05
Zur Startseite

Anhang 2

Aus dem Leben eines Taugenichts

Anonym


Die Jahre 1804-1806 aus den „Aufzeichnungen eines Ungenannten/
über das/ Leben in Muskau, Beziehungen zur/ gräfl. Pücklerschen Familie, von 1802-1806/
ferner über des Schreibers Sohn (Taugenichts, Officier, etc.) 1801-1809“.

Die Aufzeichnungen wurden weitgehend in der originalen Schreibweise belassen. Die offenbar an verschiedenen Orten auf verschiedenen Blättern angefangenen und willkürlich an anderer Stelle fortgesetzten Notizen erhielten lediglich eine chronologische Ordnung. Fragwürdig oder gar nicht entzifferte Wörter oder Satzteile der stellenweise sehr unleserlichen Handschrift, vor allem Orts- und Personennamen, sind durch eckige Klammern gekennzeichnet. Der Informationsverlust ist jedoch unbedeutend und hat keinerlei Einfluß auf die Verständlichkeit des Ganzen.


Kleine Kinder, kleine Sorgen,
große Kinder, große Sorgen.
Volksmund.

1804

1. Jan. Nur meines Sohnes Breduile trübte mir manche Stunde, aber auch diese Wolke vertrieb d. Güte Gottes am Schluße des Jahres, als H Poszert Brief mich versicherte, daß A. die letzten beiden Monate sich beßer aufgeführt.
19. Jan. 1804. Briefe v. H. Poszert erheiterten mich u. bewirkten frohen Muth in die Meinigen. Er ist mit Aug. zufrieden, hat Hoffnung, ihn in Bugenhagen unterzubringen u. giebt ihm Erlaubniß, uns Ostern zu besuchen.
23. Januar. Die Comteßen ließen sich gestern anmelden; ich war also gedrungen, sie heut zu bitten. Sie waren sehr vergnügt. (Holzhändler v. Cottbus. Medoc.)
31. Jan. Briefe v. P. bestärkten mich, daß er [ein Wort unleserlich] treu sei u. bleibe.
9. Febr. Zu Hause gekommen erbrachen wir e. Brief v. August. Eiskalt war der Inhalt. Nicht eine Spur eines feinen Gefühls. Gern wollte ich den Anblick eines Menschen entbehren, der m. Herzen so fern steht Vielleicht ist’s gut u. auch Gefühllosigkeit nöthig, um mir die wahrscheinl Trennung von ihm erträglich od. unmerklich zu machen. S. Aufführung war 4 Jahre lang eine reiche Quelle des Kummers f. s. Aeltern.
10. Ich bemühe mich, m. undankbaren Sohn zu vergeßen.
15. Febr. Ein Reisediener Strauchs aus Stettin brachte keine guten aber auch keine schlechten Nachrichten.
14. März. Br. v. Aug. bestärkte mich von der Notwendigkeit, nach Stettin zu reisen.
19. März. Jahn schrieb, daß August oft Händel suche u. öffentlich Streit habe.
21. März. Brief Poszerts v. Leipzig, daß er heute in Cotbus sein werde. Reise hin mit Qual.
24. März. Abends 6 Uhr kam P. v. Cottbus an. Wir würden ganz glückl gewesen sein, wenn uns Relation über August mehr gefallen hätten.
29. 9 früh verließ uns P. begleitet von uns. Dank u. Segenswünschen.
April 13. Die unerwartete Ankunft unseres Sohnes Nachts 12 Uhr.
15. August hat ziemlich guten Verstand, aber er will glänzen u. s. Jugend genießen. Geld hat nur zu dies. Endzweck für ihn Werth.
18. April. Gest. Zank. Augusts Stolz, Härte, Hitze.
19. April. Wieder ein schreckl Tag. Ein Brief v. P. mit d. Nachricht, daß u. Sohn eine Schlägerei gehabt u. dieß mit 60 rtl büßen sollte. S. Leichtsinn ist grenzenlos.
21. April. Mir machte Augusts Rückreise Sorgen. Ich konnte keine Pferde bekommen. Gott half. Fuhrleute gingen durch. Mit ihnen kann Aug. bis nach Razdorf gehen.
24. April. Eher als wir vermutheten kamen die Fuhrleute zurück. Thränen.
26. April. Heute wird er wohl v. Frankfurt abreisen. Daß ein Schiffer gleich in Razdorf sein sollte, darf ich kaum hoffen.
1. Mai. Nachricht, daß Aug. in Razdorf glücklich angekommen u. zu Schiff weiter gegangen ist. (Schützenältester gest./ 2ten Jul.)
9. Juni. Leider wieder eine Hiobsbotsch. v. P. August lebt häusl. u. eingezogen, hat ab. ein Liebesverhältniß mit ein. Dienstmädchen des Hauses u. dadurch alle Liebe s. Prinzipals gänzl. verscherzt.
Juni 14. Auf d. Schloße gegeßen.
20. V. August nur ein Blättchen, aber ein desto sehr freundschaftl Brief v. Poszert. Er klagt nicht über August, möchte aber, daß er mehr auf d. Zukunft denken möge. Also ist er immer noch leichtsinnig.
12. Juli. Feier des Geburtstages des Grafen.
30. Julius- P. nun mit Aug. zufrieden.
30. Juli. Am Geb.tage: erhalte u. vermehre die fast neubelebte Hoffnung an m. Sohne einst Freude zu erleben.
2. Aug. Ein Brief v. P. Augusten ist d. Urtheil gesprochen, er wird Michaelis entlaßen.
9. Aug. Hoffnung erweckender Brief v. Jahn macht mich heiter.
16. Aug. Briefe v. Aug. ohne Gehalt. Die fortdauernde Ungegewißheit wegen der Lage meines Sohnes macht mich betrübt.
20. Aug. Geburtst. der Comt. Clem. Die Mädels waren nicht zum Souper u. Ball geladen. – Dank sei Gott, daß ich dem Schloße zu weiter nichts als den gewöhnl Artigkeiten verpflichtet bin. Menschen, die sonst über die declassirte Maitreße des Grafen lachten u. spotteten, buhlten frech schon um ihre Gunst.
24. August. Brief v. H. P. störte meine Ruhe u. Zufriedenheit aufs Neue. Nach selbigen u. den letzten Briefen ms Sohnes, die ich durch die rückkommenden Leinwand-Wagen erhielt, mußte ich ein Rezitif sr. alten Seelen-Krankheit befürchten. letztere überzeugten mich wenigstens daß er gegen s. Eltern nicht die geringste Liebe mehr habe.
1. Septbr. Im Laufe dies. Mon. muß sich das Schicksal meines Sohnes entscheiden.
8. Septbr. Besuch v. Strauch.
9. Briefe v. August.
12. Septbr. Br. v. P. August lebt nur dem Augenblicke.
26. Septbr. Die Herrschaft gab eine elende Comödie, um ihre Freude über des H. Grafen glückliche Wiederkehr aus dem Bade mit der Marco zu beweisen u. wir wanderten alle trotz des ungestümen Wetters dahin.
30. Septbr. Michaelisschießen. Die ganze Herrschaft war anwesend.
8. Octbr. Briefe v. P, aber so wenig günstig f. Aug. als für m. Ruhe.
11. Octbr. Mein Sohn ist u. bleibt ein Taugenichts wie Hfr Jahns Brief mit heute zeigt. Schrecklicher hat noch kein Mensch mich getäuscht, als mein Sohn. Ich sehe keine Möglichkeit den Aufwand ferner zu bestreiten.
18. Octbr. Gevatterschaft bei ... [der Name fehlt]. Die anwesende Herrschaft machte die Gesellschaft zahlreicher, aber nicht heiterer.
21. Br. v. Aug. gab mir Beweis sr Heuchelei. Er erwähnte s. abermalige Vergehg mit kr Silbe.
27. Octbr. Der Graf ließ die Mädel zum Souper u. Ball bitten, der Vater schlug es aber ab.
28. Der Gr. hatte sich besonnen, daß er einen dummen Streich gemacht, ließ um Verzeihg u. die Aeltern auch bitten. Ich blieb nach einer schlecht gelieferten Comödie zu Hause, Fr. u. Kinder depreziren das Eßen und gingen um 12. Uhr zum Balle. Leider mußte ich der Car. auch eine Rolle für’s künftige Stück erlauben.
1. Novbr. Brief an Hfr Poßert: Kann er nicht retten, so soll er schonen d. Mutter u. die Ehre d. Familie. Briefe v. Aug. so so.
7. Novbr. Carol. zum Diner, weil sie Comödie spielen muß morgen. morgen Schloß Fete.
8. Novbr. Pagenstreiche. Souper u. Ball wegen des alten Grafen Geburtstag.
9. Novbr. Die Christel soll zur Hochzeit einer Schloß-Nymphe mitgehen, die der H. Graf ausrichtet.
13. Novbr. Hochzeit auf d. Schloße, [Colbel] mit der Crügerin. Christel zum Eßen, Caroline mit der Mutter zum Ball.
20. Die gräfl Kinder bei Hempels.
24. Novbr. traf Graf Henkel hier ein.
25. Novbr. Comödie. Pagenstreiche. Caroline zum Souper.
26. Novbr. Abends Mutter mit d. Mädels zum Balle auf d. Schloße.
27. fortdauernde Jagd der Fremden wegen.
10. Decbr. Ein Brief v. Aug.
24. Decbr. Brief v. Poßert. Er ist beßer zufrieden u. giebt um 5 [Kürzel f. Reichstaler] p. Monat Gehalt.

1805

10. Jan. Ein Cober mit Gänsebrüsten a. Stettin. Eine blose Adreße v. Poszert: Ob Aug. abermal Ursache zur Unzufriedenheit s. Prinzipal gegeben habe.
13. Febr. eine Comödie.
27. Febr. ein Ball – Carricatur, wie ihre Masken.
28. “ Caroline wegen der Comödie zur Tafel, dann wieder Ball
11. März. Br. v. P. zwar eher sonderlich Klagen, aber Zusicherung, daß Aug. auch höchst leichtsinnig sei.
21. März. Wieder e. Hiobspost v. Stettin. August hat wieder Händel gehabt u. Poßert ist sehr aufgebracht. Ich soll ihn zu mir nehmen. Er hat sich seit einiger Zeit gut betragen, heißt es im Briefe.
22. Schrieb ich n. Stettin, auch an den v. mein. Sohn geschlagenen Kristmann.
28. März. Ich war zieml weg. Stettin beruhigt. Aber heute ward m. Ruhe durch einen Brief v. P. der Alles was Hübner schreib, wiederholte, aufs Neue erschüttert.
31. März. Comödie
19. April. 2. Ostert. Briefe v. P. überzeugten mich von m. Sohnes Unwürdigkeit u. Leichtsinn. Die Gräfin zelebrirte ihrer Schwester Geburtstag bei Edelmann. Ihr Wille, eine große Gesellschaft zu bewirthen, war gut, aber die Witterung entsprach nicht.
20. April. Eine Verlegenheit, die Grund in der Muskauer Sittenlosigkeit hat. Meine Tochter soll der hochgr. Maitreße sticken lernen. Gemeiner Umgang ist unvermeidlich.
22. Die Comteßen ließen sich zum Caffee melden
28. April. Mündl Kunde, daß mein Sohn n. Frankreich od. Spanien ginge, macht mich etwas frieren.
Mai:
2. Alex. Röhde
6. der Abschied v. Alex. Röhde machte mich weichmüthig.
20. Mai. Ein kl. Briefchen an die Mutter. Wahrscheinl auch wieder ein windiges Project. Er schreibt, daß er nach Frankr. gehen werde. In Alexanders Brief [stahl] Cadix. In 3 Tagen will er ausführlich schreiben.
23. Mai. Endl ein Br. v. Aug. Wie er in Stettin angefangen hat, will er auch enden. Aufs Geradewohl will er nach Bordeaux gehen. Die Franzosen sollen s. Talenten huldigen. Beinahe werde ich gleichgültig gegen d. Menschen.
26. Mai. Ankunft der Mad. Weidner v. Stettin. Wenn nur die Hälfte wahr ist von dem, was sie von Aug. Leben erzählt so ist er keine Thräne mehr werth.
13. Juni. Heute schrieb P. daß Augusts Projecte Wind wären, er aber Aussicht hätte, ihn unterzubringen. Er ist ein edler Mann, mein Sohn ein Narr.
16. Der von Riga verschriebene Kahn hatte Zollfreiheit [zwei Wörter unleserlich] Trauerspiele: Der Handel in Händen v. Juden. Holzhandel nach [Puttbus]
12. Juli. Der Graf feiert heute seinen Geburtstag in Reichwalde.
24. Juli. Ein nichts enthaltender fehlerhafter Brief v. Aug. ließ mich wenigst. hoffen, daß es nicht Schlimmer mit ihm stehe.
30. Juli. Am Geburtstage: Sollten nicht in des Allmächtigen und Allweisen Händen sich Mittel finden, daß gerade die bisherigen Verirrungen meines Sohnes zu s. Besten dienen u. meine Ängste befriedigen könnten.
20. August. Geburtstag der Comt. Clem. sollte im Garten gefeiert w. Eine zahlreiche Versammlung genoß dort den Caffee. Gegen 6 Uhr vertrieb uns d. Regen.
11. Sptbr. Soll d. Jahr nichts als Angst u. Sorgen machen? Nun kommt außer d. Furcht vor Theuerung auch das Kriegsgeschehen.
27. Sptbr. Eine traurige Post. Alex. Röhde † den 12. in Petersburg. Was wird mein Sohn sagen. Nicht einen einzigen unter m. Bekannten hatte ich hier, der Alex gliche, schreibt er mir, als er den Vollendeten in Stettin umarmte.
4. Octbr. Ich schrieb nach Stettin.
5. Octbr. Comtesse Agnes Geburtstag ward im Garten gefeiert.
Im Octbr. Durchmärsche eines Corps Preußen angesagt.
2. Novbr. Einquartirung.
8. Novbr. Nach der Einquartirg. Eine ganz elende Comödie machte die Feier des alten Grafen. Ball war versprochen. Wer tanzen wollte, konnte es thun für 12 [Kürzel f. Pfennig] Spott der zurückgebliebenen Officirs war Folge dieser Knickerei.
14. Novbr. Gott laße nach 6 angstvollen Jahren mich einmal Freude an meinem Sohn erleben.
17. Novbr. Gevatterschaft bei Factor Flach in Ceula mit Gräfin, Comt. C. u. Flach allgemein sehr vergnügt. (Baumgarten. Auf der Fähre fahren.) Orangenblüthen felen.

1806

25. Mai. Die Aeltern waren zu Mittag. Spazieren auf die Allaunberge, Capellenh. auf dem Anger. [Rest unleserlich.]
26. Mai. Radauh. Röhde u. Schefer gingen klettern (auf die Stange)
14. Juni. Schießen. Röhde, Flach, Schefer u. alle jungen Herrn. v. Musk. waren da. Abends gesungen, zum Spinet.
21. Juni. Comödie: die Mündel v. Ifland nachher zu [Neuberichs] a. d. Ball
25. Juni. Schießen in d. Schießkahle. Die Gräfin war Königin, sie führten sie herein.
26. Juni. Zu Flachs kam auch die Herrschaft.
4. Juli. Bleiche. Ich war den ganzen Tag [furchtbar besch.]. Nach 7 Uhr kam Graf Hermann heraus geritten u. blieb eine wenige Zeit da stehen u. indem ging Röhde vorbei.
11. Juli. wir hatten auch d. Unglück, mit Hermann gehen zu müßen.
3. Aug. Ich sollte a. d. Theater singen, mit der Cammerjungfer der Gräfin.
5. Aug. Ich wartete, bis die Gräfin würde schicken, daß ich sollte in d. Probe kommen, sie schickte aber nicht. – Unterdeßen schickte die Gräfin. Wie wir kamen, sangen sie noch, dann stellten sie sich zum ... Jede Dame hatte ihren Herrn u. ich grade sollte mit der Gräfin ihr [ein Wort unleserlich] tanzen. Ich dankte unterthänig für die Ehre. Die Fr. Gräfin nahm dieß sehr übel u. sagte mir eine Grobheiten. Mir ging dieß nahe.
10. Aug. Comödie. Ein kl. Singstück; dann die [Septe] getanzt u. dann die [Libbe] in Spanien. Es war Ball auf dem Schloße, wir waren aber nicht gebeten. (Singen u. Guitarren Spielen.)
24. Aug. Nachmittag gingen wir in d. Kirche, weil der Hofprediger seine Abschiedspredigt hielt. Nach d. Kirche gingen wir aufs Schloß, der Gräfin Seidewitz unser Compliment zu machen.
21. Septbr. Preuß. Einquartirg auf d. Durchmarsch.
30. Septbr. Schützenzug. Schießen. Tanz. Mit der Gräfin sehr viel getanzt.
31. Octbr. war die Ordination des Hofpredigers Petrick.
18. Novbr. Die Hochzeitgäste waren zu Mittag auf d. Schloße u. zum Thee u. Abendbrot bei der Marko u. Abends haben sie getanzt.
7. Decbr. Die Aeltern waren auf d. Schloße zur Tafel. (Consist. Rath Schwarz, Hempel)

Die vollständigen "Aufzeichnungen" usw. sind auf der Webseite http://schefer.kulturpixel.de/ zu finden.

Zum Anhang 3. „Eine Pressemeldung.“

Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen

Zur Startseite

Nach oben

made by hsulzer webdesign © 2007