Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt
Der Graf als Kuppler
Von Bernd-Ingo Friedrich

Agnes von Pückler, wie Leopold Schefer sie sah
Es wird viel geschummelt, geschönt, geschwindelt und erfunden, um dem Touristen/ Leser/ Konsumenten Dinge schmackhaft zu machen, die ansonsten ziemlich bitter wären. Das ist schade, denn das Leben schrieb und schreibt noch immer die besseren Geschichten. Auch unsere Geschichte der großen, „unglücklichen“ Liebe Leopold Schefers zu der Komtesse Agnes von Pückler hat einen - allerdings unbeabsichtigten - Schönheitsfehler, dessen Korrektur ein interessantes, wenn auch kein schönes Licht auf Schefers Freund, den berühmten Fürsten, damals noch jungen Grafen Hermann von Pückler wirft.
Friedrich von Oppeln-Bronikowski schrieb über den Fürsten: „In der Tat eine komplizierte Natur mit bestechenden Eigenschaften und vielseitigen Gaben, ein Mann von hoher europäischer Kultur und künstlerischem Geschmack, aber auch mit höchst unsympathischen Zügen behaftet, von unausgeglichenem, widerspruchsvollem Wesen, das nur durch das Band der Eitelkeit zusammengehalten wurde, bei aller Weichlichkeit ein Draufgänger und Duellant, als Jüngling von tollkühnem Schneid und noch in reiferen Jahren den Abenteuern und Gefahren einer langen Orientreise trotzend, ein Mann, der den Mut zur Originalität hatte und die Philister dreist herausforderte, aber zugleich kriecherisch vor allen Größen, den politischen wie den geistigen, den reaktionären wie den liberalen, ebenso erpicht auf Titel und Ordenssterne wie auf gute Rezensionen, dem jedes Mittel recht war, aalglatt und skrupellos, Don Juan und Mephisto in einer Person“; „eine Figur aus einem italienischen Intrigenstück.“1
Im folgenden lernen wir den "Mephisto" Pückler ein wenig kennen.
Die Entwicklung des Verhältnisses von Leopold Schefer und Agnes von Pückler haben Bettina und Lars Clausen ausführlich und sehr einfühlsam in Zu allem fähig beschrieben.2 Vom ersten Keimen des zarten Pflänzchens Liebe bis zu seiner brutalen Vernichtung begleiten den Leser dabei Tagebucheinträge Schefers, Gedichte von und an Agnes, Kommentare, Beispiele. Es ist also nicht nötig, hier alles, womöglich schlechter, zu wiederholen. Lyrisch verdichtet findet es sich außerdem im Begleitheft der 22 Lieder von Leopold Schefer. Was beiden allerdings fehlt, fand sich auf der Rückseite eines schmuddeligen Notenblatts. Es ist bezeichnet "Per Uso di Sakontala. dei miei", und da steht (schwer) zu lesen:
„Abend war sie so heiter. Sonntag schrieb ich ihr, und bat sie mir zu sagen, wo ich sie allein finden könnte? Sie hatte sich nicht verbergen können. Jhre tiefste Seele hatte sich verrathen, der Bruder hatte es ihr endlich, es gesagt: er gehe zu mir. Gott Hermann, was thust du: Das war um zwey Uhr (März). Ich mußte mit ihm in dem entsezlichsten Wetter fort. Er entdekkte mirs. Er beneide mich. Er billige es. Sie sei nicht nach Reichthum und Stand, sondern nach einem Herzen nach einer Liebe wie meiner. Was sie umfasse das werde sie ewig halten. er rathe mir Vorsicht, und Mässigung [unleserliches Wort], Beherrschung der sinnlichen Begierden – und so möchten wir glükklich seyn. Jch hatte keine Worte, ganz spät führte er mich zu ihr. +++ welche Nacht bey ihr, o bewahre das Geheimnis ewig meine Seele. Wie soll ich ihm alles vergelten. sprach sie zu mir.“3
Diese aufschlußreiche biographische Notiz, kaschiert als Szene aus Madonna Laura4 , enthüllt Hermann von Pückler als den „Kuppler“ seiner Schwester. Daß er dem Jugendfreund die Schwester nicht lassen würde, war allen Dreien klar, nur: Die Verliebten verdrängten es, dem Mittler war das Ganze Mittel zum Zweck. Was er damit bezweckte, ist unschwer zu erraten: Er gedachte wohl, seine Männerfreundschaft zu befestigen und sich gleichzeitig der Dienste des zu allen Dingen geschickten und überaus fähigen Jugendfreundes zu versichern. Daß dies letztlich schief ging, steht auf einem anderen Blatt. Die Schwester jedoch wurde standesgemäß verheiratet, wie geplant. Sie dankte es ihrem Bruder nicht – wie auch! Am 6. Juli 1817 beklagte sich Pückler in einem Brief an seine Frau Lucie über seine gegen ihn intrigierende Verwandtschaft. Darin wunderte sich der Frauenkenner mit einer frappierenden Naivität über seine jüngste Schwester: „A la tête der feindlichen Phalanx steht meine älteste Schwester; meine Mutter, die sanfte Agnes (wer sollte es glauben!) und der junge Max folgen in geschlossener Reihe hinten nach.“
Mit der Zwangsverheiratung seiner Schwester hatte er überdies den Grund für jene Lieblosigkeit Agnes’ gegenüber ihrem Sohn – seinem designierten Erben - gelegt, die er wiederum verwundert und zugleich befremdet in einem Brief vom 15.1.1823, ebenfalls an Lucie, konstatierte. Dabei war es seiner Mutter aus dem gleichen Grunde schon mit ihm so ergangen.
So entstehen tragische Geschichten!
Und Gedichte ...
Das Himmelsthor
Von Agnes von Pückler
Auch mir einst stand es offen
Der Jugendträume Wunderland!
Was wagt’ ich nicht zu hoffen,
geleitet von der Liebe Hand.
Zwar hält mich wohl noch immer
Wie sonst, die liebe, treue Hand,
Doch – von des Lebens Schimmer
Mir einer nach dem andern schwand.
Dunkler wird’s schon um mich her,
Fragend schaut der Blick empor –
Sieh, da strahlt das Sternenheer!
Wölbt sich mir das weiße Thor!
Geduld, du zagendes Herz!
Auf Erden ist die Heimath nicht –
Bald endet Leben und Schmerz!
Dann wandelt sich Nacht in Licht!
(Undatiert, wohl um 1835. Agnes’ Gedichte wurden Leopold Schefer nach ihrem Tod 1837 zugesandt. Er veröffentlichte sie 1843 in dem Almanach Roswitha.5 )
Anmerkungen
1 Oppeln-Bronikowski, Friedrich von: Liebesgeschichten am Preußischen Hofe. Mit 32 Bildtafeln. Berlin-Leipzig: Gebrüder Paetel 1928; S. 207 u. 188.
Was eigentlich verwunderlich ist: bislang hat sich noch kein Psychologe an dem Fürsten Pückler versucht; dabei bieten gerade seine Biographie und Persönlichkeit, die man heute wohl mit dem Begriff „borderliner“ am ehesten erfassen würde, für eine Analyse reichlich und vor allem hochinteressantes Material.
2 Clausen/Clausen, Bd. II, S. 333-383.
3 Ms. in der OLBdW Görlitz, Leopold-Schefer-Nachlaß 43.b. Undatiert, wohl 1817. S. auch Nr. B.V.25 im Verz. der musikal. Werke von Leopold Schefer in: Deyer/Friedrich, S. 159 u. Abb. hinterer Vorsatz.
4 S. Clausen Bibl., S. 20f.
5 „Gedichte von Agnes Gräfin von Pückler, jüngsten Schwester des Fürsten von Pückler-Muskau“. Mitgetheilt von Leopold Schefer.“ In: Roswitha. Almanach der Schönheit und Tugend geweiht von Chlodwig. Zweiter Jahrgang 1843. Guben: Druck und Verlag von F. Fechner; S. 229-240.
(5.7.2007)
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