Fürst Pücklers Rechtschreibkunst
Von Hans-Hermann Krönert
Erweitert um zwei erotische Fundstücke

Pückler, der schreibgewandte Fürst, der zehn Bücher in 29 Bänden schrieb und ein Bestsellerautor des 19. Jahrhunderts war, hat es schon lange gewusst, wie man es nun im neuesten Duden schreibt: "Gräuliche Zustände" schildert er in seinem letzten Reisebuch Die Rückkehr, und er benutzt eben das Hauptwort "Gräuel" – und nicht "Greuel", wie wir es dudenhörig jahrzehntelang zu schreiben hatten. Denn der Fürst, der noch keinen Duden kannte (das Wörterbuch wurde erst 1880, neun Jahre nach Pücklers Tod, von eben diesem Konrad Duden veröffentlicht), führte das Wort korrekt auf das Grundwort "grauen, grausen" zurück.
Wir lernten noch in der Schule, dass drei Mitlaute vor einem Selbstlaut nicht in Frage kommen. Lange vorher schrieb der Schriftsteller "Schifffahrt" mit drei f. Das nennt man vorweggenommene Rechtschreibreform! Wir wollen gerecht sein: Pückler schrieb auch "Brod" und "thun" und "Theil", oder gar manchen Ortsnamen in seinen Reiseschilderungen nach dem Hörensagen, so dass heutige Forscher ihre liebe Mühe haben, ihn zu bestimmen.
Pückler hat sich als Sprachmittler erwiesen. Das Wort "Sport" hat er aus dem Englischen in die deutsche Sprache eingeführt; Sprachkundler wie Hermann Paul (Deutsches Wörterbuch, Tübingen, Niemeyer 1992) haben es in Pücklers Buch Briefe eines Verstorbenen erstmalig für 1828 dingfest gemacht. Auch das Wort "Pony" hat Pückler nachweislich erstmals in deutscher Sprache benutzt. Inzwischen ist ja die Übernahme englischer Wörter ins Deutsche Legion. Darunter ist auch eines, das der Schriftsteller Pückler schon 1839, vor rund 170 Jahren! verwendete: „Das Amüsanteste war nach Konstantinopel 'shopping' zu fahren“, schrieb er – und damals war das keineswegs so bekannt und üblich wie in unserem Zeitalter der Supermärkte und Shopping-Center.
Auf einigen Säulen ägyptischer Ruinen, die Pückler besuchte, steht fehlerhaft "Pükler" eingemeißelt. Er ließ es stehen. Nahm er’s doch mit dem eigenen Namen nicht so genau. "Herrmann Pückler" schrieb er unter das Porträt, das ihm Moritz Daffinger in Wien malte, und das Doppel-r steht auch unter den Briefen, die er an die Schriftstellerin Eugenie Marlitt in Arnstadt schrieb. Wie betrachtete er solche Dinge? „Reizende Fehler sind es, die man immer allein liebt – Vollkommenheiten sind stets langweilig, besonders auf die Länge“, heißt es in einem seiner Briefe. Aber uns Journalisten werden solche reizenden Fehler stets angekreidet. Es ist nicht zu leugnen: Zu große Vollkommenheit ist wohl allen Sterblichen ein Gräuel.
(28.02.2008)
*
Zu den Fundstücken: Diese sind dem „Alten Herrnhutischen Gesangbuch“ entnommen und wiedergegeben in: Tutti Frutti. Aus den Papieren eines Verstorbenen. Erster Band. Stuttgart, Hallberger’sche Verlagshandlung. 1834. S. 81f. und 82f. - Pückler pflegte intime Mitteilungen französisch zu verfassen; derb-erotische Passagen in seinen Büchern chiffrierte er, indem er sie in griechischen Buchstaben, spiegelverkehrt oder auf andere, das Lesen erschwerende Art setzen ließ.
* Das HOCHZEITSLIED Nro. 1990
Wird eine Gnaden-Esther
Und nach dem Leibe Schwester
Das Bundeslied gewahr,
So schließen sich die Sinnen
Und sie wird heilig innen,
Daß Gottes Sohn ein Knabe war.
Ihr heiligen Matronen,
Und ihr in Ehethronen
Um Vize-Christen seid,
Ihr ehrt das theure Zeichen,
Daran sie Christo gleichen
mit inniger Gebogenheit.
Ihr geheimnisvolles Glied,
Das die ehelichen Salben
Jesu halben
Heilig gießt und keusch umfät
Im Gebet,
In dem vom Erzerbarmen
Selbst erfundenen Umarmen
Wenn man Kirschensamen sät, -
Sei gesegnet und gesalbt
Mit dem Blut,
Das unserm Manne
Dort entranne
Fühle heiße Zärtlichkeit
Zu der Seit,
Die für Lamms Gemahlin offen
Seit der Speer hineingetroffen,
Das Objekt der Eheleut.
** Das EHELIED Nro. 2114
Knäblein, dein männliches Wesen
Ist mir Armen zum Genesen,
Daß ich als ein Streiter Knabe
Theil an deiner Kindheit habe,
Deine heil’ge erste Wunde
Salbe mich zum Ehebunde,
Auf dem Gliede meines Leibes,
Das zum Nutzen meines Weibes
Und das purpurrode Öle
Fließ aus meiner Priesterhöhle
Und sie recht geschicklich mache
Zu der Prokuratorsache
Daß ich meine Theure riebe (theure Riebe)
Mög umfassen meine Liebe,
Damit dann mein Weib umfangen
Als es dir zur Seit ausgangen
Zu dem blut’gen Liebesschmerze,
Segne ich mein Eheherze,
Und das Blut der ersten Wunde
Macht das Öl beim Ehebunde.
**
Hans-Hermann Krönert, geboren 1935 in Stadtilm/ Thüringen, Sohn eines Hufschmiedemeisters, Abitur in Arnstadt, kam nach dem Journalistikstudium in Leipzig 1957 nach Cottbus, war Redakteur bei der Lausitzer Rundschau und 1965 bis 1992 Cottbus-Korrespondent der Zeitung Neues Deutschland. Er war Vorsitzender der Gesellschaft für Heimatgeschichte im Cottbuser Kulturbund der DDR, ist Mitglied der Niederlausitzer Gesellschaft für Geschichte und Landeskunde und des Historischen Heimatvereins Cottbus. Krönert war ehrenamtlicher Redakteur des Cottbuser Heimatkalenders von 1987 bis 2007 und ist dessen Beiratsmitglied. Für seine 20jährige Kalenderarbeit, den Entwurf eines Cottbuser Heimatlexikons und seine Pückler-Publikationen wurde er 2006 mit der Ehrenmedaille der Stadt Cottbus ausgezeichnet. Seit 1998 lebt er in Peitz.
Seit 1958 beschäftigt sich der Autor u. a. mit den Veröffentlichungen von Hermann von Pückler-Muskau. Arbeiten von dem und über den Muskauer und Branitzer Schriftsteller sind zu finden in den Werken: Bildband Cottbus (mit Fotos von Erich Schutt, Leipzig, Brockhaus 1979); Kleine Bettlektüre für alle, die Cottbus und den Spreewald lieben (Bern/ München, Scherz Verlag 1992); Lausitzer Miniaturen 1-4 (Cottbus, Regia Verlag 1996-2005); dem illustrierten Band Der tolle Pückler (Regia Verlag 2002); Fürst Pücklers Sprüche (mit Illustrationen von Peter Müller, Regia Verlag 2006) und Fürst Pückler – Krimi & Humor (Regia Verlag 2007).
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