Hermann Fürst von Pückler-Muskau als Schriftsteller in Ägypten
Von Peter Milan Jahn
Der folgende Aufsatz erschien 2004 in den Kairoer Germanistischen Studien.* Um die darin enthaltenen, größtenteils aus Archivmaterial gewonnenen, neuen Erkenntnisse zur Biographie und schriftstellerischen Tätigkeit des Fürsten Pückler einem größeren Interessentenkreis zugänglich zu machen, wird er hier noch einmal veröffentlicht; siehe dazu auch Anmerkung 1. Der umfangreiche Anmerkungsapparat ist auf der Website http://pueckler.kulturpixel.de/artikel/15 untergebracht, so daß er in einem zweiten Fenster mitgelesen werden kann. Der Artikel korrespondiert mit dem Artikel "Fürst Pückler auf Reisen" auf
http://kochbuch.kulturpixel.de/artikel/126.
* Kairoer Germanistische Studien. Jahrbuch für Germanistik. Bd. 14. Hrsg. Cairo University/ Facult of Arts - German Department/ EG - 12211 Giza/ EGYPT. Kairo 2004; S. (227)-262. Die Seitenzahlen der Studien sind mit eckigen Klammern in den Text gesetzt.

„... und was ist am Ende unsre eigne Konversationslexikonsgelehrsamkeit bei einem Leben wert, das meistens so tatenlos wie das einer Kohlpflanze verstreicht? Damit kommt man weder in den Himmel, noch in die Hölle, noch in den Tempel des Nachruhms.“ (Aus Mehemed Alis Reich, 1844)
[227] Die mehrjährige Weltreise des Fürsten Pückler durch den Orient kulminierte im Jahre 1837 in Ägypten. Er selbst fühlte, im 52. Lebensjahr, dass er jetzt oder nie noch alles sehen und erreichen könne, was die Welt zu bieten hat. Nachdem er in den drei zurückliegenden Jahren bereits die Pyrenäen, die Beduinen in Nordafrika sowie das klassische Griechenland bereist hatte, war er davon überzeugt, dass ihn „jetzt aber erst die wahren Weltwunder erwarten“ 1 würden.
[228] Einem Konversationslexikon für die gebildete Damenwelt war im gleichen Jahre zu entnehmen, dass Pückler als der „bekannteste deutsche Schriftsteller neuester Zeit“ gelten dürfe. 2 Wenngleich sein Ruhm schon bald verblasste, entwickelte Pückler sich zu einem der auflagenstärksten deutschen Schriftsteller, mit dessen Einkommen aus diesem Gewerbe angeblich nur Goethe konkurrieren konnte.3 Der literarische Ruhm des schreibenden Fürsten beruhte auf den Briefen eines Verstorbenen, einem Reisebericht aus dem England der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts. Aber auch sein heimatkritisches, eigennützig polemisierendes Potpourri Tutti Frutti, das 1834 beinahe zum Zeitpunkt seines Aufbruchs zur langen Reise erschien, wurde landauf, landab „zu Hunderten in allen Blättern“ zitiert und rezensiert.4
Allerdings wollte sich trotz des literarischen Ruhms bei dem Fürsten Pückler das Glück nicht richtig einstellen. Es fiel ihm nach wie vor schwer, sich auf seinem Hauptsitz in Muskau zu Hause zu fühlen, da unendliche, [229] ererbte Schulden den alten Familienbesitz belasteten, den zu erhalten ihm sein Vater nie zugetraut hatte. Seine eigenen Verschönerungs- und Parkleidenschaften verschärften das finanzielle Defizit, die „ewige Geldnot“ noch, indem auf diesem Wege die Mitgift seiner Frau bereits verzehrt war. Inmitten der bürgerlichen Zeitenwende, die seinen bäuerlichen Untertanen die persönliche Freiheit versprach, hatte er sich überdies in kleinliche Eigentumsprozesse verstrickt, die er vor den preußischen Behörden regelmäßig verlor. Enttäuscht vom Vaterland und seiner unterdessen geschiedenen Ehe, ohne Erben und ohne Aussichten auf eine neue, reiche Frau, die er in England nicht hatte finden können, kehrte er der Heimat begeistert den Rücken. Das Reisen sah er unterdessen schon als seine kongeniale Lebensform an, die ihm „den Stoff“ zum Schreiben lieferte, von dem er seinen fürstlichen Unterhalt bestreiten könne. Weil ihm die Fähigkeit „Romane aus der Luft zu greifen“, also von sich selbst zu abstrahieren, fehlte5, sah er sich sogar von seiner „Reiseabsicht oft genötigt“ echte Gefahren aufzusuchen und ihnen regelrecht „entgegen zu gehen“ 6.
In Ägypten, das seinen Absichten als Autor durchaus entgegen kam, gestalteten sich seine Reiseerlebnisse allerdings widersprüchlicher und dramatischer, als er es selbst erwartet hatte. Einerseits wurde er als bekannter Schriftsteller vom Staatsoberhaupt Mehemed Ali höchstpersönlich in den glänzendsten Palästen und blühendsten Parks Alexandriens und Kairos hofiert, deren Pracht und „Grandiosität“ in „überirdischem“ Klima ihm geradezu die Sprache verschlug. Andererseits sah er sich am Mittellauf des Nils zeitweilig mit Strapazen und Entbehrungen konfrontiert, wie sie angeblich noch kein wendischer Bauer in seiner Herrschaft Muskau zu ertragen gehabt hätte. War er bei seiner Ankunft in Alexandrien am 1. Januar 1837 auf einer Brigg Mehemed Alis noch vom kommandierenden Admiral der ägyptischen Flotte mit allen Ehren – zufällig wie ein Staatsgast an einem türkischen Nationalfeiertag – so empfangen und mit Aufmerksamkeiten überhäuft worden, dass er „in Extase“ schwelgte, wie er seiner Frau gestand7, wurde er nur ein halbes Jahr später am Oberlauf des Nils in aller Einsamkeit von Fieber- und Ohnmachtsanfällen heimgesucht.
[230] In jeder Situation aber schrieb er ununterbrochen und in Ermangelung eines geeigneten Sekretärs eigenhändig an neuen Manuskripten, im guten Glauben noch, das sein literarischer Stern im Steigen begriffen sei. Seine Reisebeschreibungen vom Atlas und der nordafrikanischen Küstenregion waren zwar schon verlegt und bezahlt, aber er selbst noch ohne Nachrichten in dieser Angelegenheit, von der er sich den größten Erfolg vor allem in finanzieller Hinsicht versprach (Semilasso in Afrika, fünf Teile, Stuttgart 1836 - 1445 Seiten!).
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Obwohl just im Juni 1837 die Dampfschifffahrt auf der Linie zwischen Marseille und Kairo eingerichtet worden war, waren die Briefe an ihn dennoch mehr als ein Vierteljahr unterwegs. Auf dem Nil, in Richtung Nubien und Äthiopien, war er für ein halbes Jahr von jeder Kommunikation mit der Heimat abgeschnitten, ihr tatsächlich abgestorben, wie sein Pseudonym besagte (Aus den Papieren eines Verstorbenen). Unter diesen Umständen mußte er, nur belesen in der landeskundlichen Literatur, seine ehrgeizigen Ziele völlig autonom bestimmen. Da er es im vierten Jahr seiner ursprünglich nur auf drei Monate konzipierten Reise schon „längst aufgegeben“ hatte, „feste Pläne für irgend etwas zu machen“ 8, brauchte er eigentlich nur dem „Vater Nil“ so weit als möglich flußaufwärts zu folgen – „eine bequemere, gefahrlosere, interessantere, u. anmutigere Reise“ wäre nicht zu machen, wie er zunächst noch glaubte.9
Seit dem Feldzug Napoleons im Jahre 1799 waren nahezu vierzig Jahre vergangen und Ägypten in Europa keine terra incognita mehr. Auf des Feldherren Veranlassung publizierten die Gelehrten und Künstler in seinem Gefolge ihre archäologischen Befunde und landeskundlichen Eindrücke; ein verlegerisches Mammutprojekt, das auf dem gesamten europäischen Kontinent Beachtung fand. Das Verständnis der altägyptischen Bilderschrift hatte durch Champollion, den Pückler mehrfach zitierte und dessen Werke er mit sich führte, bereits große Fortschritte gemacht. Mit den Publikationen englischer und französischer Forschungsreisender – Pückler nennt u.a. Caillaud, Linant, Wilkinson, Denon, Belzoni, Hay – sowie mit altgriechischen Berichten war er [231] bestens vertraut, zumal er auch auf Reisen das Lesen und Studieren nie aufgegeben hatte. Angesichts der trockenen wissenschaftlichen Bestandsaufnahmen und einer Vielzahl anderen, nach dem „Maßstock“ verfertigten „Werken unermüdlicher Aufzeichner, Abschreiber und Kompilatoren ohne alle eigene Kritik und Gedanken“ meinte er, mit seiner anschaulicheren, eloquenteren Art und unmittelbaren Methode eine Marktlücke für das breite Publikum gefunden zu haben. Mit Hilfe seiner „regellosen, der Phantasie und dem Eindruck des Augenblicks sich gern hingebenden Erzählungsart“ 10 beabsichtigte er auch von der „unsterblichen Kunst“ Ägyptens „dem Leser einige allgemeinere, mehr den Haupteindruck schildernde Bilder ... anschaulich zu machen“ 11. Am Oberlauf des Nils sollte er dabei, einen Schriftsteller „spielend“, so weit nach Süden vordringen, wie es „allen pedantischen Perrücken vom Metier bisher unausführbar“ erschienen sei.12 Sein Ziel war es unterdessen natürlich nicht, systematische Forschungsarbeit zu leisten, „wozu große Vorarbeiten, viel Hilfe und ein langer Aufenthalt nötig“ wären, wie Pückler selbst wußte. Seine vorsätzliche Flüchtigkeit und Nonchalance, seine schnell auf- und abebbende Begeisterung waren allerdings die besten Voraussetzungen für einen populären „Reisebeschreiber“, wie er es gern werden wollte. „Wer so viel Vergnügen an der Freiheit findet wie ich, und sein Leben aus eigenem Antrieb zu einem bunten Spaziergang durch die Welt gemacht hat“, textete er für seine europäischen Leser ein Jahr zuvor aus Algier, „der dankt dem Himmel, wenn man ihn zu Hause nicht gebraucht“.13
Dabei hatte er an den preußischen Staatsdienst gedacht; weniger an seine Angehörigen und Beamten in Muskau, die sich in Unkenntnis der wahren Verhältnisse stets „in großer Sorge wegen Höchstdero Reise unter wilden Menschenherden“ befanden.14 Ihr Herr allerdings war stolz darauf, wie er seinem Halbbruder schrieb, dass er bereits seit Jahren „wörtlich und ganz [232] von seiner Hände Arbeit“ leben könne15, weil die Tantiemen voraussichtlich reichen würden, seine Reisekosten zu decken und er somit seinem Muskauer Rentamt nicht zur Last fiele. Er war also auch auf der Suche nach einem bürgerlichen Beruf, in dem er sich selbständig behaupten konnte. Ohnehin würde – neben Politikern und Industriellen – „neuerdings nur noch Schriftstellern öffentliche Aufmerksamkeiten und Ehren entgegen gebracht“, wie der altadlige Fürst im Rampenlicht seines literarischen Rufs erkannt zu haben glaubte. Viele andere Vertreter seines Standes machten damals ihr Glück in Zuckerrüben und Kartoffelschnaps oder bald auch schon als Politiker im Parlament.
In Sachen Literaturproduktion war Pückler von Februar bis September 1837 auf dem Nil unterwegs, die Flußfahrt unterbrechend nur für kurze Wüstenwanderungen und Exkursionen in die nähere Umgebung. Im alten Pharaonenland, das seine Vorfahren nur aus der jüdischen Überlieferung kannten, war er auf „Tempeljagd“ gezogen, wie er es mit stetem Hang zur Sensationslust nannte.16 Sein jugendlicher Freund, der Literaturrebell Heinrich Laube, dem er während seiner Abwesenheit in Muskau zu wohnen erlaubte, schrieb ihm wenige Tage vor dem Aufbruch zu diesem Abenteuer, dass „die Reisen von Durchlaucht jetzt so in’s Kolossale geraten“ würden, dass er „vor der Hand wie eine incommensurable Größe“ gehandelt würde, vor der sich die öffentliche Meinung in die Knie gezwungen sehe, und dass er geradezu dabei sei, sich zu einem echten „Literaturbegriff“ auszuwachsen.17 Ägypten bot ihm also auch eine geeignete Kulisse zur Arbeit am literarischen Mythos seiner selbst.
Der oberste Regent des Landes, Mehemed Ali, stellte ihm in aristokratischer Manier unentgeltlich zwei Nilschiffe („Kangschen“) sowie den Generalstabsarzt der ägyptischen Marine, der ihn auf seiner gesamten Reise begleiten sollte, zur Verfügung. „Alles, damit ich gut von ihm schreibe, denn es giebt viele vornehme Fremde hier, von denen er gar keine Notiz nimmt“, bemerkte Pückler, den sein Realitätssinn bei aller Begeisterung nie völlig verließ.18 Nachdem sich seine Mannschaft am 21. Februar 1837 [233] eingeschifft und Kairo verlassen hatte und nach drei Wochen Siut („Asyut“), die Hauptstadt Oberägyptens erreichte, lud Mehemed Ali Pückler sogar ein, seine „Barke eine Weile zu verlassen um mit ihm zu Lande zu reisen, eine hohe und höchst interessante Auszeichnung“, wie er fand, weil er unterdessen „viel Gelegenheit zu vertraulicher Unterhaltung mit ihm“ gefunden hätte.19 Die Schilderung dieser gemeinsamen Wüstenwanderung bis nach Keneh („Quina“) und die Fortbewegungsart des gesamten orientalischen Hofes gehört zu den interessantesten Kapiteln seines Reiseberichtes20 und zu den ihn auch persönlich ergreifendsten Erlebnissen. „Das Land durch das wir ziehen ist das schön angebauteste, was ich je gesehen“, schrieb er seinen Angehörigen in der Lausitz, „jedes Dorf mit einem Palmenwald umgeben, auf jeder Seite eine Gebürgskette, rechts die Lybier, links die Arabischen, und von Zeit zu Zeit erglänzen in der Sonne die Fluten des Nil. Der pittoreske Zug, das Wiehern der Pferde, das Gurgeln der Kamele, die fremden Trachten, und der merkwürdige Herrscher in der Mitte dieses Bildes, der mich mit der unausgesetztesten und herzlichsten Artigkeit wie seines Gleichen behandelt – muß wohl zu den eigentümlichsten Erinnerungen meines Lebens gezählt werden.“21 Nach seinem großzügigen Gastgeber, dem er sich „auf litterarischem Wege nützlich zu seyn“ fest vorgenommen hatte,22 benannte er später seine Reisebeschreibung Aus Mehemed Alis Reich. (Drei Teile, Stuttgart, bei Hallberger 1844. Erster Teil, Unter-Ägypten, 368; Zweiter Teil, Ober-Ägypten, 366; Dritter Teil, Nubien und Sudan, 344 Seiten.)

Kaum eine politische Persönlichkeit hat dem Fürsten Hermann von Pückler-Muskau je soviel Vertrauen, Sympathie und Aufmerksamkeit entgegen gebracht wie der Gründungsvater des neuzeitlichen Ägyptens, der „Vizekönig“ des Osmanischen Reiches Mehemed Ali (1769–1848). Als begabter Literat und Plauderer konnte Pückler mit dem orientalischen Regenten durchaus Schritt halten und fand an dessen gebildetem Hof die Anerkennung, die ihm das politische Preußen zeitlebens versagte. Auf seiner Reiseroute von [234] Algier nach Tunis, unter den „halsabschneidenden Beduinen“, hatte es Pückler bereits zu schätzen gelernt, dass sein gegenwärtiger Gastgeber in seinem Hoheitsgebiet „Ruhe, Ordnung und Sicherheit“ durchzusetzen verstand,23 die „in den Staaten Mehemed Alis nur momentan unterbrochen“, nicht aber völlig suspendiert werden konnten.24 Erst dadurch waren jene zu bereisbaren und zunehmend auch für die Altertumswissenschaft aufgeschlossenen Landstrichen geworden. Dass der Regent dabei oft mit eiserner Hand vorgehen und alle partikularen, separatistischen Strömungen im Keime ersticken musste, meinten europäische Kritiker dem „Despoten“ Mehemed Ali vorhalten zu sollen. Pückler hingegen bemühte sich, in geduldigen Gesprächen bei Tabak und Kaffee, die ihm nahezu exklusiv vergönnt waren, die politischen Motive und Ziele Mehemed Alis sowie die sozialhistorischen Umstände seines Gastlandes zu verstehen. Den europäischen Autor, der bereits in den Kategorien des „großen welthistorischen Zwecks“ dachte, beeindruckten schließlich stärker als alle Kritik am Führungsstil die Reformen und Erfolge Mehemed Alis auf dem Gebiet der Erziehung und Verwaltung, der Landwirtschaft, Industrie und Militärtechnik. Er ließ sich von der gerühmten Gastfreundschaft und mehr noch der Toleranz des Vizekönigs gegenüber fremden und andersgläubigen Fachleuten überzeugen, auf deren Mithilfe nicht zuletzt die sozialökonomischen Erfolge des erwachenden Industriestaates beruhten. Mehemed Alis historisches Verdienst läge darin, das alte Pharaonenland, zuvor ein verschlafenes Protektorat, „als wirtschaftlichen und handelspolitischen Wettbewerber in den Kreis der europäischen Nationen eingeführt“ zu haben, wie es ein deutscher Historiker später sah.25 Manche Beschreibungen aus seinem „Reich“ über die Einrichtung und Organisation von Fabriken, Schulen und Kasernen hören sich schon ausgesprochen modern an und waren zweifellos das Resultat monopolistischer Staatswirtschaft, ohne die damals keine schnellen und sichtbaren ökonomischen Erfolge möglich gewesen wären. Der „kluge Tyrann“, wie der Vizekönig aus europäischer Sicht zuweilen auch genannt wurde, strebte den sozialen und ökonomischen Fortschritt vor allem zur Legitimation und Durchsetzung der [235] staatlichen Autonomie gegen die Vorherrschaft des türkischen Sultans und die hegemonialen Interessen der europäischen Grossmächte an. Als Pückler Mehemed Ali im Jahre 1837 begegnete, befand der sich gerade im Zenit seiner politischen Macht und hatte weite Strecken am Oberlauf des Nils seinem Einflussbereich unterworfen. Daher konnte es der reiselustige Fürst riskieren, seine Exkursion entlang des Nils bis an den Rand der damals in Europa bekannten Welt auszudehnen.
Privilegiert durch einen Schutzbrief („Firman“) des Landesherren, der dem Schriftsteller bei allen lokalen Autoritäten („Kascheffs“) freundliche Aufnahme und faire, landesübliche Preise vor allem für Transportmittel garantierte, setzte er nach der gemeinsamen Wüstenwanderung bis Keneh über Theben (25. März) und Assuan (28. März) seine Reise wieder selbstständig und wieder zu Wasser fort. Unter Inspektion der geläufigsten Altertümer ward alsbald auch die Gegend bei Abu-Simbel („Abu Sunbul“) und Quadi-Halfa („Wádí Halfá“) an der Südgrenze Ägyptens erreicht (12. April), von wo aus Pückler die Nubische Wüste in Richtung Dongola („Dunqulah“) am Mittellauf des Nils erneut auf dem Landweg passieren musste. Auf Grund des knappen Wasserstandes zur extremsten Trockenzeit, in der er reiste, waren die Katarakte des Nils schlecht passierbar und zwangen die Karawane, ihren Weg am Wüstenrand neben dem Flußbett zu nehmen. Dabei kam es auch zu unmittelbaren Kontakten mit einheimischen Kindern, die die Reisenden mitunter „auf alle Art und Weise verspotteten“, da sie so weiße und seltsam kostümierte Menschen noch nie zu Gesicht bekommen hatten. Pücklers fremdartige Karawane bestand aus vier Europäern, zwei Arabern, einigen Afrikanern sowie sechs Dromedaren und zehn Kamelen. Die sechs Dromedare wurden von dem Fürsten, dem Doktor der Medizin, jeweils einem der zwei weißen Diener (dem Kammerdiener Ackermann und einem französischen Koch), einem Polizeisoldaten („Kawaß“) Mehemed Alis und einem sprach- und landeskundigen „Führer“ (dem Dragoman Giovanni) geritten. Auf den zehn Kamelen fand sich Platz für das Gepäck bzw. die „Effekten“ und die „übrigen Leute“ 26 im fürstlichen Gefolge – einige schwarze Sklaven, über deren genaue Anzahl nur unkonkrete und widersprüchliche Nachrichten vorliegen. Darunter – „um die Langeweile einer so weiten Wasserreise etwas weniger monoton zu machen“ – [236] mindestens eine junge Abessinierin, die Pückler wenige Tage vor seiner Abreise in Kairo „für eine ziemlich ansehnliche Summe erkauft“ hatte.27 Ein griechischer Page namens Jannis war beim Versuch, dem Fürsten eine seiner Pfeifen von einem Nachbarschiff zu holen, ausgerutscht und bereits auf dem ersten Reiseabschnitt vor Siut im Nil ertrunken,28 „eine Pfeifenspitze für 10 Thaler in der Tasche“, die mit ihm verloren gegangen sei.
Am 17. April 1837 erlebte diese reich gemischte Reisegruppe bei Samneh in der Nubischen Wüste mit 39 °C im Schatten den heißesten Tag ihrer bisherigen Exkursion ins Ungewisse. „Alles, was man anfaßte, war empfindlich heiß, das Metall glühend und eine Flasche Eau de Cologne, die ich in die Sonne legte, ward nach kurzer Zeit fast kochend“,30 bemerkte Pückler, und es sollte noch heißer werden. Bald sollte ihnen der Chamsin, der Südsturm, einheizen und die hölzernen Transportkisten austrocknen und zum Bersten bringen. Dabei dürfte es sich bewährt haben, dass er sich bereits auf Malta mit einem „Blechkasten für das Manuskript“ versehen hatte.31 Ein wenig entschädigt wurde der reisende Autor vor allem durch ein „wohlfeiles“ Leben, das der Abstand von der Zivilisation mit sich brachte. Für den Gegenwert zweier Franken hätte er ein fettes Schaf, vier Kannen Ziegenmilch, eine große wilde Ente und „zwei sehr nett geflochtene Sandalen aus Palmblättern“ kaufen können.32
Angekommen in Dongola, kamen dem Fürsten zwei Mitglieder der „österreichischen naturforschenden Expedition“ fieberkrank entgegen und warnten ihn vor einer Weiterreise in den Süden, da sie zu viele gesundheitliche Gefahren bergen würde. Dennoch plante er, entgegen ihrem Rat seine Reise auf dem Wasser fortzusetzen, zumal er noch längst nicht alle bekannten Altertümer gesehen hatte und ihm das heisse Wüstenklima ausgesprochen gut bekam, wie er seinem Freund Varnhagen von Ense in einem Brief vom 26. [237] April 1837 vom Originalschauplatz berichtete: „Märchenhafter giebt es kein Leben als das hiesige!“, schwärmte er, wie so häufig in seiner privaten Korrespondenz aus Ägypten, wobei seine euphorische Stimmung auch der glücklichen Gabe entsprang, sich fremder Lebensweise und Umgebung blitzschnell anzupassen und zu genießen, was sich darbot: „Gestern dinierte ich am Ufer des Flusses in Gesellschaft eines Nilpferdes, das, wie zu meiner Belustigung, eine Stunde lang mir in den seltsamsten Evolutionen alle seine Künste vormachte, und heute früh versuchte ich eine junge Giraffe zuzureiten, derengleichen man unbegreiflicherweise noch nie zu diesem Gebrauch abrichtete. Zwanzigerlei Antilopen, die großen Rebhühner der Wüste, wilde Enten des Nils, so groß wie Gänse, und zarte Turteltauben, deren man im dichten Laube der Mimosen zuweilen drei bis vier auf einen Schuß erlegt, fourniren meine Tafel, nebst vielen anderen, nur diesen Ländern eigenen Delikatessen, worunter den weißen Zucker- und roten Wassermelonen ein Hauptrang gebührt.“33 Er wäre aber auch „gescheidt“ genug gewesen, ältere Lebensgewohnheiten zu bewahren und sich extra aus Europa Champagner nachsenden zu lassen. Ein Bierglas voll, vielleicht des allerersten, „den ein Mensch in Dongola getrunken“ hat, nahm er auf die Gesundheit seiner zurückgelassenen, geschiedenen Frau zu sich, die bei dieser tropischen Hitze „wie Wachs zerschmelzen“ würde.34 Dieser erfrischenden Gedächtnisstütze wollte er, trotz islamischen Alkoholverbotes – als „Sultan der Ungläubigen“, wie man ihn insgeheim auch nannte35, – selbst in der Wüste nicht entbehren.
Gekleidet war er alltags in einen seidenen, vermutlich sehr bunten „Sommermantel“, der ursprünglich von seiner Frau als Schlafrock für ihn gedacht war; in weiße Hosen und gelbe Stiefel; „bekrönt“ von einer „rotseidenen Nachtmütze“ 36, die er gegen die sengende Hitze ebenfalls zweckentfremdet hatte. Dabei „dispensierte“ er sich vom Rasieren und Färben der Haare, so dass er mit „weißem Kopf und langem Bart“ und abgemagert wie ein „Hering“ durch die Wüste zog, „trotz der Krokodile fast täglich“ [238] im Nil badete37 und zur Jagd auf Giraffen, Straußen, Antilopen, Löwen oder Hyänen auszog: „Die Hitze bey den erwähnten Jagden ist zwischen 40 u. 50 in der Sonne, und zwischen 30–38 im Schatten. Geritten wird teils auf schnellfüßigen Dromedaren, teils auf feurigen dongolesischen Pferden… Schnucke, ich bin überzeugt, Du glaubst ich werde noch selbst zum wilden Tier in diesen Ländern“ 38, berichtete er seiner Frau wie so oft in koketter Manier; nicht mehr lange, und er würde sich tatsächlich als „treues Lou[‚Löwen’-]vieh“ unterschreiben.39
Derart gut gelaunt und beköstigt erreichte er erneut zu Wasser und bei ununterbrochenen Studien pharaonischer Ruinen Anfang Mai 1837 Meravi („Maravi“), wo er einen Teil seines Gepäcks und angeblich auch seine abessinische Sklavin beim lokalen Kascheff deponierte. Erleichtert, „unmittelbar aus einem erfrischenden Bade im Wasser des Nils“, brach er von dort am 11. Mai zu einem weiteren „Ritt durch die Wüste“ nach Schendy auf40, um den großen Mäander am Mittellauf des Nils auf dem Landwege abzukürzen. Wegen zunehmender Hitze zog man in der Kühle der Nacht von Brunnen zu Brunnen, da die Tagestemperaturen 40 °C im Schatten überschritten hatten, und jeder Europäer täglich „wenigstens fünf bis sechs Flaschen Wasser“ benötigte, „um den kaum je aufhörenden Durst nur einigermaßen löschen zu können“.41 „Der Wind kam direkt aus dem Süden und glühte, statt Kühlung zu bringen, wie aus einem Ofen. … Fast unbegreiflich ist es, wie trotz dieser Höllenglut die Eingeborenen ganz nackt, mit einem bloßen schmalen Gürtel angetan, hier aushalten können, den Kopf ohne jeden anderen Schutz als ihre langen Haare dem fürchterlichsten Sonnenbrande, die Füße ohne Sandalen dem kochend heißen Sande ausgesetzt“ 42, notierte Pückler, der zuweilen auch als einer der ersten ethnologischen Feldforscher angesehen werden könnte. Nie versäumte er es, trotz aller Widrigkeiten der Natur, trotz [239] gelegentlichem Kopfweh, Schnupfen und Husten, seine Beobachtungen über Land und Leute festzuhalten, gleichwohl sein Schreibpapier schon „brennen“ und seine Pfeife „nie erlöschen“ würde.43 „Der einzige kühle Gegenstand, den man finden konnte, war die eigene Haut …“.44 „Trotz allem lasse ich mich nicht ‚ermattet hinsinken’, reite, sehe, schreibe nach wie vor“, berichtete er seiner stets besorgten Frau.45
Nach neun Tagen schließlich, am Abend des 20. Mai 1837, erreichte die Karawane Schendy, den temporären Sitz des ägyptischen Generalgouverneurs im Sudan, wohin Mehemed Ali seinen Einflußbereich bereits ausgedehnt hatte. Nicht zuletzt auf Grund der Expansionspolitik seines Gastgebers, der aus jenen Regionen vor allem Sklaven in den Norden deportierte, konnte es Pückler riskieren, seine Nilreise in jene zuvor politisch instabilen und unsicheren Regionen fortzusetzen.
Von Schendy aus ließ es sich der selbst ernannte „Tempeljäger“ nicht nehmen, mit Hilfe einiger Leute des Gouverneurs eine Exkursion zu den damals noch sagenumwobenen Ruinen von Mesaourat („Musawwarât as-Sufrâ“) und El-Auvatep („Naq’a“) zu unternehmen. Diese völlig wasserlose Wüstengegend wurde von Nomadenstämmen bewohnt, „die bloß nominell, und auch dies nur zum Teil, unter der Oberherrschaft Mehemed Alis stehen, folglich noch alle Reisende als gute Beute ansehen“ würden.46 Weil man einen Überfall jederzeit für möglich hielt, wurde diese Reise auf den Rat eines Scheichs mit stets einsatzbereiten Waffen unternommen; gewiß ein hohes Risiko für eine Expedition, die Pückler „mehr dem egoistischen Genusse als dem Fleiße des Reisebeschreibers“ widmete. „Tödliche Ermüdung, fünfunddreißig Grad Hitze im Schatten des Tempels und eine brennender Kopfschmerz“ hätte ihn zu einer äußerst knappen verbalen Skizze gezwungen47 und haben dem „Genusse“ gewiss auch ihre Grenzen gesetzt. Nach Caillaud und Linant, die 1822 in französischem bzw. englischem Staatsauftrag reisten, war Pückler erst der dritte Europäer – „mein [240] Vaterland, weit entfernt, mir Aufträge zu geben“, wie er im Vergleich mit jenen bedauerte –, der die schwer erreichbaren Ruinen von Mesaourat betreten und beschrieben hatte. Gleich seinen Vorgängern glaube er sich berufen, in die Rückwand eines Tempels folgende Inschrift einmeißeln zu lassen: „Im Jahre 1837 unserer christlichen Zeitrechnung hat ein deutscher Reisender ... diese Ruinen besucht, gesandt durch seinen spiritus familiaris und mit der Absicht, so weit vorzudringen, als es ihm Vergnügen machen wird.“ 48
Ja richtig, bereits des Fürsten Pücklers reichsgräfliche Vorfahren in Muskau, die von Callenbergs, hatten zu christlicher Zeitrechnung auf ihren Kavalierstouren weite Teile Europas bereist und sicher auch nicht ohne Vergnügen. Dabei waren sie bemüht, im Auftrag ihrer Familie alte Kontakte zu pflegen und neue zu knüpfen, ihren kulturellen Horizont zu erweitern und sich ihrem gesellschaftlichen Stand zu akkommodieren. Was aber suchte Pückler im Staub der Wüste, geführt von Arabern, bei den Ruinen Pharaos? War der Rekurs auf den Geist seiner Familie nicht eher scherzhaft gemeint und ein Hinweis darauf, dass er sich eigentlich auf der Flucht vor ihm befand, als „Soldat im Dienste des Publikums“,49 als der er sich empfand? „Wie ein irrender Ritter“, spürte seine Frau und Freundin in Muskau, sei er nur in eine „fremde ferne Welt“ gezogen, um seine eigene „Freiheit zu begründen“.50 In dieser Hinsicht teilte er sogar das Schicksal seiner Untertanen, die zu jener Zeit, ihre „Freiheit“ suchend, massenweise nach Amerika und Australien auswanderten. Pückler selbst war auf seiner literarischen Sternfahrt nur zufällig in den Orient geraten, weil er im Herbst 1834 – wegen eines Ehrenhandels in Frankreich gebunden – sein avisiertes Schiff nach Amerika verpasst hatte.
Aber auch hier, in der arabischen Wüste, war der Fürst noch nicht so weit ins Unbekannte vorgedrungen, als es ihm möglich, vergnüglich und lehrreich erschien. Ende Mai 1837 erreichte die Karawane auf Landwegen an den Ufern des Nils, Nilpferde beobachtend und durch „Dörfer“ afrikanischer [241] „Naturkinder“ ziehend, Khartum; ein Jahr bevor es Mehemed Ali zum Regierungssitz im unterworfenen Sudan erklärte. „Der Generalgouverneur des ganzen Sudan, der in Kartum residiert, Korschud Pascha hat mich übrigens mit den größten Ehren empfangen“, berichtete der ‚fahrende Ritter’ seiner zurückgelassenen Frau, „mir aber nichts anders anweisen können, als was er selbst bewohnt, d.h. ein ungeputztes Haus von Lehm ohne Glasfenster, die Decke Balken, der Boden gestampfte Erde, die in meinem Zimmer mit Strohmatten u. Teppichen belegt ist. Ich werde aber von seiner Küche gespeist, die türkisch u. vortrefflich ist, aber ohne Wein, den ich sehr entbehre.“51 Dafür überbrachten ihm ein Dutzend reich gekleidete Diener „prächtige Pfeifen nebst Kaffee und Scherbet [Fruchtsaft] in den kostbarsten Gefäßen“, wie Pückler später seine Erlebnisse für das Publikum stets in positiverem Licht als in seinen Briefen erscheinen ließ.52 Neben Korschud Pascha machte dem halboffiziellen Staatsgast auch der Oberbefehlshaber der Truppen, General Mustapha Bey, seine Aufwartung. Beide kannten die Gegend stromaufwärts noch von ihren militärischen Streifzügen und Sklavenjagden her und dienten Pückler als willkommene Informanten. Was hätte er darum gegeben, im Lande der Nuba noch unbekannte Pyramiden oder gar die Quellen des Nils zu entdecken! Weitere Gespräche mit dem Pascha, der den Fremden pflichtgemäß im Auge behielt, handelten vom unberechenbaren Charakter der einheimischen Löwen und Krokodile.53
Den Bazar in Khartum fand Fürst Pückler nur dürftig bestellt, „außer was den Artikel der [abessinischen bzw. äthiopischen] Sklaven betraf“, die zu seiner Verwunderung nicht billiger als in Kairo angeboten wurden, jedoch in größerer Auswahl zur Verfügung standen.54 Mit der Drohung, Pückler zu verlassen, drangen sein Kammerdiener Ackermann, der französische Koch und der Dolmetscher (Dragoman) Giovanni – alle drei zugleich – darauf, sich gleich ihrem Herren und dem Doktor mit eigenen Sklavinnen versehen zu dürfen. Diesem „wilden Streik“ inmitten der sudanesischen Wüste, der nur eine bessere Anpassung an die Landessitte bezweckte, musste selbst der Fürst nachgeben. Auf der Rückreise sollte er daher ein „komplettes Harem“ zu befehligen haben, das untereinander eifersüchtig [242] und zerstritten und wie eine „reisende Schauspielertruppe“ kaum zu beherrschen gewesen wäre.55
Kurz vor Eintritt der Regenzeit, während der das Reisen für Europäer „oft tödlich“ enden konnte, ließ es sich Pückler in „Dilettantenlaune“ dennoch nicht nehmen, auf zwei Kangschen, die ihm der Gouverneur in Khartum entlieh, und in Begleitung einiger Diener und des Doktors noch weiter nach Süden vorzudringen. Durch die immer üppiger werdende Vegetation hatten es die gemieteten Schwarzen schwer, die Nilschiffe stromaufwärts zu ziehen. Nach wenigen Tagen schon stellten sich die ersten Gewitter ein, die alle Reisenden bis auf die Haut durchnässten und die Gefahr sich zu erkälten beständig erhöhten. Geier, Papageien, Pelikane und Affen, seltene Insekten, Schmetterlinge und exotische Pflanzen in den „undurchdringlichen Urwäldern“ am Ufer zeugten davon, dass man „nahe dem vierzehnten Breitengrade, in die wahre tropische Natur eingetreten“ sei.56 Weitere Hindernisse überwindend, erreichte die Expedition im Juni 1837 das „Königreich Sennar“ und in Ouad Medina („Wad Madani“) nahe des 13. Breitengrades den südlichsten, „letzten Hauptpunkt“, an dem sich der Fürst seine Reise abzubremsen gezwungen sah: „Mein Doctor wurde hier von Fieber und Delirium todkrank, machte sein Testament und nahm weinend Abschied von mir. Ich bemerkte, daß sein Geist durch die Furcht noch mehr litt als sein Körper, und schickte ihn daher mit der Barke, seinen Scheren, Effekten und einen meiner Diener nach Kartoum zurück, wo er einen Arzt und die Gesellschaft einiger Europäer findet, die ihn zerstreuen und heilen werden … Kaum war er fort, als ich selbst an Dissenterie und Kolik erkrankte. Ohne Wein zur Stärkung … fast ohne Medizin, ohne Arzt, ohne Obdach so zu sagen, in den elenden Stuben ohne Fenster, noch in meiner Cajütte, wo ich mit dem Parapluie [Schirm] schlafen muß, weil es durch das Dach durchregnet, war meine Lage übel genug. Drey Wochen litt ich auf diese Weise u. ward so schwach, daß ich kaum mehr allein gehen konnte. … Meine Natur hat sich am Ende, ohne andere Mittel als Reis, Kamillentee und Opium von selbst wieder geholfen, und es geht jetzt leidlich, so daß ich in wenigen Tagen nach Khartum zurückzukehren denke“, schrieb er, endlich zur Umkehr entschlossen, am 26. Juni 1837 seiner Frau in Muskau,57 die ihn schon seit Jahren (!) zu einer solchen Entscheidung aufgefordert hatte.
[243] Weiter wäre er mit seiner Ausrüstung zur Regenzeit ohnehin nicht gekommen. Er befand sich in der Nähe des 13. Breitengrades bereits am Rande der um 1840 in Europa bekannten Welt. Das Innere Afrikas sollten Geografen und Ethnologen erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erforschen. Pückler freilich ließ es sich nicht nehmen, obwohl er sich vor Schmerzen „oft der Ohnmacht nahe fühlte“58 und an Kolikanfällen litt, Jagdausflüge auf Panther und Strauße zu veranstalten, Krokodile zu zählen oder den Kontakt mit Eingeborenen zu suchen und auf Märkten „allerhand interessante Einkäufe“ zu machen.59 Auf einem Suk (Markt) in Musselinieh, acht Stunden westlich von Ouad-Medina, ward er, „obgleich ein Gegenstand der allgemeinen Neugierde, doch von niemand belästigt. Ich kaufte eine Menge Landeskuriositäten zu äußerst billigen Preisen als: Sandalen, Amuletts, Waffen, Weiberschmuck, herrlich gearbeitete Matten aus Stroh und buntem Leder, sehr zierlich geflochtene Schüsseln, Körbe und Glocken aus gleichem Material,… Goldkörner, Muschelgeld und dergleichen mehr.“ 60 Die Matten aus Stroh und buntem Leder, „gleich den schönsten Teppichen, welche die Negerinnen in Scunnar verfertigen, u. die hier wohlfeil sind, aber in Europa für die größten Summen weder zu erkaufen noch nachgemacht seyn würden“, waren als Geschenke für seine treue Frau in Muskau gedacht.61 Zuallerletzt mußte der ‚dilletierende Tempeljäger’ auch noch „über Mandera und die dortigen Altertümer“ mit sich „ins Reine“ kommen62 und sicher stellen, dass ihm und seinen Lesern nichts Sensationelles entgangen sei. Selbst zu schwach, schickte er auf den Rat lokaler Berater seinen jungen Dragoman Giovanni auf den mehrtägigen, gefährlichen Ritt durch die Wüste, dessen treuen Bericht er später ebenfalls publizierte.63 Weitere „Altertümer“ würde es unterhalb von Ouad-Medina, in Richtung der beiden Nilflüsse, so weit bekannt sei, nun keine mehr geben. Hier, am Ende einer versunkenen Kulturlandschaft, [244] romantisch verfallen, mit der ihn manch „idyllisches Tagwerk“,64 manch Tagtraum verband und am äußersten Rande der Zivilisation angelangt, konnte er mit gutem Gewissen umkehren und sich endlich zur Ruhe setzen – wie er es mehrfach seiner angeblich nur pro forma geschiedenen Frau Luci hinhaltend wissen ließ; noch nicht ahnend, dass ihn die Liebe zu einer abessinischen Sklavin um beides bringen würde.
„Langsam in meiner Besserung fortschreitend, und von der Luftveränderung das beste Heil erwartend, wendete ich am 1. Juli [1837] meines Schiffes Spitze wieder dem Norden zu … denn auf die Länge mattet das elende hiesige Klima doch Geist und Körper zu gewaltig ab, um nach befriedigter Neugierde nicht dem Gedanken der Rückkehr auch seine anmutige Seite abzugewinnen“ – feilte Pückler, längst zurück, neun Jahre später im schattigen Branitz an der literarisierten Form seiner Reiseerinnerung.65 Damals, auf der Rückreise, die er im Rückblick schon zu einer anderen „Epoche“ zählte,66 sei der halbe Schiffsraum mit seiner merkwürdigen „Sammlung nationaler Kuriositäten“ angefüllt gewesen,67 mit der er bereits nach drei Tagen Khartum erreichte, wo er auch „den Doctor ziemlich hergestellt“ vorfand. „Meine mich begleitende Menagerie besteht aus zwey Sclaven (ein kleiner Neger von acht, u. ein Abyssinier von 12 Jahren), einem Straus, einem kleinen Crokodyll, einer seltenen Art Schildkröte, vier verschiedenen Affen, einem dongolesischen Hengst, einem Papagey u. meinem treuen Spartaner Susannis. Außerdem führe ich ein erlegtes und ausgestopftes großes Krokodyll mit ein“, versuchte er seine „herzensliebe Schnucke“, seine Frau in Muskau, auf seine spektakuläre Rückkehr einzustimmen.sup>68
Nach einsetzender Regenzeit konnte er mitsamt seiner Bagage den Fluss auf seiner ganzen Länge problemlos passieren und reiste komfortabel mit der Strömung. Alles könne Europa bieten, nur nicht so herrliche Mondnächte wie auf dem Nil, die Pückler mitunter schlaflos verbrachte, sich an „der Wollust dieses Klima’s ergötzend“, während Ajamé, eine seiner [245] Begleiterinnen, neben ihm „auf dem Teppich hingekauert, in ihrer süß wehmütigen Weise mit gedämpfter Stimme abyssinische Lieder sang“.69 Was indessen aus den beiden Kindern wurde, die er im zitierten Brief an seine Frau salopp noch unter seine „Menagerie“ subsummierte, und woher er sie hatte, erfahren wir aus Pücklers literarischen Entwürfen nichts mehr.
Unterwegs besuchte er weitere Altertümer und Tempel, die er auf der Hinreise ausgelassen hatte, oder genoss deren Ansicht, von den beiden Sklavinnen seines Kammerdieners verwöhnt und Kaffee trinkend, vom Wasser aus.70 Jetzt deckte er sich auch mit originalen Sammlungsstücken der altägyptischen Kultur ein, ohne die damals noch keiner der wenigen Touristen abgefahren wäre: „Mehrere interessante Gegenstände“ kaufte er im September 1837 bei einem „schlauen Griechen“, der sich zu diesem Zwecke bei Karnak „mitten auf den Totenfeldern als Antiquar etabliert“ hatte.71 Die Araber, einschließlich Mehemed Ali, hatten noch wenig Sinn für den Wert dieser bedeutenden Denkmäler der Weltkultur, die mitunter Pulvermagazinen und Fabriken weichen mußten. So sehr sich Pückler persönlich bemühte, gegen diesen „Ultravandalismus“ zu intervenieren, wurde er vom Vizekönig nur mit jener „duldenden Nachgiebigkeit“ behandelt, die man im Orient „jeder Art von Tollheit angedeihen lassen“ würde.72 „Unsere Leidenschaft, Antiquitäten und Kunstgegenstände aufzusuchen, und unser Entzücken beim Anblick dieser alten Trümmer war ihm ein unauflösbares Rätsel.“73 Vermutlich waren es die europäischen Touristen, deren frühes Interesse dieses Weltkulturerbe zu retten vermochte, und denen Pückler ein Wegbereiter wurde. Er begegnete solchen Globetrottern neben weit umfangreicheren Sklaventransporten damals erst unterhalb von Wadi Halfa an der Südgrenze Ägyptens.
Die Post ging nur bis Khéne („Quina“) in Oberägypten, wo er sich ein halbes Jahr zuvor vom Vizekönig verabschiedet hatte und wo ihn jetzt eine „Unmasse von Briefen aus Europa“ erwarteten. [246] „Zeitungen waren jedoch nicht darunter, so daß mir manche Anspielung der Briefe auf bekannte Tagesberichte unverständlich blieben. Auch weder der Gouverneur, noch die hiesigen Consuln (sämtlich Türken) wußten mir die geringste Auskunft zu geben, wie es in Europa aussähe“,74 bemerkte Pückler enttäuscht. Aus solcher Erfahrung war er schließlich zu der Einsicht gekommen, dass „erleichterte Communikationsmittel für die Körper und Geister … der Anfang und das Ende aller Cultur“ seien.75
Allerdings waren die Nachrichten, die ihn in Khéne erreichten, im Hinblick auf seine literarischen Ambitionen alles andere als ermutigend. Sein im Vorjahr erschienener fünfbändiger Reisebericht aus Nordafrika konnte keineswegs an den Erfolg seiner publizierten Briefe aus England anknüpfen, obgleich er schon „mit Gewissheit überzeugt“ gewesen war, dass er „weit mehr Effect hervorbringen“ müßte als alle seine vorherigen Werke.76 Das gebildete Publikum hatte seine eingeweihten Reportagen über das Innenleben der aufstrebenden Weltmacht offenbar weit besser goutiert, als seine eher effekthaschenden aus den Ländern der „halsabschneidenden Beduinen“, die sich Pückler unter finanziellem Druck schuldig zu sein glaubte. Auf Grund seiner nur oberflächlichen Bekanntschaft mit der Kultur und Lebensweise der in Afrika beheimateten Völker war er zu einer sachkundigeren Darstellung gar nicht befähigt. Dazu gesellte sich die Kritik seiner engsten Freunde an Stil und Methode und an dem Stoff seiner Arbeit, die allerdings nur dazu geeignet sei, seine „ganze schriftstellerische Carriere“ zu „untergraben“ und ihr den „Todesstoß“ zu versetzen, wie Pückler seiner Frau prophezeite.77 Schließlich glaubte er noch an die unverwechselbare „Individualität“ seiner selbst und an sein „Originalgenie“, wie man früher sagte, die nicht „castriert“ werden dürften. Diesen Vorwurf glaubte er seiner Frau Lucie und seinem Jugendfreund, dem seinerzeit bekannten Literaten Leopold Schefer, der „Muskauer Camarilla“, nicht ersparen zu können, die viel zu respektlos mit seinem Manuskript verfahren sei und den kontraproduktiven, „unglücklichen Gedanken faßte“, wie der bescheidener gewordene Autor am Ende seine Reise [247] resümierte, „den kleinen Funken … litterarischen Talents, zu einem großen, leuchtenden Feuer anblasen zu wollen“.78 Dabei sollten sich seine „literarischen Angelegenheiten“ nur immer „trostloser“ gestalten, nachdem er fühlte, dem hohen Erwartungsdruck seiner Kritiker nicht gewachsen zu sein und „mit der Unbefangenheit auch die Lust verloren“ zu haben;79 die Schuld daran bei seiner Frau suchend, die ihn durch Belehrungen, Korrekturen und verlegerisches Taktieren „in Europa als Schriftsteller abgeschlachtet“ habe.80 Er sei „nicht mehr Semilasso [der „Halbmüde“], sondern so vollständig lasso, als man es seyn kann“, und „andere Gedanken“ als an eine literarische Karriere würden sich seiner bemächtigen.81
Die Dramaturgie seiner Werke glaubte der reisende Autor – zugegeben „weder ein Dichter noch ein Gelehrter“82 – nur seiner eigenen, teils glanzvollen, teils gefährlichen Lebensführung bzw. einem bloßen Wechsel der „Dekorationen“ 83 entnehmen zu können. Dabei hätte er zuvor „mit eisernem Fleiße“ fortgeschrieben, nur „um keine Lücke zu lassen“,84 und also möglichst jeden seiner Schritte im literarischen Feld akribisch und wortreich dokumentiert. Diese im geschliffenen Konversationston gehaltene Widerspieglung seiner eigenen Oberfläche und „Dekoration“ mochte zwar als spätaristokratische Mode verständlich und mitunter beliebt gewesen sein, taugte aber als literarisches Werkzeug weit weniger und verleitete ihn zu einer heute übertrieben empfundenen Geschwätzigkeit. Die Pücklersche Methode der Selbstdramatisierung seiner Lebensumstände hatte ferner den nahezu unvermeidlichen Nebeneffekt, dass sich der Fürst mit seiner bloßen künstlerischen Hülle, der er am leidenschaftlichsten in Ägypten nachjagte, zu identifizieren und anzufreunden begann, wie allein schon sein orientalischer Habitus und das ihn begleitende Harem indizierte. Dabei wäre er so ganz und gar „verafrikanert“ und seiner [248] gewohnten, „guten Lebensart“ so weit entfremdet worden, dass er sich zu Hause schon nicht mehr zurechtzufinden fürchtete.85 Sein ursprüngliches Bestreben, die Rolle des aristokratischen Lebenskünstlers und bürgerlichen Literaturproduzenten in Personalunion zu übernehmen, Kunst und Leben unmittelbar zur Deckung zu bringen, hätte er wohl bereits aufgegeben, wenn ihm vor seiner Abreise auf dem Nil der literarische Flop des Semilasso, des halbmüden, schon klar gewesen wäre.
Jetzt war es zu spät, noch gegenzusteuern und das Ruder herumzureissen, so dass sich der frustrierte Autor, Ende September 1837 nach Kairo zurückgekehrt, vom „Trieb zum Schreiben“ plötzlich verlassen fand,86 dem ziellosen Müßiggange überließ und sich ausgerechnet dabei nun, nach all den überstandenen Gefahren, in „Schlafrock und Pantoffeln“ den Fuß verstauchte. In seinem ausgeprägten Fatalismus bestärkt, enthielt er sich über Monate des Lesens und Studierens und vor allem des gewohnheitsmäßigen Schreibens, im Ungewissen, ob er jemals wieder etwas publizieren wolle. Seinen „sparsamen Notizen“ über seinen zweiten Aufenthalt in Kairo entnahm er Jahre später, dass er auf seinen „einsamen Spaziergängen in der Stadt“ – gewohnheitsmäßig türkisch gekleidet und nunmehr an einer Krücke hinkend87 - „fast alle Moscheen“ besucht hätte, in denen er von den Gläubigen übersehen und problemlos eingelassen worden war.88 Im bereits bestehenden „National-Museum der Antiken“ – damals „nichts als ein alter Schuppen“ – suchte er sich mit Erlaubnis Mehemed Alis noch einige der kostbarsten Sammlungsstücke zusammen, die dort wie auf einer Schutthalde deponiert waren.89 „Geistig des Reisens müde, geistig erschöpft noch weit mehr als körperlich“, blieb ihm nun nur noch übrig, seine materielle Ausbeute, „eine Menge Kisten … mit ägyptischen Antiken und Afrikanischen Curiositäten“ verpacken zu lassen und nach Muskau zu versenden, in das unverzüglich selbst zurückzukehren ihn angeblich vor allem der nordische Winter abhielte.90 [249] An der Seite einer jungen Abessinierin, mit der ihn unterdessen auch ein intensiverer geistiger Austausch und paternalistische Fürsorge verband, zog er es vor, seinen Aufenthalt bis zum Ende des Jahres 1837 in Alexandrien zu nehmen, wo er wieder „das schönste Palais der Stadt“ bezog und die „ausgewählteste Gesellschaft“ empfing91 - im Zweifelsfall also erneut den Aristokraten gebend. Obgleich er seit vier Monaten „weder ein Journal mehr gehalten, noch überhaupt eine schriftstellerische Feder angerührt“ habe,92 erwarte Mehemed Ali noch immer eine gute europäische Presse durch den bedeutenden deutschen Literaten. Kopfzerbrechen machten Pückler auch die vielen Trinkgelder, die er in Kairo und Alexandrien nach Hunderten auszuteilen hatte; dadurch war seine „Existenz im Auslande u. namentlich im Orient so hoch hinaufgeschraubt“ worden, dass er jährlich 7.000 Taler benötigte, die durch seine Tantiemen längst nicht mehr gedeckt waren, um nur einigermaßen „mit Anstand durchzukommen“.93
Über seine Rolle zu Hause war er sich eher unsicher geworden und empfand „eine Art Scheu, den alten Mann in Europa sehen zu lassen“ und fürchtete, auf seinem „Musakover Schloss“, wie er es ironisierend-sorabisierend nannte, gar nicht mehr wiedererkannt und wie ein fremder „Usurpator“ zurückgewiesen zu werden.94 Dass seine Rückreise in die Lausitz über Syrien, Kleinasien und Südeuropa noch einmal drei Jahre in Anspruch nehmen würde, hätte er zu diesem Zeitpunkt wohl selbst nicht geglaubt. Dass er so lange aber nichts mehr publizieren würde, war durchaus beabsichtigt und beruhte sowohl auf seiner literarischen Verunsicherung wie auch auf seinem Plan, am Stoff aus Ägypten vor seiner Herausgabe noch etwas „zum Feilen“ zu behalten.95 Er hatte privatim einräumen müssen, seine Abhandlung über Ägypten mit „vollständiger Langeweile“ und ohne allen Ehrgeiz geschrieben zu haben und dass ihm die [250] Bewunderung des Publikums „nicht das mindeste Vergnügen“ mehr machte.96 „Es ist wirklich eigentümlich, und der Weg sonderbar auf dem ich (ich weiß nicht wie) dahin gekommen bin, was meine Ambition verlangte, die Augen der Welt auf mich zu ziehen und eine Rolle in ihr zu spielen“, wunderte sich der von seiner Erlebnis- und Erfolgssucht abgekühlte Autor bereits auf dem Heimweg über sich selbst.97 Der Held sei „der Glückliche in den Augen der Menge, aber nie der Beglückte in seiner eigenen Brust“, hatte Pückler vor dem ausgebrannten Hause seines Geistesverwandten Lord Byron schon in Griechenland pathetisch empfunden98 – wohl kaum ahnend, dass ihm auch sein eigener Glücksanspruch durch das Publikum strittig gemacht werden könnte. „Wäre ich nur das Schriftstellern los“, stöhnte Pückler über seinen bürgerlichen Beruf, „eine infame Passion wie das Saufen, das mich auf der einen Seite festhält und auf der anderen degoutiert! Es hat allerdings seine Dienste getan, wird aber jetzt zum Hofdienst [= Fron- bzw. Herrendienst] und absorbiert alles. Zum Genuß kann ich nirgends kommen, sondern nur zu seiner Beschreibung.“99 Aus gespielter Bequemlichkeit und mit schnelleren Erfolgsaussichten rechnend, wollte er sich ferner höchstens noch als Journalist betätigen: „Am Schreiben kleiner Aufsätze habe ich noch etwas Vergnügen, aber nicht mehr am Büchermachen. … Übrigens sind dies nur im Fluge hingeworfene Skizzen, Geschwätz, Ephemera und haben keine andere Prätension … Ich werde also darauf meine litterarische Tätigkeit künftig beschränken, und mich noch mit drey oder vier Journalen in pekuniaire Verbindung setzen. Dies ist das bequemste und zugleich einflußreichste und auch lukrativste … Ich bin so faul geworden, daß ich nichts Anhaltendes mehr schreiben kann.“100
An dieser Bankrotterklärung des einstigen Künstlers lässt sich posthum nun nichts mehr beschönigen. Offenbar waren dem Fürsten Pückler, dem berühmten [251] „Verfasser der Briefe eines Verstorbenen“, die Geister über den Kopf gewachsen, die er selbst mit seiner „kolossalen“ Reise in den Orient, insbesondere nach Ägypten heraufbeschworen hatte. In Erwartung eines literarischen Urknalls, der viele persönliche Probleme lösen und den Muskauer Grundbesitz vielleicht doch noch retten würde, machte sich nach den publizistischen Misserfolgen seiner zuweilen unter Lebensgefahr erworbenen Reiseeindrücke eine dementsprechend tiefe Resignation breit. Im Orient war sein literarisches Talent und sein künstlerischer Ehrgeiz mit der selbst forcierten kulturellen Selbstentfremdung offenbar auf der Strecke geblieben. Uns wird also auch die Frage beschäftigen müssen, wozu er die ägyptischen Texte, zu denen sich noch zwei weitere Bände seiner Rückkehr aus Syrien und Kleinasien gesellten, gelangweilt wie er sich gab, denn überhaupt noch publizierte? Hatte seine tätige Resignation noch literarische oder pekuniäre Gründe?
Im Vorwort zu seiner dreiteiligen, über eintausend Seiten umfassenden Abhandlung aus Ägypten, die 1844, sieben Jahre nach seinen Abenteuern auf dem Nil erschien, wußte Pückler selbst nicht recht zu sagen, weshalb er mit deren Herausgabe so gezögert und sich „als Schriftsteller so lange zurückzuziehen“ für besser befunden habe. Sekundieren könnten wir ihm, dass ein literarisches und finanzielles Wunder bereits nicht mehr absehbar war, wie es seine unbemühten und sachkundigen Briefe aus England geworden waren, und seine „geziemende Bescheidenheit, nicht jahraus jahrein das Publikum mit Produktionen aus derselben Feder zu überschwemmen“101 sich jedenfalls nicht ganz freiwillig eingestellt hatte. Pückler selbst erschien es jetzt in Anbetracht der vielen öffentlichen Kritiken, dass er es „niemandem recht machen könne“ und allen gesellschaftlichen Strömungen ungenießbar erscheine, was schon konkrete Folgen auf seine privaten Lebensverhältnisse gehabt habe.102 Außer dieser diffusen Bescheidenheit und Nervosität machte er in der „Waldeinsamkeit“ seines Muskauer Jagdschlosses last not least und in gern gewählter kryptischer Manier auch noch das theologische Motiv der „Erbsünde“ namhaft, das ihn trotz alledem erneut zur Publikation gereizt habe.103 Tatsächlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass seine [252] Reiseerinnerungen aus Afrika, wie man sie genau genommen bezeichnen müßte, vor allem selbstrechtfertigenden Charakter besitzen; wollte man hier einmal von seiner weitläufigen politischen und archäologischen Berichterstattung abstrahieren.
Die beiden wichtigsten Begebenheiten in dieser Hinsicht waren zunächst der von ihm mitverursachte Tod seines griechischen Pagen Jannis und Pücklers Bedürfnis, posthum seinen „Schrecken über ein so erschütterndes Ereignis“ Ausdruck zu verleihen und sich von der „Gefühllosigkeit der Matrosen bei diesem herzzerreißenden Vorfall“ abzusetzen. Sie hatten diesen tragischen Unfall als ein Opfer für den Nil und als ein gutes Omen zur Weiterreise gedeutet.104 Das andere Ereignis war der Erwerb zumindest einer abessinischen Sklavin vor Aufbruch zu dieser Fahrt, die er vor der Härte und Geringschätzung potentiell türkischer Besitzer bewahrt habe105 und die er in seinem „Haus“ unverzüglich in die Freiheit entlassen hätte, obgleich sie zugegeben „noch keinen recht deutlichen Begriff von diesem Zustand“ haben konnte.106 Zeitweise habe er dann „statt der Altertümer den Charakter der jungen Ajamé“ studieren können107 und die makellose körperlich Beschaffenheit an diesem „Naturkinde“ bewundern dürfen. „Übel ist allerdings, daß sie aus Mangel an Raum hinter einem Vorhang, der in der Eile in dem kleinen Schlafzimmer meiner Barke angebracht wurde, residieren muß“,108 hießt es für das Publikum Jahre später immer noch im Präsens, wie aus einem Tagebuch geschöpft. Wirklich zeitgleich, in einem Brief an seine ehemalige Frau aus Siut vom 10. März 1837, hatte er ihre gegenseitigen Wohnverhältnisse noch ganz anders beschrieben: Er wäre dort im „Paradies“, wohlauf und hätte – Pückler im Originalton – „eine wunderschöne abessinische schwarze Sclavin in meiner Kangsche (Nilschiff), die auf meinem 6 Fuß breiten Bette wohnt, u. von der ich arabisch lerne“.109 Also eigentlich doch nicht „Freiheit“ und „Vorhang“, wie er dem europäischen [253] Publikum glauben machen wollte, sondern „Sklavin im Bett“, von der man etwas lernen könne. Kaum verwunderlich, wo doch Pücklers Gastgeber Mehemed Ali selbst über ein Harem befehligte und dessen „Reputation in dieser Hinsicht noch immer sehr brilland“ gewesen sein soll, wie es sich herumgesprochen gehabt habe.110 Weder der Landesherr noch irgend jemand anders würde sich im Orient darüber verwundert haben, wenn der Fürst nicht wenigstens eine gekaufte Frau mit sich führte. Eher das Gegenteil, was man von ihm in Europa erwarten konnte, würde ihn dort suspekt gemacht haben. Er hatte sich eben auch in dieser Beziehung, wie in vielen anderen, dem Orient angepaßt. „Übrigens hält jedermann in Cairo schwarze Sclaven“, rechtfertigte er sich ganz in diesem Sinne gegenüber seiner Frau, „sie ersetzen unsere Diener, jeder Consul u. jeder, selbst der geringst Europäer, wenn er einen ernähren kann. Es ist also für mich, der soweit in diesen Ländern vordrang, nichts Besonderes, wenn ich vier [!] Sclaven daraus mitbrachte.“ 111
Wann und wo er zu seinen Sklaven gekommen war, lassen seine literarischen Reiseberichte offen, in denen er deren Existenz ohnehin so weit als möglich verschweigt. Abgesehen von „Ajamé“, die er angeblich vor Aufbruch zu seiner Nilfahrt erworben und unverzüglich in die „Freiheit“ entlassen habe, ist nur noch einmal von einem „jungen Neger“ die Rede, der bereits vor seiner Ankunft in Kairo im Sauwan bei Tunis, auf einen Teppich neben seinem Bett „gekauert“ Fliegen verjagte. „Sonst wäre es auch kaum möglich zu schreiben, oder in einer hellen Stube zu ruhen“.112
Die vier Sklaven, die er auch nach seiner Weiterreise aus Ägypten Anfang des Jahres 1838 in den „Mauern der heilige Stadt“ Jerusalem mit sich führte, wo er das „Grab des Erlösers von allem Übel“ besuchte und sich reichlich mit Devotionalien eindeckte – „eins der großen Cruzifixe zum Aufstellen mit dem Heiland daran“ als Präsent für seine Frau –, nannte er nun sein „kleines Harem“.113 An dessen permanente Anwesenheit und Dienstbarkeit sei er inzwischen so gewöhnt gewesen, dass er es zu seiner Bequemlichkeit unmöglich entbehren [254] könne. Neben einer Menge exotischer Tiere, die er mit sich führte – „einem famosen Dromedar der Wüste“, „einem herrlichen ägyptischen Esel“, drei arabischen Fohlen, die ihm der Vizekönig Mehemed Ali schenkte, zwei „herzigen Affen“ und drei „wundervollen Gazellen“ –, sollte seine Frau die vier Sklaven seines Harems daher nur als einen harmlosen Bestandteil seiner „Menagerie“ ansehen.114 Sie seien dressiert „wie kleine Hunde“ und würden den „Dienst des inneren Appartements“ versehen, wobei es nichts „bequemeres, reinlicheres, bedürfnisloseres und natürlich auch gänzlich prätentionsloseres“ gäbe, als eben diese dankbaren und gutartigen Afrikaner.115 Zu diesem Zeitpunkt begleiteten ihn, wie schon am südlichsten Punkt seiner Reise auf dem Nil, „ein kleiner Neger von acht, u. ein Abyssinier von 12 Jahren“.116 Der achtjährige Ilaman wäre der „possierlichste“ von allen, der zwölfjährige Abyssinier Farek diente ihm als Page.117 Außerdem wären da noch – zumindest im November 1837 in Kairo – „zwey weibliche Sclavinnen, wovon die eine nur zehn Jahre alt u. schon längst keine Jungfrau mehr“ sei;118 die andere, „Mac Buba, das älteste Mädchen“, wäre Pücklers „eigentlicher Kammerdiener“, der Tag und Nacht fast nie von seiner Seite wiche, nachdem er Ackermann in Ägypten verabschiedet hatte.119 Ihre bedingungslose Unterwürfigkeit führte dazu, dass sie sich selbst nach Pücklers Lieblingshund „Susannis“ nannte.120 Die jüngere Sklavin, die zehnjährige Ajamé, plante ihr Herr, müsse er „wahrscheinlich verschenken, weil sie das kalte Clima Europas nicht vertragen würde, wegen einer schwachen Brust und [255] zu delikater Constitution.“ 121 Er sei aber ein „alter Türke“ geworden, „der Maitressen dieser Art braucht“, deren Liebe freilich sehr fragwürdig sei, wie er in einem heftigeren Anflug von Selbsthass zugeben musste – wohl über sein wahres Alter, die missglückte Karriere, die unglückliche Ehe oder gar seinen fürstlichen Titel, mit dem er nur noch ein „abgestorbenes Gespenst in Fleisch und Blut repräsentieren“ solle.122 „Schloß und Riegel nebst dem Kurbatsch123 (eines der vorzüglichsten Zivilisationsinstrumente)“, seien sicherer, als vergebliche Hoffnungen auf Gegenliebe.124
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Bereits an den „Ufern des Bosphorus“, in den er in Konstantinopel seine literarische Feder geworfen habe,125 rückblickend auf seinen Reiseweg, dämmerte ihm die Einsicht, das sein „Ich“ im „Orient“ und sein „Ich“ im „Norden“ „nicht ganz identische Wesen“ seien, „obgleich beide immer für dasselbe Individuum auf der Welt passiert“ wären; wobei er übrigens, psychologisch unbelastet, das „Klima“ als „stärksten und dauerhaftesten“ Faktor für diesen merkwürdigen Transformationsprozeß seiner Persönlichkeit verantwortlich machte.126 Für das Publikum des Nordens wolle er sich förmlich wieder zur Monogamie und zur romantischen Verklärung der Liebe entschließen.
Vermutlich war Pückler demselben Phänomen unterlegen, das in der Ethnologie später als „going native“ bezeichnet wurde, jene Persönlichkeitsveränderung, die aus Begeisterung und Sympathie für den zu beschreibenden Forschungsgegenstand eintritt und eine zu umfassende Annäherung, ja Auflösung des Wissenschaftlers in der Fremde bewirk. Der Verlust der kritischen Distanz und eigenen kulturellen Reserven führte mitunter zur totalen Integration und zum Verbleib des Forschers im Felde und damit zum Ende aller wissenschaftlichen Analyse, die man von ihm zu Hause erwartet hatte. Pückler mochte zwar ursprünglich noch geglaubt haben, dass [256] sich sein wildromantischer Habitus im kunstsinnigen Europa geschäftsfördernd auswirken würde, fühlte sich dann aber persönlich so angezogen von dem andersartigen, durchaus auch sozialen Klima, dass er mehrfach erwog, im Orient zu verbleiben bzw. dorthin zurückzukehren. „Afrika ist übrigens ganz mein Land“, schwärmte er seiner geschiedenen Frau und mütterlichen Freundin Lucie vor, „u. ich glaube fest ich stamme auf irgend eine Weise daher, soviel Affinität finde ich zwischen mir und den hiesigen Stämmen“.127 Mit der entgegengesetzten Pendelbewegung, mit seiner Konversion zum Katholizismus – obzwar seit seiner Jugend erwogen, aber ausgerechnet während seiner Rückkehr von der großen Weltreise in Budapest vollzogen –, versuchte Pückler sich wohl zweifelsfreier seiner europäischen Wurzeln zu vergewissern und wieder Halt in seiner alten Heimat zu finden. Wäre er im Gegensatz zu manchem einsamen Ethnologen nicht von seiner „Menagerie“, seinen Dienern und dem Doktor umgeben, hätte er durchaus auch die besten Chancen gehabt, sich einem afrikanischen Stamme anzuschließen und dort als ehrlicher Mensch akzeptiert zu werden.
Dieses Schicksal ward nur seinem langjährigen Kammerdiener Ackermann beschieden, der „seinen gekauften Sklavinnen zu Liebe, von denen sich sein ehrliches deutsches Gemüt nicht zu trennen vermochte“ – wie es Pückler später ironisch auszudrücken verstand –, als Stallmeister des Ministers Boghos-Bey in Ägypten blieb und dort als „vornehmer Herr“ verstarb.128 Pückler hingegen hoffte, mit seinem Harem möglichst unauffällig auf seinem weitläufigen Schloss in Muskau Quartier zu finden, wozu es der Zustimmung seiner geschiedenen Frau Lucie bedurft hätte, die dort Wohnrecht genoss, die bei dieser Vorstellung allerdings in Panik ausbrach. Somit verschenkte er die beiden Knaben Ilaman und Farek, die ihn zwar nur widerwillig verließen, auf die er aber noch am leichtesten verzichten konnte, um den Bestand der von Lucie „gefürchteten Sclaven“ abzubauen.129 Bereits im Sommer 1838 konnte er seiner verschreckten Frau und Schlossherrin melden, dass sich sein persönliches Gefolge nur noch „auf ein einzelnes Mädchen reduzieren“ würde; denn die kleine Ajamé, von deren „Schönheit“ Lucie brieflich bereits unterrichtet war [257] und die Pückler aus klimatischen Rücksichten ebenfalls verschenken wollte, sei bereits im zeitigen Frühjahr 1838 in Kairo an „gallopierender Schwindsucht“ verstorben.130 Für das europäische Publikum, wieder auf Romantik besonnen, entwarf er neun Jahre später die literarische Version Ajamés, die ihm jetzt erst, angelangt am See Genezareth, gestanden habe, „diesen Namen nur von den Sclavenhändlern bekommen“ zu haben und daß sie „eigentlich Machbuba heiße“.131 So war problemlos aus den zweien die eine, die ältere „Kammerdienerin“ geworden, um die sich der romantische Mythos später ranken sollte.
Seiner Frau berichtete Pückler im Frühjahr 1838 aus Beirut, dass es zum Glück auch Zuwachs gebe und er wieder ein „sehr liebenswürdiges Chamäleon“ besitze, das er „zum Andenken“ an seine „arme Sclavin Ajamé … Nursabat getauft habe, was ihr Geschlechtsname war“.132 Die zehnjährige Ajamé vom Stamme der Nursabat133 hatte sich in Pücklers Leben also in ein Chamäleon verwandelt, in eines jener von ihm so „sehr geliebten und vertrauten Tiere“, von denen er „in Afrika immer mehrere“ um sich gehabt habe. „Jetzt haben die wohltuenden Strahlen der Sonne, lange Promenaden auf den Brunnen des Gartens und der Genuß mehrerer fetten Fliegen dem mit dem Name Nursabat getauften Chamäleon … das vollständigste Wohlsein wiedergegeben“, berichtete Pückler einem Doktor aus Orsova an der Donau, wo er im September 1839 vor seiner definitiven Einreise nach Europa zu zwei Wochen [258] Quarantäne verurteilt war.134 Jetzt solle nicht wieder getrennt werden, „was der Himmel so wunderbar vereinigte“, hoffte Pückler, der an Seelenwanderung glaubte, hinsichtlich des Chamäleons und seiner selbst.135 Man müsste sich über solche magischen Selbstheilungskräfte nur wundern, stünden nicht weit merkwürdigere Ereignisse bevor.
Weiter donauaufwärts, im habsburgischen Pesth, entschloss sich der preußische Gutsherr anläßlich seines 54. Geburtstages am 30. Oktober 1839 zur katholischen Konfession zu wechseln und mit der „religieusen Anarchie“, die der Protestantismus heraufbeschworen habe, persönlich abzuschließen. Der lebenskräftige Baum des Katholizismus würde geistige Verwirrung mildern, das „verderbliche Regiment ungezügelter Leidenschaften“ flach halten und die „menschlich schöne und gnadenreiche Institution der Beichte … unsere Seelen … mit unserem eigenen Gewissen auch in der verzweiflungsvollsten Lage … versöhnen“.136 Zu den „denkenden Freunden“, denen er seinen Entschluss zu erläutern gedachte, zählte er allerdings weniger seine Lebensgefährtin bzw. Briefpartnerin Lucie, der er am Tage seiner Konversion lediglich mitteilte, dass sein „Geburtstag in Pesth unglücklicher als der vorjährige mit Blitz und Donner“ verlaufen wäre; übrigens der sechste, den er ohne sie feierte, und der traurigste, wenn man Pückler glauben möchte: „Gestern verschied mein Chamäleon, und heute an einer fulminanten Darmentzündung der schöne Schimmelhengst Abagosch. Auch der silberweiße Hund hat sich trotz aller Mühe nicht wiedergefunden – ein dreyfältiger Verlust, der wirklich hart ist, und etwas zuviel auf einmal … Faul bin ich noch immer nach wie vor, und habe auch nicht eine Zeile gearbeitet.“137
Über Pücklers Beziehung zu Machbuba, der zuletzt noch mitgeführten Haremsdame, die er ehedem auch als seine „Leibsclavin“ bezeichnete, die „nur zu ihrem besonderen Dienste tauglich u. im Uebrigen ziemlich [259] unbrauchbar“ wäre,138 sind später nach Pücklers literarischen Vorgaben so viele romantische Ideen entwickelt worden, das man hier eine neue Abhandlung beginnen müsste. Es sei lediglich angemerkt, dass er sie, der man „in früherer Zeit so viel Unsinn über Europa in den Kopf gesetzt, daß sie die Europäer in Ihrem Lande nicht viel anders als wir die Menschenfresser ansieht“ 139, dennoch zu seiner eigenen Religion bekehrte, sie in Pensionen und bei „würdigen Damen“ im Lesen und anderen „weiblichen Arbeiten“ unterrichten und zu einer „dame de compagnie“ heranbilden ließ,140 der man in höfischen Kreisen den Respekt tatsächlich nicht versagte. Als seine Maitresse und anspruchloseste Kammerdienerin sollte sie nun allerdings nur noch in seinem Schlafzimmer dienen: „Verläßt sie dies, so erscheint sie als Signora Macbuba und ich als ihr Papa … denn sie ist schon zu weit fortgeschritten u. überall fetirt worden“,141 erklärte Pückler ihre „pikante“ Lage. An eine Ehe des ungleichen Paares, das sich unter anderen Umständen hätte vielleicht legalisieren können, war nicht zu denken. In unserem Zusammenhang verdient es noch hervorgehoben zu werden, dass er Machbuba in ein rotweißes, goldgesticktes orientalisches „Kostüm“ wie einen „weiblichen Mameluken“ einkleiden und sich in diesem Aufzug von ihr begleiten ließ142 – absichtlich nach dem Vorbild jener altägyptischen Kriegerkaste, die sein Freund und Gönner Mehemed Ali auf seinem Wege zur Macht nahezu vollständig massakrieren ließ. Witz und Ironie, „ein jämmerliches Surrogat für Milde und Herzensgüte“, wie Pückler in einem reumütigen Augenblick bekannte,143 sollten ihn trotz allem nie verlassen.
[260] Geschäftsfördernd waren diese Affären unter den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen eher weniger und dennoch – oder gerade deshalb – legte er großen Wert darauf, seine Reiseerlebnisse möglichst umfassend zu dokumentieren und dem Publikum seine langjährige Weltreise als einen in sich geschlossenen, sinnvollen Lebensabschnitt zu präsentieren. Sein zweites, nordisches „Ich“ strebte offenbar danach, den Gerüchten um seine Person vernünftig zu begegnen und sich einer literarischen Fronarbeit zu unterziehen, die auch anderen nützen sollte. Sobald „das schon vorhandene noch abgehaspelt“ wäre, plante er, wolle er das „Phantom der Schriftstellerey“, das ihn in so viele Gefahren für Leib und Leben gebracht hatte, „decidirt an den Nagel hängen“.144 Lustlos zwar, aber pflichtbewußt wie ein alter Preuße, schaufelte er sich über 6.143 Seiten in achtzehn Bänden (!) sein eigenes Grab als Schriftsteller, der danach kein einziges Buch mehr publizierte. Seine endlose Fassade als unerschütterlicher Romantiker sollte allerdings keine Blessuren erleiden.
Selbstkritisch hatte er zugeben müssen, dass er in der literarischen Bilanz seiner planlosen Reise durch den Orient inzwischen manchen seiner Leser mit „mehr als zuviel Ruinen-Details“ überhäuft und gelangweilt habe.145 Solche weitläufigen und wortreichen Beschreibungen damals noch recht unbekannter, wenngleich populärer Bauwerke dokumentieren zwar sein brillantes sprachliches Ausdrucksvermögen, das noch heute seine Liebhaber findet; lenken jedoch von seinen Motiven und Beweggründen, diese Reise zu unternehmen, vom reisenden Fürsten und Menschen Pückler nur noch ab. Beim „Reisen und Reisebeschreiben“, das er „frivol“ nannte, würde es sich anders als im Roman, der den krönenden Stoff der „menschlichen Seele“ berühre, „in der Hauptsache“ nur „um äußere Eindrücke“ drehen,146 wollte er in seinem späteren Bemühen, dem Publikum sein Innerstes zu verbergen, gern glauben machen. Folgerichtig vermengte Pückler in der Spätphase seines literarischen Schaffens politische, ethnologische, archäologiehistorische und selbstrechtfertigende Facetten zu nicht immer [261] übersichtlich geführten Texten, die den roten Faden, der in einem Reisebericht der Autor selbst sein sollte, den selbstbezogenen Ton seiner Briefe aus England weitgehend vermissen lassen. Man bedachte seine Fleißarbeit, die zu seinen Lebzeiten nur eine Auflage erreichte und bald in Vergessenheit geriet, nur noch mit verhaltenem, wenngleich höflichem Applaus. Zum Zeitpunkt ihrer Publikation war die sogenannte „Orientkrise“, in der Pücklers früherer Gastgeber Mehemed Ali und sein Verhältnis zu Europa die Hauptrolle spielten, soeben friedlich beigelegt worden. Vor allem auch aus diesem aktuellen Anlass erschien Pückler die Publikation der Reiseberichte und Gespräche mit dem Vizekönig durchaus sinnvoll und fair, hatte er doch den letzten Abschnitt seiner Reise „mehr als zur Hälfte auf Kosten des Vicekönigs“ unternommen, der ihm Kontakte verschaffte, deren sich kein zweiter Reisender erfreuen konnte.147 Das Bild, dass der freundlich hofierte Staatsgast vom Ägypten jener Epoche und seiner sudanesischen Protektorate zeichnete, gehört gerade in seiner veräußerlichten, an der Oberfläche objektivierenden Form noch heute zu den eindrucksvolleren, sprachlich ambitionierten Quellen zur Geschichte und Ethnologie des orientalischen Afrika. Mehemed Ali hat sich nicht zuletzt durch den reiselustigen deutschen Fürsten ein sicheres Andenken in Europa bewahrt und damit das Interesse an der Frühgeschichte des modernen Ägypten in Deutschland geschärft.
Sieben Jahre unterwegs und neun weitere Jahre, zumindest gedanklich, als Beschreiber mit seiner Weltreise beschäftigt, hatte Pückler sie mit dieser literarischen Pflichtübung allerdings nicht bewältigt und abgetan. So nutzte er die Gelegenheit, sich bei der Neugestaltung seines Branitzer Alterssitzes drei orientalische Zimmer zu reservieren, die er dementsprechend tapezieren und möblieren ließ. Seine Gäste empfing er in den noch heute museal erhaltenen Räumen zuweilen in türkischer Garderobe, die lange orientalische Pfeife rauchend und scheinbar schon der Welt entrückt; bereits unterwegs im Sudan hatte er sich in dieser Pose als „praktischen Philosophen“ empfunden.148 Etwas in dieser Art muß ihn zum Schluss auch beflügelt haben, seine letzte Ruhestätte in einer selbst gebauten Pyramide anzuordnen. Sie ist als Pücklers [262] symbolische Repräsentation wesentlich bekannter geworden, als sein eigentliches Werk über Ägypten und zeugt von seiner starken Identifikation mit dem alten Pharaonenland. Schließlich war er aber auch der erste Deutsche von Rang und Namen, der ebenso dem neuzeitlichen Ägypten literarisch eine Lanze brach.
Dass Richard Lepsius, der Begründer der Ägyptologie in Deutschland und spätere Direktor der Staatsbibliothek zu Berlin, nur vier bis fünf Jahre nach Pückler mit königlich-preußischer Unterstützung zu einer gigantischen Forschungsexpedition aufbrechen konnte, beweist das zeitgenössische Interesse, ja nahezu öffentliche Fieber, das diesem Thema entgegengebracht wurde. Als Mehemed Ali den deutschen Wissenschaftlern ungeheuer großzügige Forschungs- und Ausfuhrgenehmigungen erteilte, hatte er gewiß auch den freundlichen und beredsamen Lausitzer Fürsten und Reisebegleiter in Erinnerung, der nur Bahnbrecher und Lobbyist, nie aber Gelehrter sein wollte.
Zur Bestattung des hochbetagten Fürsten im „Tumulus“, der Pyramide im Branitzer Park, war neben vieler anderer Prominenz im tiefsten Winter 1871 auch eine Delegation der Berliner Universität zugegen. Die Wissenschaft hat tatsächlich keine Ursache, den ruhe- und systemlosen Weltenbummler zu übersehen, der auf seine Art und Weise, nicht zuletzt durch beherzte Affären, einiges dazu beigetragen hat, Vorurteile und Berührungsängste zwischen Muslimen und Europäern abzutragen. Bereits vor Antritt seiner Reise, auf der er als ängstlicher Fundamentalist nicht weit gekommen wäre, war er frei genug gewesen, einzuräumen, dass das „religiöse Gefühl“ und die „Liebe zu Gott“ bei Mohammedanern wie Christen die gleichen Wurzeln hätten.149 Nicht zuletzt aber sein Scheitern als Schriftsteller legt nahe, dass der Weg zum Erfolg nicht über die Vermischung der Religionen und ihrer unterschiedlichen Normen und Werte verlaufen kann, sondern in der gegenseitigen Achtung und im Respekt besteht, wie ihn sich Mehemed Ali und Fürst Pückler so großmütig zollten.
(11/ 2003. Als Manuskript bzw. PC-Skript für www.kulturpixel.de zur Verfügung gestellt am 01.08.2008. Leicht überarbeitet.)
Peter Milan Jahn ist Diplom-Ethnologe. Nach dem Erwerb des Diploms 1988 war er an verschiedenen Instituten befristet tätig; heute ist er freier Publizist. Gegenwärtig arbeitet er an der Biografie eines wendischen Erbuntertanen des Fürsten von Pückler. Diese soll - voraussichtlich - 2009 als Monographie erscheinen.
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