen Sinn der Weisflogschen Schreibübung entsprechend) alles schildert, was er in Grünau sieht, hört und erlebt. Die Kur wirkt schon nach wenigen Tagen Wunder. Vorläufig beschert ihm die Krisis einmalige Halluzinationen.

„Muthlos und zagend schlich sich Baron weiter und hinüber, über die Brücke in den Schloßhof, in sich verwirrendem Gewühle seiner kranken Empfindungen und Phantasie. Noch war hier, obgleich so eben vom Thurme die zehnte Stunde gebrummt, tiefe Mitternacht und Alles im festen Schlafe. Aber wie ward dem Träumenden, als er den weiten Hof betreten hatte und ein Gekreisch sonderbarer Stimmen ihn aus seiner Lethargie weckte.


weisflog quellnymphe muskau1 schlosswiese


Ihn empfing das Zauberreich der Dichter, das Dschinnistan der märchenvollen Tausend und Einen Nacht. Orangen- und Rosenduft wallete ihm entgegen und rings umblüheten ihn die Gärten der Armida. Da standen links und rechts der innern Mauern im Kreise herum in üppiger Pracht auf Gestellen und am Boden die bunten Fremdlinge der Blumenwelt aus China und Japan, vom Vorgebirge der guten Hoffnung und aus Indien, und bildeten mit den Zitronenbäumen und Ziersträuchern aus Amerika Gänge, und hüllten die unteren Zimmer des Schlosses in ihren kühlen, duftenden Schatten, und in dem Schatten standen Bänke rechts und links, über welche die labende Lonicera und der süße Jasmin ihre vollen Zweige und Ranken streckten, und aus den Blumengehegen riefen wunderliche Stimmen. Da hingen unter den Wipfeln der fremden Bäume in zierlichen Gebauern oder angeschlossen in vergoldeten Ringen Papageien und Hara’s, schillernd in allen Farben des Regenbogens.“

Dann wird die Sache vollends verrückt. Der Baron wird von den Papageien geäfft, von einem Äffchen genarrt, hat eine wunderliche Begegnung mit dem Grafen und zu guter Letzt mit einem weiblichen Wesen, das ihn mit dem mysteriösen Ausspruch vexiert.
      „Ich bin bei Dir! Auch Dich hab’ ich gefunden!
     Auch Du bist mein und wirst durch mich gesunden!“
Mit diesem Zweizeiler versucht die Quellnymphe, sich dem Baron zu offenbaren, doch der ist von seinen Depressionen noch viel zu sehr mitgenommen, um die Erscheinung in ihrem Sinne zu deuten. (Um den Leser nicht auch noch unnötig zu verwirren, sei ihm im Voraus gesteckt, daß die sprechenden Aras und die geheimnisvoll wirklich-unwirkliche Nymphe sich gegen Ende der Erzählung als Alphonsine und Bernhards Cousinchen Julie entpuppen.)

Immerhin taut der Baron auf, wird zunehmend neugierig und inspiziert seine Umgebung: „Grünau, ein feines, offenes Landstädtlein, ist belegen in Deutschland am Ufer – – Nein, Bernhard, es ist doch nicht möglich, in dem Tone fortzufahren. Laß Dir von Stein oder einem anderen taktfesten Geographen sagen, in welcher Provinz und in welchem Grade der Länge und Breite es sich am Ufer des anmuthigen Flusses hinzieht, wie viel es Einwohner in seinen zweihundert Häusern hat? Was kümmert mich das? Was soll ich mich abmühen, Dir herzuerzählen, wie viel hier täglich Töpfe und Tiegel gebrannt, Schweine und Kälber geschlachtet werden, und wovon die Grünauer leben? Genug, daß sie leben und daß die rotwangigen Gesichter, die den Fremden neugierig aus den Fenstern entgegen- und nachblicken, und die reinlichen Formen und die heitern Mienen sagen: Wir leben nicht schlecht! Daß aber gerade hier ein Wesen und Treiben ist, wie das Treiben Jehu, das liegt in der Sache und ist allen Badeörtern gemein, die, wie das Fliegenvolk beim ersten warmen Sonnenscheine, mit der erwachenden Natur eben auch zum regen, fröhlichen Getümmel erwachen, und wenn der Winter sie mit der stillen Schneedecke hüllet, sich selber nicht mehr kennen. Doch daß dieses Treiben hier nie störend, das liegt hier auch in der Sache; denn von oben sammelt ein mildes Licht Alle freundlich in seine Strahlen, ohne schreiende Beleuchtung der Stände, und ohne schroffe Schlagschatten peinigender und ängstlicher Absonderungen. Und jedem ist wohl in diesem sanften Lichte, das alles vereinigt, was gut und edel ist, auch wenn es des Privilegiums der Geburt entbehrte. Und eben dieses freundliche, fröhliche Durcheinander, dem man Anstand und Freiheit erhalten kann, so lange man selber will, ist es, was gerade hier das Treiben und Wesen so interessant macht. Der Höhere vermag ohne Arg und Schimpf sich an den gemüthlichen Lazzis des hausbackenen Lebens zu ergötzen, indeß diesem wiederum vergönnt ist, die Fettaugen der feinen Küche sich abzuschöpfen, Jeder aber aus der Masse heraussuchen darf, was ihm eben behagt.“


weisflog quellnymphe muskau2 blauer garten


„[...] Noch bin ich nicht lange genug hier, noch fesselt mich diese schöne und reiche Natur, noch bin ich zu aufgeregt, um über Menschen sie vernachlässigen zu können, und Du würdest mir Recht geben, ständest Du ein einziges Mal mit mir im Strahle der untergehenden Sonne auf diesen Bergen, sähest ein einziges Mal, wie das Purpurlicht den dicken, unter mir aufwallenden Rauch der Töpferöfen entzündet, der nun in langen Strömen dahin zieht über das lachende Thal. Zu meinen Füßen fluthet – ein Bild des innern Friedens – der ruhige Strom und drüben dämmern die dunklen, schweigenden Wälder.
Erlasse mir die weitere Landschaftsmalerei, die immer in Wort und Schrift etwas ganz Miserables bleibt, sintemal ein einziger Klecks aus Salvater Rosa’s Pinsel mehr sagt, als viele Ellen Verse unserer Theokrite [...] So weit Dein Auge sieht, bist Du in dem wahrhaft herrlichsten Park, einem der größten in Deutschland, in dem der Engländer Repton nur die Ideen des Grafen selbst ausführte, der diesen Park, nach dem englischen Prinzip, in den eigentlichen Park und in den Pleasure ground abgetheilt. Der letztere ist Floren’s Reich, umgeben mit unsichtbaren, eisernen Zäunen englischer Erfindung, voll Blumen und Ziersträucher aus Amerika, seltener Gewächse und sammetner Rasenteppiche. Der eigentliche Park aber bildet eine weite, wechselnde Landschaft, wie der Garten Yuen-min-yuen in Sihol, und zeigt auch hier, daß der Gartenkünstler ein Dichter ist, trotz Schiller und Göthe.
[...] Hier lachen Dir grüne Ebenen entgegen mit einzelnen Baumgruppen; da laden Dich dunkle, düstere Laubgänge in ihre schattige Einsamkeit, wo ungestört die Pirole nistet und flötet; dort hängen die Weiden von Babylon ihre trauernden Zweige hinab in den stillen Weiher, in den spiegelnden Bach; da sonnet sich der Goldfasan unter der Thuja, da umziehen die wunderbaren Blüthen den Perückenbaum – Rhus cotynus – mit ihrem Spinnengewebe; da pranget in den Wipfeln die Tulpe von Kentuky – Liriodendron tulipifera; – da weiden Schafheerden mit harmonisch gestimmten Glöckchen, und vom Himmel herab bläs’t Menalk auf der Rohrflöte. Und wenn Du längs dem Flusse zwischen den Bäumen hingewandert, die Dich eingezwängt in ihre grüne Gasse und Dir jede Aussicht benommen, so öffnet sich Dir plötzlich eine fremde Welt. Du siehst vor Dir die niedlichste Cottage von Yorkshire, ringsum die Wände mit freundlichen Reben berankt, um und um Gehege, Gänge und Pflanzungen, wo die Amorpha, der Rubus odoratus, die Lonicera, der Cytisus im Gemische der Silberpappeln, der Takamahaka, der Lärchenfichten und – was weiß ich, mit wie viel hunderterlei Bäumen und Sträuchern, wie durch einen Zauberschlag hervor gerufen, aus dem Boden heraus gewuchert, der vor kurzem nur noch die traurige Kiefer und den Wacholder getragen. Aber vor dem lachenden Häuschen breitet eine majestätische Linde ihre Schatten über die Bänke und den Tisch, wo der gemüthliche Grünauer seinen Gerstennektar trinkt, wenn es ihm drinnen in der Rauchstube des Pflanzerhauses, das auch ihm seine Bequemlichkeit bietet, zu drückend und heiß wird, und zu allerlei Spiel und Lust ladet ihn da der Schießplatz mit der fröhlichen Kegelbahn. Immer weiter und weiter, die Anhöhe hinauf, führen Dich sanft die breiten Kiespfade zwischen den Blumengehegen, und wenn Du Dich nun wendest und hinabschaust in’s Thal, da wogt unter Dir das grüne Laubwipfelmeer, da schweift Dein trunkenes Auge drüber hin nach der Ferne, aus der durch die hohen Linden und Pappeln das gräfliche Schloß mit seinem Thurme freundlich herüber grüßt. Beleuchtet der Vollmond dieß Panorama, so wird es ein Effektstück, wie eine Milesische Sommernacht auf Prienens Hügeln, über dem Nebeldufte des Thales der Lethe, oder auf dem Berge bei Magnesia am Mäander, mit seinen Gefilden von Rosenlorbeer und Agnus castus, am Horizonte der blaue Latmos, umflort von mystischem Dämmerlichte, als schlummere auf ihm der himmlische Schläfer, oder als flistere zu seinen Füßen am Schilfufer des See’s Biblis Luna oder Endymion, still dahin wandelnd in seliger, einsamer Liebe.“

Achgottchen – war das schön! Die Grünauer Luft hat die sieben Sinne des Barons schon ordentlich regeneriert. Bald wird auch sein Interesse an den Mitmenschen wieder rege, und – für den Erfolg einer Kur essentiell – auch sein Appetit stellt sich wieder ein.


weisflog quellnymphe muskau3 englisches haus


„Heute früh wohnte ich in der slavischen Kirche dem Gottesdienste bei. Auch das hat sein Interessantes für den, der die Sprache nicht versteht und nie einen Stock-Ur-Ur-Urenkel des Lech und Zech gesehen. Aber ich hoffe, den armen, gutmüthigen Menschenschlag näher kennen zu lernen, der seinen gnädigen Herrn Du, seinen Ochsen Er nennet, und dem die Bockpfeife und die Geige, am Sonntagabend in der Schenke, das non plus ultra aller Erden-Seligkeit sind.
Zum ersten Male besuchte ich hierauf die hiesige Restauration, und machte mir Vorwürfe, das erst heute gethan und bisher wie ein Anachoret, nach kurzem, einsamen Essen auf meinem Zimmer, die jovialsten und besten Stunden des Badelebens – verschlafen zu haben. Den ganzen obern Theil des geräumigen Regierung-Gebäudes, am Eingange in den Park, hat herrschaftliche Liberalität dem Vergnügen und den Genüssen der Badegäste und Besuchenden eingeräumt, und diese Reihe von Gemächern und Sälen mit höchstem Geschmacke und großem Aufwande ausgestattet. Hier findest Du niedliche Conversation-Zimmer mit den neuesten Libellen unserer neuesten Literatur, und Du kannst wählen, welches Journal – bist Du eben allein – Dich auf den sanft schwellenden Sophakissen in süßen Schlummer wiegen, oder – wird es lauter um Dich – Dir Stoff zu ergötzlichen Discussionen geben soll. Freund- und feindliche Blätter liegen hier friedlich beisammen auf einem Tische, und es dependirt von Dir, unter der Menge der eingemachten Früchte ein Ananas- oder Melonenschnittchen süßer Verse, oder eine Pomeranzenpastete bitterer Moral, eine Charadennuß, eine dicke Arbuse wasserreicher, nach der Elle gemessener Erzählungen, eine epigrammatische Pfeffergurke, eine politische Stachelbeere herauszulangen, oder zu besserer Verdauung auf das Butterbrod des gemeinen Lebens einige beißige Rettigscheiben grober Recensionen und ungeschliffener Personal-Satyre zu legen.
Willst Du etwa der Göttin Fortuna Dein Opfer bringen; so laden Dich die niedlichsten, verschwiegensten Tempel der launenhaften Kugeltänzerin in ihr Allerheiligstes, offen aber und unverholen predigt der flinke Markör mit Spieß und Stange sein: Cinq à point!
Willst Du essen, trinken, warm, kalt, zu jeder Stunde des Tages, an Deinem Schmolltischchen allein, oder in lustiger Gesellschaft; so wird Dir hierbei nichts schwer, als die Auswahl auf der Tafel der Soliditäten und Leckereien, die weiß und mächtig, wie eine Wegezolltarifwand, Dir bietet, was Natur und Küchenkunst zu spenden vermag und die kein eitler Prahlhans ist, wie manches Waarenverzeichniß vor einem Laden, in dem das verlangte so eben sich vergriffen oder ausgegangen; Du magst fragen, wonach Du willst. Dabei wirst Du oft nicht begreifen, wie Le Bon – der Mundkoch – das alles für so gar wenig zu leisten im Stande, und es wird Dir ahnen, daß nur höhere Unterstützung dieß vermag. [...] Eine reich besetzte Tafel ist schon an sich ein Anblick für Götter, und sehr Recht hat der Xeniendichter, wenn er sagt:
     Wahrlich, nichts Lustiger’s weiß ich, als wenn die Tische recht voll sind
     von Geback’nem und Fleisch, und wenn der Schenke nicht säumet;
aber eine Tafel, wo überdem noch, wie hier, uneingedämmter Frohsinn herrscht, wo die Weine aus gräflichem Keller – mithin nicht schlecht, und für den Einkaufspreis – auch aus dem schaalsten Gehirne Witzfunken locken, die Frauengegenwart veredelt und würzt, wo vom unsichtbaren Orchester herab durch’s Arabeskengitter wackere Musik wallet, strömt und rauscht, je nachdem es nun immer lauter unter den Gästen wird, und wo alles schmeckt und mit Geschmack bereitet ist – eine solche Tafel wahrlich gehört zu den besten Freuden des Lebens, und auch ich gab mich ihnen ganz hin, mit allen äußern und innern Saugarmen.“

Es folgt eine satirische Beschreibung der Tafel und der Tafelgäste, die erkennen läßt, daß der Briefschreiber aus dem Gröbsten heraus ist. Er treibt sich bereits herum.


weisflog quellnymphe muskau4 jagdschloss weisswasser


„Mein Brief von gestern hat Dir gesagt, wo ich mich des Montags, Dienstags und gestern herum getrieben, in den Hütten der Cyclopen, die illi inter se se magna vi brachis tollunt, in den Eisenhämmern der Umgebung, in der Glashütte, in den Papiermühlen, ach! – im romantischen Thale [...] wo ich nun, auf den Rasen dahin gestreckt, die Nachmittag-Kaffeestunde lustig und wohlgemuth verlöffelte, und dann zum Andenken wie zum Zeitvertreibe, in die glatte Rinde eines jungen Baumes die lateinischen Worte schnitt, die zu deutsch verdolmetschet sind:
     Hier war ich, Emil, der Weltbürger,
     glaubend, liebend, hoffend.
Auch mag ich Dir gerade heute von dem allerherrlichsten Wouverman, den ich diesen Nachmittag gesehen, weiter nichts sagen, als eben, daß ich ihn gesehen. Ich meine das romantische, gräfliche Jagdschloß, das etwa drei Stunden von hier im tiefen Walde liegt, von dessen höchsten Fichtenwipfeln herab der Auerhahn den grauenden Frühlingmorgen begrüßt, in dessen Sumpfdickigen das wilde Schwein seine Siesta hält. Mannichfaltige Pürschwege führen hier jeden einzelnen Schützen, gesondert von den andern, durch die alten ehrwürdigen Bäume, durch das Rauschen und Schweigen der Waldnacht, und Quellen rieseln und Brunnen plätschern um das stille Haus, ganz so, wie es der Niederländer in den schönsten Schäferstunden seines Pinsels schuf.“

„Müßte ich nicht, wenn ich ein Dichter wäre, mein Gefühl ausströmen in Gesängen des Preises, dem herrlichen Wasser des Lebens, dem ich dieses Gefühl verdanke! Bernhard! mit welcher religiösen Andacht wandle ich jetzt des Morgens in mein Bad! Wie feierlich grüße ich das lange, freundliche Haus mit seinem, in kühlen Lüftchen rundum wallenden japanischen Zeltdache, unter dem die Sitzenden und Genießenden der schönen Blumengehege, der Aussicht auf den silbernen Fluß, und drüben der lachenden Wiesen und im Rücken der hohen grünenden Berge sich freuen, und wo rechts die Hütten des Bergwerks dampfen und die fleißigen Menschen schaffen und wandeln. Und eben in dem Hause sind die Bäder, niedliche, mit allen Bequemlichkeiten versehene Stübchen, mit Wannen, in die man nach Belieben oder Vorschrift den Segenquell aus Hähnen kalt oder warm lassen kann, der tief herauf aus der innern Werkstatt der Natur, unmittelbar hinter dem Hause durch Pumpen geschöpft und aus erster, frischer Hand mit ungeschwächter Kraft entweder wie er ist, oder erwärmt in die Röhre geleitet wird, wo ihn auch, nach Bedürfniß, die Kunst zum Schwefel- oder Stahl- oder Kräuterbade modificirt, oder zur Touche anwendet. Willst Du aber auf hyperboräische Weise die materia peccana ausdampfen; so ist auch dafür gesorgt, und das russische Bad nimmt Dich auf mit seinen terrasirten Bänken und Streckmatratzen. Und im unterirdischen Spritzbade, wo in den Schachten des Bergwerks ein immerwährender Erdbrand gefahrlos Dir Gelegenheit giebt, Dich zu wärmen und zu schmoren, so lange es Dir beliebt, kannst Du alle Grade der Transpiration, die Dir Dein eigensinniger Aesculap verordnet, machen. Ueberall wird dich die höchste Reinlichkeit und im so genannten gräflichen Bade sogar griechisches Wohlbehagen in den lockenden, düstern Kabinetchen ansprechen. Auch kannst Du gemächlich hier im Freien unter Blumen und Schatten Dein Morgenpfeifchen rauchen und Deinen Kaffee, Deinen Thee, Deine Chocolate schlürfen, oder des Nachmittags in der brennenden Hitze wohlgemuth und im Kühlen Dein Fläschchen Wein oder Bier genießen. Für Alles ist Rath.
Und etwa zweihundert Schritte von diesen Bädern, näher nach dem Ufer des Flusses, ist auf einer grünen Wiese der, mit Bedachung und Umzäunung gesicherte, in Granit gefaßte Trinkbrunnen, der dem wackern Le Bon täglich mehrere Verehrer zusendet und auch mir von Innen heraus den neuen Menschen geschaffen, durch den Sitz, Tempel und Urborn alles Großen, Schönen und Erhabenen – den Magen. Gemüthlicher haben nicht die fünfhundert Gäste des Lord Russel in seinem Garten um das Marmor-Bassin gesessen [...] als hier die gläubigen Trinker, unter denen mein braver Magister der Präsident ist.“


weisflog quellnymphe muskau5 hermannsbad


„Bernhard! Du hättest sehen sollen, wie dankbar gestern der arme, genesene Familienvater im Park seine Krücken in die Erde pflanzte und darum die Blumenranken band, die nun hoch darüber hinweg wuchern. Du hättest sehen sollen, wie das liebende Weib mit den unschuldigen Kleinen den Ernährer von hier abholte in’s neue, fröhliche Leben der Heimath, Du hättest den Jubel und die Thränen sehen sollen, die sie dem Seegenquelle und dem Herrn weihten, der ihn den Leidenden geöffnet.“

„Dem Herrn weihten, der ihn den Leidenden geöffnet“ über derlei Werbung kann man nun weiß Gott nicht klagen! – Wir überspringen – aus dramaturgischen Gründen – eine Episode, die wir für einen effektvollen Schluß brauchen, und schließen Details an, die der Baron beobachtete, als er sich „zu zerstreuen suchte, bald hier, bald dort, am liebsten im Anschauen des Merkwürdigen, was das gräfliche Schloß hier fasset; das, lieber Bruder! das wirst Du in der Ordnung finden.“ ("Und willst du nicht mein Bruder sein ...")

„Wen sollte auch dieses Merkwürdige nicht fesseln? – Dieser Napoleon, gemalt von Le Brün, dem der Exkaiser selbst gesessen? Diese Porträts der Helden des dreißigjährigen Krieges, zu jener Zeit starr und treffend nach dem Leben gemalt? Diese Menschenhyäne, Tilly; dieser eiserne, vornehme Wallenstein, dieser welsche Molch, Piccolomini; dieser stattliche Pappenheim? Und dann dort jener Carolus quintus in der frommen Abspannung seiner letzten Tage? Dieses Zimmer mit den chinesischen Götzenbildern und Pagoden?
Hier umfängt Dich ein sonderbares Licht, das durch die prächtige Glasmalerei der Fenster dämmert, und dabei der herrliche Franz von Sickingen, von Albrecht Dürer und Ignaz von Loyola, Karl der Fünfte köstlich in Glas gemalt, fünf Fuß hoch, auf dem Throne sitzend, im Mantel brennender Kohlengluth. Dort erblickst Du eine schätzbare Sammlung alter Gefäße von Rubinglase, und eine seltene Kugel von Carthagischem. Und im alterthümlichen Saale mit Stuck und meisterhaften Lünetten voll althistorischer Freskobilder siehst Du den ungeheuersten Kronleuchter von Bronze, unter dem die Landvoigte zu Zeiten Amt gehalten. Doch mehr als all dieses und tausend Anderes, was ich nicht anführen kann und mag, um keinen Katalog zu schreiben, stärkt und labt der Anhauch des überall waltenden Geschmacks und der Kunst, und alles durchduften und verschönern meine Lieblinge – die Blumen.“

Wir kommen zu dem aufgesparten Kapitel, in dem der Blumenliebhaber Carl Weisflog, Schöpfer des „Zwiebelkönigs Eps“ und der „Gnomenfürstin Fintasch“, den Baron Emil in der Muskauer Schloßbibliothek (ausführlich beschrieben in „Die Bibliothek des Fürsten Pückler“) die Entdeckung machen läßt, die seine Seele öffnet und in der Folge alles, alles zum Guten wendet.


weisflog quellnymphe muskau bibliothek1 froissart chronique      weisflog quellnymphe muskau bibliothek2 froissart miniatur      weisflog quellnymphe muskau bibliothek3 froissart initiale


„Es ist wahrscheinlich, daß in London, Paris, Rom, Wien, Berlin, etwas mehr Bücher angehäuft sind als hier; aber für mich, so wie für jeden gebildeten Badegast, ist die hiesige Bibliothek interessanter als jene, eben, weil sie hier ist, und gerade des Schönen und Guten genug enthält, um ein ganzes Badeleben zu würzen. Ich schweige von der trefflichen Kupferstichsammlung, von den vielen tausend wohlgeordneten Holzschnitten, unter denen mehrere von Albrecht Dürer; von dem Jakob Böhme mit seinen sieben Himmeln, von dem chinesischen Wörterbuche und anderen Curiosis. Allein, daß hier das allerköstlichste Manuscript, ein wahrer Leckerbissen für den eigensinnigsten englischen Bibliomanen zu finden, das mußt Du erfahren. Es ist die Geschichte des Krieges, der in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, zwischen England und Frankreich ausbrach, von Froissard, ein Prachtwerk, dessen Aeußeres schon, karmoisinrother Sammet mit goldenem Schnitt und stark vergoldeten Beschlägen und Schlössern, Ehrfurcht einflößt. Aber noch mehr Ehrfurcht, Staunen und Bewunderung erregt der Inhalt dieses handdicken Folianten, der in sieben Büchern auf Pergament geschrieben und gemalt, in einem Provenzalischen Kloster auf den reinsten Pergamentblättern des größten Imperial-Formates, außer den Millionen zierlichsten Buchstaben, von denen nicht ein allereinziger verschrieben oder verunglückt ist, und außer den unzähligen bunten, goldenen und silbernen Initialen und Marginal-Arabesken, sechshundert Miniaturgemälde enthält, die an Zeichnung und Erfindung meisterhaft, aber an Farbenpracht schlechterdings unübertrefflich sind. Wahrlich, wenn man diese lebendige, beinahe blendende Frische eines Werkes betrachtet, dessen Schöpfer seit dreihundert Jahren kein Zahn mehr wehthut, so kann man sich der Bewunderung der Kunst und des eisernen Fleißes eines Zeitalters nicht erwehren, das wir das finstere nennen. Alles ist an diesem Froissard edel und groß, und wenn es wahr ist, was Aristoteles sagt: daß die Schönheit und Größe auf Ordnung beruhe, so kann dieses Werk mit Recht ‚ein schönes’ genannt werden.
Doch das ist nicht alles, auch nicht das Convolut Original-Briefe des ermordeten Schweden-Königs Gustav des Dritten, auch nicht der Riesen-Erd- und Himmels-Globus von beinahe drei Fuß Durchmesser, was jetzt meine Seele hier gefesselt, und meinem Dichten und Trachten, meinem ganzen Leben eine Richtung giebt, die ich, zaghaft noch nicht bis zu Ende zu gehen wage. Es ist – wie schon gesagt – ein unscheinbarer, bestaubter Foliant, in welchem seit Menschengedenken niemand gelesen haben mag.“

Und nun kommt endlich, was ganz oben längst angedeutet ist: Emil entdeckt die Quellnymphe und woher die Grünauer ihre wundertätige Quelle haben. -
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Der Rest ist schnell erzählt. Die listigen Anschläge der schönen Alphonsine, vor allem anderen aber die Bäder zu Muskau, waren von durchschlagendem Erfolg. Für Emil, den Baron, und seine Lieben gibt es ein rundum fröhliches Wiedersehen in Grünau. Emil, so gut wie nagelneu, findet zur unsterblich Geliebten zurück; die beiden heiraten (vermutlich; nicht nur im Film wird beim Happyend gewöhnlich abgeblend’t ...) und leben glücklich und so weiter; und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heut’; der Baron lebt sicherlich noch, weil er ja in den Muskauer Bädern war. Doch bevor sich die jungen Leute – auch dem Freund und Bruder Bernhard hängt plötzlich ein junges Weib, nämlich das Cousinchen Julie, am Degenarm – ernsthaft ans Glücklichsein machen, segnen sie noch „so recht aus vollem Herzen die Großen, die Gut und Habe, Geist und Kraft dem Wohle ihrer Unterthanen und den Zeitgenossen und Nachkommen opfern“ und rufen herzhaft gen Grünau:
      „Ueber’s Jahr wieder hier! Wir alle!
Ja, Alle! – setzte Bernhard lächelnd hinzu – wenn nicht kleine Umstände dazwischen kommen, und Alphonsine und Julie neigten die von sanfter Gluth überflogenen Wangen hinab zu der duftenden Hesperis matronalis.“

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pueckler weisflog quellnymphe muskau album wied4 eichsee      pueckler weisflog quellnymphe muskau album wied5 hermannseiche      pueckler weisflog quellnymphe muskau album wied6 schlosswiese


Nachdruck von acht ausgewählten Ansichten aus einem altkolorierten Album, das um 1870 bei M. Ahner, Muskau, erschien. Das Original enthält eine Widmung an Prinz Friedrich der Niederlande, Standesherr zu Muskau von 1846 bis 1881. Es stammt aus dem Nachlass der Marie Fürstin zu Wied, der Tochter des Prinzen. Ihr Nachlass wurde 1967 auf Schloss Monrepos bei Neuwied versteigert. Das Set kann für 6 Euro über den Buchhandel oder den Freundeskreis „Historica“ Bad Muskau e.V. bezogen werden.

(06./07.02.2010.)

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