Anhang 1
Der Schloß-Secretair berichtet
Auszug aus Ludewig Traugott Heinrich Wolffs Aufzeichnungen 1767–1824.Zeitraum 1804–1806 in chronologischer Reihenfolge.
Stolz lieb’ ich den Spanier.
Friedrich Schiller.
[1804]
1804. 15. Juny. Diese Nacht um l Uhr ergoß sich der Neußfluß ungeheurer Art aus seinen Ufern, und verursachte eine gräßliche von ältesten Menschen nie erlebte Waßerfluth die das ganze Mußkauer Thal der Art und so schnell unter Waßer sezten daß man sich sogar vom Schloß retiriren muste.
Der ältere Herr Graf Pückler, der aufm Amthauße wohnte – muste sich im Kahn über den Kirchdamm zur Stadt transportiren laßen:
Die herrschaftlichen Pferde konnten nur mit Noth aus den Marstall gerettet werden. Auf dem SchloßVorwerge muste 38 Stück Rindvieh ohne mögliche Rettung ersauffen. Der ganze herrschaftliche Garten war eine Fluth, und die Verwüstung war gräulich. Alle Brücken waren demolirt, ja sogar die steinerne Brücke die vom AmtsHauße nach der Stadt führt ward zertrümmert. Haußgeräthe, Wiegen wältzten sich auf den Wellen einher – Menschen von der Schnelligkeit überrascht hatten sich auf Bäume gerettet und musten da mit Furcht und Zittern ihres Schicksals gewärtigen bis die Fluthen sich legten, was zum Glück schon den 16ten beträchtlich erfolgte. Schrecklich waren die Verwüstungen nach Verlauf des Waßers anzusehen. Der ganze kleine Garten war zerstört. In Schloß und Wein Kellern war alles unter und übereinander geworfen und größentheils zertrümmert und unbrauchbar.
Ein einziger Mann, der damahlige Rechnungs Examinator Sieber hatte sich ins Schloß begeben, zur Aufsicht in eintretenden Ereignißen.
den 17ten war das Waßer wieder in seinen Ufern, aber es hatte hin und her Löcher von 12 Ellen tief ausgewaschen, und der Schade der übersandeten Felder und Wiesen war sehr groß.
27. Novbr. Ward ich zum Vormund des jungen Grafen Herrmanns bestätiget, um mit Ihm Quittung auf 250 Thlr. des 4ten Theils der Gardarobentaxe vom verst. Grafen v. Callenberg .zu erstreiten.
[1805]
1805: Verhängnisreiches Jahr
29. April Reise des Standesherrn nach Frankreich zum Oncle H. Grafen Latour du Pin nach Conde. Comtess Clementine und Bianca begleiteten denselben. Comtess Agnes war bereits vorigen Jahres von ihrer Mutter dahin geführt und gelaßen worden. Rückkehr M. Juny mit allen 3 Töchtern
Das Schloß wurde gründlich abgeputzt.
Einer der Schloßthürme moderner Art neu aufgesezt
Es wurde ein Bad mit Tempel massiv in Garden gebauet.
Ein Allaun Magazingebäude bey der Allaunhütte erbauet.
Der linke Flügel der Wirtschaftsgebäude des Schloßvorwercks ward gebauet.
Durch Verwüstung der schrecklichen Waßerfluthen im vorigen Jahre und Misrathung der Erndte an vielen Orten.
Durch Unterlaßung nöthiger Vorsorge wegen Zufuhr von Getreyde von Auswärts, entstand eine große Theuerung und Hungersnoth. In dieser bedrückten Zeit rief ich den Beystand der Fr. Gräfin Seydewitz, des Herrn Graf Curt von Callenbergs und der verwittweten Frau Gräfin Callenberg flehentlich auf, und erhielt
50 Thlr. von der Fr. Gr. Seydewitz
50 Thlr: von d. H. Gr. Curt Callenberg und
von der Fr. Gr. v. Callenberg einen wesentlichen Betrag.
Der Scheffel Korn muste in Görlitz mit 16 Thlr. 20 gl.
Gerste 12 Thlr. 12 Gl.
Weizen bis 20 Thlr.
Hafer 8 Thlr. 8 gl. bezahlt werden.
Durch gemeinsame Obsorge ward Korn erkauft, gemahlen, gebacken, und allwöchentlich beym Superintendent Vogel, beym Hofgerichts Director Hempel, und bey mir Brod und Mehlvertheilungen veranstalltet. Drey solcher Austheilungen fanden bey mir statt
am 19. July – 132Brode
28. July – 129 Brode und Mehl
3. Äug. – 131 Brode und Mehl
Bey diesen drückenden Zeitumständen führte ein unglückliches Verhängnis noch einen Krieg herbey! Der französ. Kayser Napoleon hatte sich zum König von Italien krönen laßen. Er hatte Genua dem französ. Reiche einverleiben laßen, und andere große Eingriffe in Italien für sich und seine Familie gemacht. Das glaubte Oestreich und Rußland nicht geschehen laßen zu müßen. Sie boten sich die Hände, und wollten mit vereinten Kräften Napoleon zwingen davon abzustehen und einen allgemeinen Frieden der das Gleichgewicht sichern – einzugehen. Unglücklich aber war der Erfolg. Oestreich wurde mit einer zuvorkommenden Schnelligkeit durch französ. Übermacht – besonders durch unbefugtes Durchmarsch von Anspach und Bareyth – überzogen, ehe noch die verbündigten Rußen heranzukommen im Stande waren, daß es auf allen Punckten geschlagen wurden. Die berühmte Bataille bey Austerlitz führte die 3 Kayser, von Oestreich – Rußland und Frankreich persönlich gegen einander und Erster und Lezter boten sich die Hände zum Frieden.
Am 7. Octbr. war der Vorhang des großen Trauerspiels bey Neuburg an der Dunau aufgezogen worden und den 27. Decembr. fiel er wieder zu Presburg
[1806]
1806. 16. Dec: Begleitete ich Comtess Clementine und C. Bianca nach ... in Pension zur Frau Kammerherrin von Knoch
1807. 3. Mart. muste ich dieselben wieder bey der Fr. v. Knoch in Jauer abholen und hierher bringen.
1806. m. Octbr. tritt Preußen und Frankreich in Kampf. Aber sein vor Ihm hergehender Ruf täuscht die Welt unerhört schnell. Siege über Siege der Franzosen vernichten Preußen fast ganz. Mit Preußen fallen ChurHeßen [...] Fulda und Braunschweig. Der ganze deutsche Norden war in Gefahr.
Zum Anhang 2: „Aufzeichnungen eines Ungenannten.“
Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen